Heidenheim Naturtheater steckt mitten in den Proben für das Herbststück

Die Jugendlichen spalten sich bei „Der Herr der Fliegen“ in zwei Gruppen – diejenigen, die einigermaßen zivilisiert weiterleben möchten, und die Jäger, die Spaß haben und Abenteuer erleben wollen.
Die Jugendlichen spalten sich bei „Der Herr der Fliegen“ in zwei Gruppen – diejenigen, die einigermaßen zivilisiert weiterleben möchten, und die Jäger, die Spaß haben und Abenteuer erleben wollen. © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Joelle Reimer 03.10.2018
Das Herbststück „Der Herr der Fliegen“ feiert am 19. Oktober Premiere. Es geht um Konventionen, Werte und Sozialgefüge. Die Besonderheit: es stehen ausschließlich Jugendliche auf der Bühne.

Mit einem lauten Knall landet der Stein auf dem Holzboden. Zwei Jugendliche zucken zusammen. Dem ersten Stein folgen ein Dutzend weitere; am Ende liegen sie quer verstreut auf der Bühne im Theatersaal des Heidenheimer Naturtheaters.

„Alle auf die Bühne, bitte!“ Ulrike Valentin muss fast schreien, um all den Lärm, das Lachen und die Unterhaltungen zu übertönen. Bei der Probe des Herbststückes „Der Herr der Fliegen“ soll das Stück diesmal bis zur Pause durchgespielt werden – zum ersten Mal, denn bis dato haben die Akteure lediglich die einzelnen Akte geprobt. Und die Steine? Die werden gemeinsam mit ein paar Ästen schon mal für spätere Szenen auf der Bühne verteilt.

Ausschließlich Jugendliche auf der Bühne

Der leicht chaotische Eindruck, der vor Beginn der Probe herrscht, mag vor allem einer Tatsache geschuldet sein: der, dass diesmal keine Erwachsenen, sondern ausschließlich Jugendliche im Alter zwischen 14 und 19 Jahren mitspielen. Klar, da wird es schon mal lauter, und da muss auch die Regisseurin ab und an klare Worte finden. „Dass heute wieder jemand keine Zeit hat, ist wirklich nicht gut. Leute, wir haben nur noch drei Wochen bis zur Premiere! Also bitte, gebt alles. Ich weiß, dass es absolut super werden kann. Ich will Gänsehaut!“, sagt Valentin, bevor sie sich an den Tisch im hinteren Teil des Saales zurückzieht.

Gestrandet auf einer Südseeinsel

Wie auf ein stilles Kommando fangen die Jugendlichen an zu spielen. Und was sie da tun, tun sie gut. Hochkonzentriert, mit Spaß, voller Leidenschaft. Obwohl ein Großteil des Bühnenbildes genauso fehlt wie Maske und Kostüme, obwohl manche Textpassagen noch nicht sitzen und auch die Laufwege ab und an nicht stimmen, nehmen sie den Zuschauer doch ab dem ersten Moment schon mit auf die einsame Südseeinsel, auf der die Kinder im Roman von William Golding nach einem Flugzeugabsturz stranden.

Was dann passiert? „Nun, unser Stück ist angelehnt an die Buchvorlage. Die Ausgangsposition ist für alle gleich: Hilflosigkeit. Daraus entwickeln sich dann zwei Gruppen“, erklärt Valentin, die gemeinsam mit Stephan Fritz Regie führt. Die eine Gruppe um Anführer Ralph versucht, auch in der Wildnis ein einigermaßen zivilisiertes Leben weiterzuführen, wohingegen die Jäger – Gruppe zwei – lieber Spaß haben, Abenteuer erleben, ein wildes Leben führen möchten.

Kinder spalten sich in zwei Gruppen

Und während dieser Durchlaufprobe im Theatersaal zeigen die Nachwuchsschauspieler deutlich, wie sich die Gruppen im Laufe der Zeit verändern. Wie sich Regeln, Normen und Konventionen nach und nach auflösen. „Zuerst werden Schweine getötet, später dann sogar Menschen. Dieser Werteverlust, diese völlig fehlende Kontrolle der Situation – das löst eine große Betroffenheit aus“, sagt Valentin. Geprobt wird bereits seit Juli, und da viele der jungen Vereinsmitglieder auch im Erwachsenen- oder Kinderstück im Sommer mitgespielt haben, ist das Theater für sie zu einem zeitintensiven Hobby geworden.

Doch auch die beiden Regisseure Valentin und Fritz sind gefordert, denn sie müssen sich zusätzlich Gedanken zu Bühnenbild, Kostüme, Maske, Ton und Licht machen. „Das soll alles etwas stilisiert und minimalistisch ausfallen. Wir wollen, dass die Atmosphäre hauptsächlich durchs Spiel rüber kommt“, sagt Valentin.

Echter Wildschweinschädel auf der Bühne

Auch an Requisiten wird gespart – einzige Ausnahme dürfte da das Wildschwein sein, das in lebensechter Größe auf der Bühne liegt. „Und das ist noch nicht alles“, sagt Regieassistentin Leonie Krehl mit Blick auf das Tier. Um die Zeit darzustellen, die die Kinder auf der Insel verbringen, wird der Schweinekopf im Laufe des Stückes zum Knochenschädel – „hierfür haben wir einen echten Wildschweinkopf vom Kreisjägermeister bekommen.“ Abgekocht und gehäutet, wird letztlich nur noch der Schädel als Requisite übrig bleiben. Vielleicht nicht gerade appetitlich, dafür aber durchaus authentisch.

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