Heidenheim / Manuela Wolf Die Freiwillige Feuerwehr Heidenheim ist seit Jahren an den Grenzen ihrer Belastbarkeit. Auch deshalb ist die Stimmung gerade auf dem Tiefpunkt.

Wie viel Feuerwehr braucht der Landkreis? Auch bei der diesjährigen Hauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr Heidenheim am vergangenen Freitag war der Brandschutzbedarfsplan Thema. Darin werden Ist- und Soll-Zustand im Detail festgehalten. Die Abweichungen geben die Marschrichtung für die künftigen Jahre vor. Braucht es mehr hauptamtliche Mitarbeiter? Fehlt es an Schutzkleidung? Erfüllen die Löschfahrzeuge die gesetzlichen Vorgaben?

Kommandant Rainer Spahr skizzierte in seiner Ansprache ein Portrait der Stadt, das keine Zweifel offen ließ. Heidenheim als Heimat für rund 50 000 Menschen mit zahlreichen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, ortsansässigen Firmen, einem Krankenhaus und viel genutzten Verkehrswegen wie der Bundesautobahn A7 oder der Bundesstraßen B 19 und B 466, die den Stadtbereich queren, brauchen ein Mehr an Kameraden, Ausbildung und finanziellen Mitteln. „Bemessungsgrundlage für die Leistungsfähigkeit einer Feuerwehr ist keine Großschadenslage, sondern ein Standardereignis, das in jeder Gemeinde zu jeder Zeit auftreten kann. Die Hilfsfristen hierfür sind vorgegeben. Doch zur Sicherstellung dieser Hilfsfristen stehen uns an Werktagen tagsüber nur 22 Prozent der Mitglieder zur Verfügung.“

Über 500 Einsätze pro Jahr

Die Abteilungen werden zu über 500 Einsätzen pro Jahr gerufen. Dazu kommen über 130 Feuersicherheitswachen. Rund 120 Einsätze werden von den acht hauptamtlichen Feuerwehrleuten bestritten, bei weiteren 80 kommen sie unterstützend dazu. Über 300 Einsätze werden von fast 200 Ehrenamtlichen abgearbeitet. Die Belastung für jeden einzelnen ist hoch. Dementsprechend explosiv scheint derzeit die Stimmung unter den Kameraden. Aktuell sei es schwierig, so Spahr, dass manche Personen nicht miteinander reden. Doch dazu wolle er keine Stellungnahme abgeben. Er habe sich stattdessen dazu entschieden, sich bei seiner Rede ausschließlich auf die Fakten zu konzentrieren. Spahr: „Wir sind an einem Punkt angekommen, der keine weiteren Aufgaben zulässt. Gehen wir den Bedarfsschutzplan offen an, damit wir auch in den kommenden Jahren unseren Aufgaben in der Stadt gerecht werden können.“

„Braucht keine Diskussionen über Whatsapp“

Uli Steeger, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes, ließ sich dagegen einige mahnende Worte nicht nehmen. Feuerwehr sei für ihn eng mit Kameradschaft und auch Freundschaft verbunden. Doch nicht nur in Heidenheim, bundesweit würden derzeit „Probleme aufpoppen“, die mit einer denkwürdigen Gesprächskultur zusammenhingen. „Es darf und es muss auch mal eine andere Meinung geben. Aber bei der Feuerwehr gibt es Dienstvorschriften und damit klare Ansagen. Sich darüber aufzuregen und Diskussionen über WhatsApp, Facebook oder Mail auszutragen, ist nicht Stil der Feuerwehrleute“, so Steeger. Außerdem appellierte er an seine Kameraden, den neuen Kreisbrandmeister nach Kräften zu unterstützen. Rainer Spahr wird nach 15 Jahren sein ehrenamtliches Engagement als Kreisbrandmeister beenden. Der Kreistag soll am 20. Mai über einen Nachfolger abstimmen. Dieser wird hauptamtlich tätig sein.

In seinem Grußwort zeigte sich Heidenheims Oberbürgermeister Bernhard Ilg mit dem scheidenden Kommandanten freundschaftlich verbunden: „Rainer Spahrs Art zu arbeiten kann als vorbildlich bezeichnet werden. Er identifiziert sich mit den Themen, er nimmt sie ernst, und das sowohl im Hinblick auf den Gesetzgeber als auch persönlich.“

Engagement wie bei Profifußballern

Insgesamt lasse sich das Engagement der freiwilligen Feuerwehrleute mit dem von Profifußballern vergleichen. Der 1. FC Heidenheim habe mit seinem Spiel in der Allianz-Arena ein Wir-Gefühl in der Stadt geschaffen, das gutgetan habe. Training sei dafür nötig und die Motivation, immer wieder neu zu beginnen und von Einsatz zu Einsatz denken. Anders als im Fußball, bei dem die Stadt Heidenheim freiwilliger Partner sei, sei sie in Sachen Feuerwehr vom Gesetz dazu verpflichtet.

Dass dieser Verpflichtung nachgekommen wird, zeigt sich unter anderem in den Ausgaben, die im laufenden Jahr für die Feuerwehr Heidenheim anstehen. Das neue Drehleiter-Fahrzeug kostet 700 000 Euro, der neue Einsatzleitwagen 100 000 Euro. Weitere 680 000 Euro sind für die Umbauten und Renovierungsarbeiten in den Feuerwehrhäusern Heidenheim und Schnaitheim veranschlagt.

Ilg: „Feuerwehr eine große Familie“

Bis Herbst soll außerdem der Brandschutzbedarfsplan erstellt und im Dezember im Gemeinderat zur Abstimmung vorgestellt werden, Kostenpunkt: 50 000 Euro. Bernhard Ilg: „So wichtig die Ausstattung ist, so wichtig ist das personelle Pfund, das in unserer Feuerwehr Schlagkraft beweist. Für mich ist die Heidenheimer Feuerwehr wie eine große Familie. Sie hat Stärken und Schwächen. Aber wenn es um etwas geht, dann hält sie zusammen.“

Blick in den Jahresbericht

Seit zehn Jahren ist die Zahl der aktiven Feuerwehrleute mit derzeit 206 nahezu konstant. Die meisten Kräfte sind in Heidenheim tätig (65), der Rest verteilt sich auf die Abteilungen Großkuchen, Kleinkuchen, Oggenhausen, Mergelstetten und Schnaitheim.

Bei einem Großteil der 501 Einsätze im vergangenen Jahr war Technische Hilfe gefragt (271), 63 Personen wurden gerettet. Außerdem gab es 88 Alarmierungen wegen Brand. Auch hier wurde ein Menschenleben gererret. Ärgerlich: Die Leitstelle zählte drei böswillig verursachte Einsätze, insgesamt mussten die Feuerwehrleite 72 mal unnötig ausrücken.

Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Heidenheim bereiten sich in zahlreichen Aus- und Fortbildungen auf den Ernstfall vor. So absolvierten die 206 Feuerwehrleute im Jahr 2018 insgesamt 3641 Übungsstunden. mw