Heidenheim Herr Schmidt und Herr Bosch, wie schaffen Sie das?

Frank Schmidt und Markus Bosch: Musik machen, Fußball spielen - das machen Tausende in unserer Gegend. Doch keiner macht es besser als der FC Heidenheim und die Opernfestspiele Heidenheim.
Frank Schmidt und Markus Bosch: Musik machen, Fußball spielen - das machen Tausende in unserer Gegend. Doch keiner macht es besser als der FC Heidenheim und die Opernfestspiele Heidenheim. © Foto: HZ
Heidenheim / Hendrik Rupp 17.08.2018
Zwei Männer, die ihr Umfeld unbedingt auf Leistung bringen – auch, wenn es weh tut. Frank Schmidt und Marcus Bosch über Beifall und Buh-Rufe, Tabellen und Taktstöcke und darüber, dass Zufriedenheit sehr riskant sein kann.

Frank Schmidt, so was hat man als FCH-Trainer sicher im Kopf: Platz 13, 42 Punkte, 50 zu 56 Tore, das ist . . .

Schmidt: unsere bisher schlechteste Zweitliga-Bilanz, der Endstand der vergangenen Saison. Na klar hat man das im Kopf. Es war ja auch nicht besonders erfreulich.

Jedenfalls war es glasklar. Marcus Bosch, wünscht man sich als künstlerischer Leiter von Opernfestspielen manchmal eine so präzise Wertung wie im Fußball? Mit Ligen, Tabellenplätzen, Punkten? Wo der FCH steht, ist unbestritten, wo Heidenheims Oper steht, kann man als Laie ja nirgendwo so klar ablesen.

Bosch: Manchmal wünsche ich mir das schon, ja. Wenn Heidenheim gegen Hamburg spielt und gewinnt, dann ist das sonnenklar, wenn wir einen Abend besser spielen würden als die Staatsoper, dann ist das einfach nicht im gleichen Maße objektivierbar. Ich kann es spüren, die Besucher vielleicht auch, aber es gibt ja kein Ergebnis. Das müssten dann schon zehn Zeitungen auf einmal schreiben, und auch dann wird es eben geglaubt und weniger gewusst.

Schmidt: Na ja, aber wenn wir beispielsweise gegen Jeddeloh II verlieren würden, dann hilft kein Glauben mehr, das ist dann schlicht gnadenlos.

Das ist ja die Frage: Im Vergleich zum Fußball spielt man eine Oper ja vor geneigtem Publikum und ohne gegnerische Fans, die einen ausbuhen.

Bosch: Ganz so ist es nicht, wenn man zum Beispiel in Nürnberg Wagner dirigiert, wird schon viel diskutiert, und man merkt schon, wie das Publikum den Vergleich sucht und nachschaut, ob man ein Stück zum Beispiel schneller gespielt hat als anderswo.

Wie beim Galakonzert 2018 in Heidenheim: Beethovens 9. in knapp über 65 Minuten!

Schmidt: Ich denke, die Bewertung von Kultur ist ungleich schwerer. Bei uns steht hinter jedem Spiel ein ganz einfaches Ergebnis mit zwei Zahlen. Das saust sofort durchs Internet, das gibt es in jedem Rundfunksender, in jeder Zeitung. Dieses Ergebnis ist ja auch nicht falsch, aber es gibt natürlich nicht immer ein Spiel wieder. Manchmal finde ich es schade, dass man ein Spiel nur auf den Endstand reduziert, und manchmal findet man dieses Ergebnis als Trainer auch unfair und unangemessen. Andererseits ist es natürlich das, was wir als Fußballer wollen: ergebnisorientierte Auseinandersetzung, sich mit dem Gegner messen, gewinnen.

Dieses klare Ergebnis ist aber ja auch das stärkste Argument. Wenn der FCH einen Gegner 7:0 versenken würde, könntest Du nach dem Spiel in der Kabine ja schlecht eine Gardinenpredigt halten.

Schmidt: Nein, das machen bei uns ja manche Zuschauer, die vermissen dann das 8:0 (lacht). Nein, im Ernst: Als wir in der vergangenen Saison Union Berlin schlugen, war das zwar ein Sieg, aber wir hatten uns mehrfach und völlig unnötig in Gefahr begeben, Fehler gemacht, mit denen wir unseren Vorsprung riskierten. Da kann ich auch nach einem Sieg nicht nur Hurra rufen.

Von der Kabine in den Orchestergraben und noch einmal die gleiche Frage: Wäre es für einen Dirigenten reizvoll, so unanfechtbare Ergebnisse wie im Sport zu haben? Und wie spricht man bei der Oper seine Mannschaft an?

Bosch: Ich glaube nicht, dass Künstler und Musiker eine Ansprache ertragen würden, wie sie in Fußballkabinen üblich ist. Die Lage ist schon vergleichbar, aber wenn ein ganzes Orchester Probleme hat, steht doch immer zuerst der Dirigent im Mittelpunkt. Gut, wenn ein einzelner Musiker Fehler macht, dann hört das jeder und das ist dann auch unbestritten, aber bis ein Profi-Orchester bei Problemen „wir“ sagt, dauert es sehr lange. Grundsätzlich ist der Dirigent gefragt. Und das ja nicht nur bei der Probe, sondern auch bei den Aufführungen. Ich dirigiere ja, das ist sozusagen ein millisekündlicher Abgleich mit der ganzen Mannschaft. Jede Bewegung von mir löst etwas aus und umgekehrt

Das hätte man im Fußball auch gerne, oder?

Schmidt: In der Tat. Uns bleiben da ja nur Tricks wie beim Torjubel.

Bosch: Beim Torjubel?

Schmidt: Oft mokieren sich Zuschauer ja sogar über exzessiven Torjubel. Was aber niemand sieht, ist, wie man sich während des Jubels als Trainer einen Spieler heranwinkt und ihm Anweisungen gibt, die er dann an die Mannschaft weiterleiten soll. Das ist während des Spiels ja die einzige Kommunikation, die mir möglich ist.

Bosch: Umgekehrt kannst Du von Spiel zu Spiel immer wieder neu trainieren und justieren. Bei so einer Opernsaison wird ja bis zur Premiere geprobt und das war es dann, dann läuft das alles quasi durch, dann kann man nichts mehr grundlegend anders aufstellen. Ihr macht nach jedem Spiel eine Videoanalyse, und da kann sich dann keiner rausnehmen.

Schmidt: Oh ja.

Bosch: Schon allein deswegen sind die Proben bei uns elementar wichtig. Ich nehme als Beispiel mal unser Beethoven-Konzert in Heidenheim. Bei der vorletzten Probe war es noch undenkbar, dass das Konzert so werden würde, wie es wurde, das war eine echte Leistungsexplosion. Das liegt an der Mentalität der Musiker, es liegt aber auch an der Energie, die ich an einem Abend da reinpumpen kann.

Jetzt ist das Wort „Mentalität“ gefallen, zusammen mit „Charakter“ und „Psychologie“ ja auch ein magisches Fußballwort. Beim FCH macht der Unterschied zwischen Heimkulisse und Auswärtsspiel ja sehr viel aus?

Schmidt: Wie wahr! In der Heimtabelle waren wir Vierter.

Spielt so was eigentlich auch in der Musik eine Rolle? Eigentlich gibt es da den Beifall ja nur am Ende.

Bosch: Ja, aber man schätzt das Publikum schon auch während der Aufführung ein. Da gibt es zum Beispiel die Husten-Häufigkeit.

Schmidt: Das hört man bei uns nicht.

Bosch: Klar, aber bei uns ist das ein Indikator, und es gibt wie im Fußball ganz unterschiedlich gefüllte Säle. An einem Montag ist ein Publikum einfach anders als einem Freitag, und Du merkst das einfach.

Stellen wir uns vor, das Publikum beim Fußball verhielte sich wie in der Oper. Es gibt mehr oder weniger Applaus, aber keine Bengalos, keine Choreo, keine Banner, keine Pfiffe oder Sprechchöre. Das wäre?

Schmidt: Unglaublich viel langweiliger, da wollte ich nicht Trainer sein. Emotionalität gehört beim Fußball dazu, und die Kulisse muss sein.

Bei der Oper und den Konzerten hat man in Heidenheim ja oft den Eindruck, man klatsche lieber nicht als an der falschen Stelle. Wie sieht man das als Künstler?

Bosch: Also beim zweiten Beethoven-Konzert haben die Leute nach dem ersten Satz geklatscht, und das ist für mich vollkommen in Ordnung.

Also Spontanbeifall auch nach einer Arie ist kein Fauxpas?

Bosch: Nein, da freuen wir uns drüber, das ist doch toll. In Italien klatschen die Zuschauer bei Verdi etc. vor lauter Begeisterung oft schon in die letzten Töne der Arien hinein, das kümmert niemanden.

Ein Klassik-Publikum mit Fahnen und Bannern wie bei der Last Night of the Proms wäre also gut?

Bosch: Ja klar, so was schafft doch Zugang.

Dirigent und Trainer arbeiten mit Mannschaft und Orchester, die jeweils eine starke Eigendynamik haben. Dennoch muss man sie trainieren und dirigieren, formen, sie lenken, und das im Zweifelsfall auch sehr autoritär. Wie muss man sich das im Alltag denn jeweils vorstellen?

Schmidt: Tatsächlich bezeichne ich mich ja selbst oft als Dirigent: Ich kann sozusagen nicht jedes Instrument spielen, aber ich weiß, wie es klingen muss. Klar ist, dass man eine Atmosphäre der Eigenmotivation schaffen muss, in der sich der Spieler selbst am meisten antreibt. Wenn es dann nötig ist, muss der Trainer eingreifen, übrigens nicht immer nur mit Kritik. Man muss einen Spieler auch mal in den Arm nehmen können. Ein Trainer darf nicht nur draufhauen.

Dennoch: Sowohl Marcus Bosch wie Frank Schmidt müssen ihre Teams auf unbedingte Leistung polen – und wenn man die Leistung nicht bringt, ist man raus.

Bosch: Na ja, da gibt es schon einen gehörigen Unterschied zwischen einem Festspielorchester und dem regulären Betrieb. Das Orchester in Nürnberg besteht aus Profis, die zumeist einer unglaublich starken Gewerkschaft angehören. Ich kann da schon mal jemanden ablehnen, wenn er die Leistung nicht bringt, für einen Auftritt oder eine Aufzeichnung. Aber wenn man das zu oft macht, habe ich 100 Leute gegen mich.

Aber bei der Cappella Aquileia kannst Du ja sortieren.

Bosch: Ja, da kann ich das über die Einladung regeln. Aber auch da geht es übrigens nicht immer nur um die absolute Leistung. Es kann sein, dass jemand makellos spielt, aber einfach nicht ins Team passt.

Spannend. Im Amateurbereich kennt man das ja: „Der Freddi spielt nicht so super, aber er ist die gute Seele des Teams.“ Gibt es so was tatsächlich auch im Profibereich?

Bosch: Absolut. Natürlich darf die Leistung nicht unter ein Mindestmaß sinken, aber man muss die Mischung im Gesamten ansehen. Ich kann und will auch nicht nur Primadonnen engagieren, das würde während der zehn Wochen Festspiele nie funktionieren. Wie ist das denn im Fußball, wenn jemand an die Altersgrenze rutscht und einen Stundenkilometer langsamer läuft?

Schmidt: Vielleicht ist er im Kopf dafür ein paar Stundenkilometer schneller geworden.

Dennoch: Profifußball ist gnadenloser Leistungsdruck, der keine Fehler verzeiht.

Schmidt: Das ist mir zu platt. Jawohl, es gibt fast keinen Bereich, in dem es derart schnell vorbei sein kann mit der Karriere wie im Fußball – sei es als Spieler wie als Trainer. Aber mir ist es zum Beispiel wichtig, den Spielern die Angst vor Fehlern zu nehmen. Fehler müssen nicht schlimm sein, es müssen aber leidenschaftliche Fehler sein, keine Fehler aus Dummheit oder Faulheit. Oft tragen Fehler ja auch dazu bei, dass es danach wieder in die richtige Richtung geht.

Aber Fensterplätze für den Verdienstadel kann sich eine Profimannschaft nicht leisten.

Schmidt: Das ist klar, und da ist

der Fußball wirklich gnadenlos. Ich sage meinen Jungs immer: „Für den bereits erzielten Erfolg wurden wir gelobt, aber auch bezahlt“ – und wir müssen uns das immer wieder aufs Neue verdienen. Wer da nicht mehr mitspielen kann oder will, fällt hinten runter. Im Fußball sind Erfolge von gestern heute nichts mehr wert. Das ist ein knallhartes Business.

Auf den ersten Blick ist das Publikum bei Oper und Fußball ja schon sehr unterschiedlich. Bei der Oper wird viel gestaunt, gefühlt und eher seltener gewusst, beim Fußball sitzen mehr als 10 000 selbsternannte Trainer im Stadion, die alles, aber wirklich alles besser wissen.

Bosch: Echtes Fachpublikum ist bei uns selten, das stimmt, aber etwas zu sagen hat ja dennoch jeder, und auch wenn die Rückmeldungen bei uns sicher weit weniger kommen als im Fußball, nehme ich sie nicht weniger zur Kenntnis als Du, Frank.

Schmidt: Wenigstens kommen die Rückmeldungen bei Dir nicht auch noch, während Ihr spielt. Früher und mit weniger Zuschauern habe ich ja noch viel mehr mitbekommen von den Rängen, ich erinnere mich an ein Spiel, in dem ein „Co-Trainer“ hinter mir das halbe Spiel lang brüllte, ich solle Dieter Jarosch auswechseln. Ich habe das nicht gemacht und hätte es vielleicht damals schon aus Trotz nie gemacht. Dann schoss Jarosch ein Tor, und derselbe Mensch hinter mir schrie: „Hab ich doch gewusst, der Jarosch kann was.“ Umgekehrt feiert uns das Publikum ja auch, wenn wir 85 Minuten den größten Mist zusammenspielen und dann mit Glück auf den letzten Metern gewinnen.

Im Vergleich zu Dir als Fußballtrainer wird Marcus Bosch als Dirigent eher bestaunt als verstanden, jedenfalls laufen nicht Tausende durch die Stadt und fachsimpeln, dass sie es besser könnten als er. Wäre das für Dich mal eine reizvolle Abwechslung?

Schmidt: Als Abwechslung wäre das witzig, aber auf Dauer nichts. Fußball ist nun mal so, die Zuschauer sehen mehr und meinen, es besser zu können. Das muss man wohl akzeptieren.

Umgekehrt: Wäre es spannend, wenn Fachsimpeln und allgemeine Begeisterung für Oper auf Fußball-Niveau lägen? Wenn Sänger Autogrammstunden abhielten, es Fanshops gäbe?

Bosch: So weit muss die Oper ja gar nicht weg sein von diesen Zuständen, in Italien gibt es sogar Opern-Ultras, die manchmal bezahlt werden, um zu jubeln. Und dort gibt es echte Schlachten, da wird ein Dirigent auch schon mal von Buh-Stürmen begleitet, weil man ihn nicht mag oder er zu viel Geld wollte. Das ist alles nicht sehr weit weg vom Fußballstadion.

In Deutschland gibt es das ja nicht.

Bosch: Nein, aber auch hier kann es vorkommen, dass Du Wagner dirigierst und zwei oder drei Zuschauer finden das nicht gut, sitzen im Saal und rufen aus Leibeskräften „Buh!“. Und das Ergebnis ist dann wie bei Leserbriefen in der Zeitung: Alle reden über einige Einzelmeinungen. Was ich aber wirklich nicht vermisse, sind Sprechchöre mit wüsten Beschimpfungen, wie man sie im Fußball kennt.

Schmidt: Gut, Fußball dient da eben vielen auch als Ventil. Ich tröste mich da immer mit der Vorstellung, dass die Leute es im Stadion rauslassen und dann zu Hause wieder lieb zu ihren Frauen und Kindern sind.

Heidenheims Fußball und Heidenheims Oper stehen ziemlich weit oben – werden vor Ort aber auch gern mit höchsten Maßstäben gemessen: Beim FCH reden viele gern vom Aufstieg in die Bundesliga, Oper und Konzerte vergleicht man gerne mit Großstädten und Häusern mit x-fachen Mitteln – oder sogar mit Konserven.

Schmidt: Mit Konserven?

Na ja, es gibt ja zu fast jeder Oper und jedem Konzert eine Einspielung irgendwelcher Spitzenensembles. Das wäre, als sei das Spiel Heidenheim gegen Düsseldorf schon mal von Real Madrid aufgeführt worden.

Schmidt: Wäre ja auch mal stark (lacht).

Bosch: Ja, das ist bei uns tatsächlich so, und wenn jemand zu mir kommt und wirklich weiß, warum ihm ein Konzert von Karajan besser gefiel als von mir, dann ist das völlig in Ordnung, denn dann kann er auch meine Arbeit einschätzen. Wenn es nur so dahergesagt ist, merkt man das aber schnell.

Schmidt: Klar kenne ich den Spruch „Bei Bayern sieht das aber alles schöner aus.“ Ich denke, man muss es als Kompliment nehmen, denn natürlich hinkt der Vergleich ganz enorm, wir haben ja nicht einmal ansatzweise die Mittel des FC Bayern zur Verfügung.

Marcus Bosch und Frank Schmidt: Beides Erfolgs-Antreiber mit viel Ehrgeiz und unbedingtem Willen zu Leistung. Kann man in dieser Position eigentlich irgendwann mit irgendetwas gänzlich zufrieden sein und bei einem Konzert oder einem Spiel sagen: „Besser geht's nicht?“

Bosch: Es gibt immer den Anspruch, es noch besser zu machen, restlose Zufriedenheit kommt bei mir eigentlich nicht vor. Man geht oft glücklich von der Bühne, aber wenn Dir in Sachen Verbesserung nichts mehr einfällt, musst Du aufhören.

Schmidt: Ich kann absolute und ungetrübte Hochgefühle haben, wenn wir ein Spiel gewinnen – vor allem, wenn wir es gut gewonnen haben, wenn es ein schwerer, ein verdienter Sieg war. Freilich gilt dann die alte Weisheit „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Man darf sich die Zufriedenheit also nur ganz kurz erlauben und muss dann wieder hungrig sein auf Erfolg.

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