Heidenheim Met-Kino zeigt elektrisierende „Carmen“

Es war einmal in Sevilla: „Carmen“ an der Met.
Es war einmal in Sevilla: „Carmen“ an der Met. © Foto: Ken Howard
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 04.02.2019
George Bizets Oper „Carmen“ überrascht als bisheriger Höhepunkt der Saison.

Besonders schön an Überraschungen ist ja, dass man sie nicht unbedingt kommen sieht. Insofern war am vergangenen Samstag auch nicht gerade mit der bislang aufregendsten Vorstellung in der dieser Spielzeit des Met-Kinos zu rechnen. Auf dem Programm vor 250 Besuchern im Kino-Center stand die Liveübertragung von Georges Bizets „Carmen“. Ein Repertoire-Reißer, der immer und überall funktioniert und nicht zuletzt gerade deshalb oft ohne allzu viel zusätzliche Inspiration über die Bühne gebracht wird.

Diesmal jedoch sollte man aus dem Staunen erst gar nicht mehr herauskommen. Das fing durchaus schon an mit Richard Eyres im faschistischen Spanien der 1930er Jahre angesiedelten Inszenierung an, die die Geschichte spannend und atmosphärisch dicht erzählt und dabei gleich den Beweis führt, dass, wer sein Handwerk versteht, auch mit einer eher immer noch konventionelle Herangehensweise sinnstiftend fesseln kann. Zumal die Sänger auch sehr überzeugend spielen.

Aber das Wunder des Abends vollzieht sich im Orchestergraben. Nun ist zwar bekannt, dass die „Carmen“ immer dort ihre schönsten Momente hat, wo gerade keiner ihrer Superhits verhandelt wird. Und ein Dirigent, der sich dessen bewusst ist und sich auch um die oft uninspiriert verschenkten Finessen dieser leider oft völlig unter Wert abgenudelten Partitur kümmert, kann schon einiges bewirken.

Was aber der in Europa nur selten in Erscheinung tretende, in Cincinnati beheimatete Elsässer Louis Langrée aus „Carmen“ herausholt, ist schlicht sensationell. Und dies von den ersten Sekunden der Ouvertüre an. Nicht nur, dass seine Tempi das Geschehen auf der Szene ständig und in jedem Fall unter der idealen Dosis Strom halten. Es ist die Art und Weise, wie der Franzose mit dem ihm hierbei begeistert folgenden Orchester immer und in egal welcher Phase des äußeren oder inneren Geschehens den Nerv einer Geschichte trifft, die man so plötzlich nicht mehr nur als sattsam bekannt mal eben mitnimmt, sondern in die hinein man sich mitreißen lässt, als bekomme man sie zum ersten Mal erzählt.

Langrée beschwört eins zu eins auch musikalisch diese explosive Gemengelage aus Eros und Gefahr, subtiler Gewalt, hilfloser Wut, heilloser Begierde, aufreizender Überheblichkeit oder falscher Bescheidenheit herauf, die allem zugrunde liegt und liefert einen geradezu elektrisierenden Anschauungsunterricht dafür, was ein Dirigent alles bewirken kann.

Auch die Sängerinnen und Sänger, nicht nur die grandiose Französin Clémentine Margaine in der Titelpartie, sind eine Wucht. Besser geht's kaum.

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