Heidenheim Assistent von Marcus Bosch begeistert in Heidenheim

Voll bei der Sache: Marijn Simons und sein Bläserquintett im Konzertsaal der Heidenheimer Musikschule.
Voll bei der Sache: Marijn Simons und sein Bläserquintett im Konzertsaal der Heidenheimer Musikschule. © Foto: Hans-Peter Leitenberger
Heidenheim / Hans-Peter Leitenberger 15.02.2018
Marijn Simons, in Heidenheim als Opernfestspiel-Assistent von Marcus Bosch bekannt, schaute mit einer Aachener Orchesterdelegation unterm Hellenstein vorbei.

Einen gelungenen Auftakt zur Konzertreihe mit Neuer Musik 2018 unter der Ägide des Heidenheimer Fördervereins für Neue Musik bot Marijn Simons am Samstagabend im Saal der Musikschule mit seinem Ensemble, bestehend aus Mitgliedern des Sinfonieorchesters Aachen.

Uraufführungen besonders geschätzt

Er komme gerne nach Heidenheim, bekannte der Dirigier-Assistent von Marcus Bosch, den er als „ersten Link“ zu Heidenheim bezeichnete. Fördervereins-Chef Werner Glatzle und dem Publikum verriet er noch weitere Aspekte seines Wirkens, etwa dass er Uraufführungen besonders schätze, weil man da „ganz am Anfang steht, ohne Tradition, nur mit dem Willen zu spielen“.

Mit seinem Ensemble, der „Elite des Aachener Sinfonieorchesters“, bot er eine aparte Eigenkomposition mit „Six Miniatures“ für Bläserquintett aus dem Jahr 2008. Filigrane Figurationen wechselten mit pointierten Klangballungen; besonders reizvoll kamen die schwirrenden „Bolero“-Zitate.

Mit präzisem Ansatz und viel Gespür für Klangsinn kamen die Linien auf der Flöte von Matthias Schmidt und der Klarinette von Philipp Stümke. Jean Hellebrands imposantes Kontrafagott lieferte im Kopfsatz prächtig gurgelnde Bassfiguren zu den spitzen Tönen von Bianca Gleisners Oboe, die auch sangliche Elemente hervorzuheben wusste.

Schwebende Figuren

Schwebende Figuren bei Molto tranquillo hatten ihren besonderen Reiz und die abwechslungsreichen Klänge bei der Hornpartie von Michael Roberts boten Schwung und Farbe. Im Andante erinnerte manches an fernöstliche Pentatonik, und der Anton Webern gewidmete Schlusssatz Andante flessibile erklang mit den für Webern typischen Einzeltönen in Gruppen und „Klangpunkten“, die eine Klangfarbenmelodie ergeben. Marijn Simons bot ein dezentes, sensibles Dirigat, auch bei „Concerto“ des britischen Komponisten und Pianisten John McCabe.

Markant kamen die Forte-Linien auf dem Klavier bei Karina Sabac. Michael Roberts zauberte auf seinem Horn einmal dezente Figuren, dann wieder temperamentvolle dynamische Steigerungen in den Raum. Das markant geführte Klaviersolo und die fetzigen Bläserrepetitionen ließen den Filmmusik-Komponisten McCabe erkennen, der Spannung mit farbigen Komponenten zu verbinden wusste.

Geisterhaft schnelle Miniaturen in der dreigestrichenen Oktave

Die profilierte Klanggestaltung auf dem Klavier und die erfrischend lebendige Spielweise von Karina Sabac begeisterte nicht nur bei geisterhaft schnellen Miniaturen in der dreigestrichenen Oktave. Beim Allegro marcato ging es mit fulminanten Forte-Partien richtig „rockig“ zu. Bei der Zugabe überraschte Karina Sabac mit einer jazzig gespielten Partita c-Moll von Johann Sebastian Bach. Das ariose Andante und das fugierte Allegro wie die Kette aus Septimensprüngen kamen mit einer „Leggerezza“, die an Duke Ellington erinnerte.

Paul Hindemiths „Kleine Kammermusik“ für Bläserquintett wurde vom Simons-Ensemble ebenfalls meisterhaft dargeboten. Rasant erklang der Satz „lustig“ und der dezent intonierte „Walzer“ mit rhythmisch markanten Fagottklängen von Jean Hellenbrand. Matthias Schmidt spielte famos auf der Piccolo-Flöte zu dem dritten Satz „ruhig und einfach“.

Bei den marschähnlichen „schnellen Vierteln“ kam Hindemiths Sinn für Humor zum Ausdruck in einer Rhythmik, die metrische Einheiten durchbricht. Leidenschaftlich, ja fast trotzig erklang der Schlusssatz.

Das goldene Lorbeerblatt

Das hohe spieltechnische Können der Bläser zeigte sich noch einmal am Schluss bei dem originellen Stück „Five Distances“ des Briten Harrison Birtwistle. Marijn Simons positionierte sich bei dem nach seinen Worten „theatralen“ Stück mitten im Publikum und die Spieler verteilten sich im Raum. Tempo und Dynamik konnte jeder Spieler selbst bestimmen, was den Klängen eine bemerkenswerte Plastizität verlieh. Alle genossen sichtlich die Freiheit, die nun mal im „Neuen“ liegt.

Und wer sich das Konzert über immer wieder gefragt haben mag, was das goldene Lorbeerblatt am Revers von Marijn Simons wohl bedeuten möge, dem sei es in den Worten des Dirigenten verraten: „Das bekommt man in den Niederlanden, wenn ein Baby angekommen ist.“ Im Fall von Simons ist das die inzwischen schon zwei Jahre alte Estelle.