Kunst Mademoiselle Mirabelle als Schnaitheimer Exportschlager

Per Anhalter durch Paris: Mademoiselle Mirabelle kommt als solche inzwischen ganz schön herum.
Per Anhalter durch Paris: Mademoiselle Mirabelle kommt als solche inzwischen ganz schön herum. © Foto: Thommy Gebhardt
Heidenheim / Manfred Kubiak 22.03.2015
Mademoiselle Mirabelle ist als "Französin" ein Heidenheimer Kleinkunst-Exportschlager. Im Interwiev erklärt sie den Unterschied zwischen ihrer Kunst und dem wahren Leben und was man bei ihrem Auftritt am Freitag erleben kann.

Ist sie eine echte Französin? Oder tut sie nur so? Bei Mademoiselle Mirabelle ist man sich da selbst auf den zweiten Blick nicht ganz sicher. Auf Plakaten und Pressefotografien grüßt die Entertainerin jedenfalls immer fröhlich aus allen möglichen bekannten Ecken von Paris. Und auf der Kleinkunstbühne oder im Fernsehen parliert sie deutsch mit jenem französischen Akzent, bei denen es den deutschen Männern nachweislich immer etwas blümerant wird. Es gibt eigentlich keinen Grund, anzunehmen, dass es sich bei Mademoiselle Mirabelle um eine Heidenheimerin handelt.

Dennoch ist genau dies der Fall: Und am kommenden Freitag, 27. März, wird Mademoiselle Mirabelle nun erstmals mit einem abendfüllenden Programm tatsächlich auch in Heidenheim zu erleben sein. Im Vorfeld dieses Auftritts, der um 20 Uhr im Lokschuppen beginnen wird, hat sich Manfred Kubiak mit Mademoiselle Mirabelle unterhalten. Wird sie dabei vielleicht sogar verraten, welche Heidenheimerin genau sich hinter dieser Kunstfigur versteckt?

Frei nach Vico Torriani, Mademoiselle Mirabelle: „Kalkutta liegt am Ganges“ – und Schnaitheim an der Seine. Die erste Behauptung stimmt sowieso – und die zweite klingt, zumindest von der Geographie her, wie für Sie gemacht, oder?

Mit Schnaitheim habe ich, als Mirabelle, eigentlich recht wenig zu tun. Bon, vielleischt die Bahnhof.

In Ihrer Eigenschaft als Mademoiselle Mirabelle mag das ja so sein. Aber die sind Sie ja nicht immer. Es gibt auch ein richtiges Leben, in dem Sie nicht als Pariser Kunstfigur aus der Metro oder von der Seine grüßen, sondern in Schnaitheim an der Brenz arbeiten; dort allerdings auf dem rive gauche, das muss man schon zugeben.

Ich bin dort beruflich und privat anzutreffen, stimmt. Mehr gibt's dazu von mir aber nicht zu hören. Was ich beruflich mache und privat bin, hat mit der Kunstfigur Mirabelle nichts zu tun und würde deren Zauber nehmen. Das wäre sehr schade; und diese kleine, spannende Ungewissheit, wieviel Französin nun echt ist, wäre auch dahin.

Wir halten also fest: Eine Französin sind Sie nicht, aber wir werden uns in diesem Gespräch ganz auf die Kunstfigur konzentrieren, die rein gar nichts Heidenheimerisches an sich hat, d'accord?

(lacht) Einverstanden, und im Gegenzug bekenne ich ausnahmsweise öffentlich, aber nur in Heidenheim, tatsächlich keine echte Französin zu sein, die Figur aber mittlerweile sehr verinnerlicht zu haben. Mirabelle ist inzwischen gleichermaßen rischtisch und wischtisch für mich geworden.

Wie sind Sie denn zu Mirabelle geworden?

Die Entwicklung hat eigentlich schon in der Schule begonnen . . .

Also in Heidenheim . . .

. . . hatte auch etwas mit Freunden in Marseille zu tun und, wenn man es denn familiär legitimieren möchte, mit einem Onkel in Straßburg, den ich als Kind oft besucht habe. Ich habe auch mal in meiner Hamburger Zeit in einer kleinen Rolle eine Französin in der Fernsehserie „Gegen den Wind“ mit Hardy Krüger gespielt. Die Kunstfigur Mirabelle hat sich aber erst danach herauskristallisiert und ist, wenn Sie so wollen, letztendlich ein Kind der Großstadt Hamburg, wo in Sachen Mirabelle alles begann.

Haben Sie eigentlich manchmal Schwierigkeiten, die Identitäten auseinanderzuhalten? Verwechseln Sie sich bisweilen?

Nein, die Kunst hier, das Leben da: Ich kann das alles problemlos auseinanderhalten – und von null auf hundert umschalten, bien-sur!

Wobei ja in Ihrem Programm die eine ins andere hineinspielt, oder? Eine Kunstfigur, die Französin, wurstelt sich durch die deutsche Realität, die ja in Wahrheit auch die Ihre ist, wenn Sie nicht gerade Mirabelle sind.

Jetzt wollen Sie misch verwirren, n'est ce pas?

Nein, ich stelle mir nur gerade vor, dass es ja womöglich für eine Deutsche, die eine Französin nur spielt, einfacher sein kann, die Deutschen unter die Lupe zu nehmen.

Da ist was dran. Ich glaube auch, dass sich eine echte Französin schwerer tun würde, weil sie die Deutschen dann ja doch nicht so gut kennt. Auf der anderen Seite gilt jedoch auch: Nicht jede Deutsche kann vorgeben, eine Französin zu sein. Um mit einer Sprache zu spielen, muss man, in diesem Falle ich, eine Sprache auch richtig beherrschen, und ich spiele ja meist vor deutschem oder, auch sehr gut, vor österreichischem Publikum. In manchen Vorstellungen sitzen dann echte Französinnen im Publikum, die sagen mir hinterher, dass ich das genau richtig mache. Und das gefällt mir naturellement.

Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Darauf antworte ich am besten mal, indem ich damit anfange, was mir nicht wichtig ist. Bisweilen sagen mir Leute, als Französin müsse man das Verhältnis der Franzosen zu den Deutschen vor allem auch in seiner politischen und historischen Dimension betrachten. Aber genau das möchte ich nicht. Mir ist es wichtig, eine gute Unterhaltung zu bieten, möglichst natürlich, nicht gekünstelt. Ich will nicht die Tiefen und Untiefen der Politik ergründen, ich will auch keine Ratschläge erteilen. Ich finde, dass leichte Unterhaltung schon schwer genug ist. Und da darf es auch gerne ein bisschen trashig und albern werden.

Aber Sie bewegen sich auf diesem schmalen Grat mittlerweile offensichtlich recht leichtfüßig . . .

Der Erfolg gibt mir recht oder auch nicht. Das muss man jedes Mal neu herausfinden.

Ich wollte damit eher auf die Tatsache anspielen, dass Sie inzwischen mit einem der baden-württembergischen Kleinkunstpreise ausgezeichnet worden sind.

Dieser Preis war ein ganz offizielles Kompliment und auch eine Bestätigung für diese Bühnenfigur. Das hat mir einen großen Schub gegeben. Ich bin mittlerweile mit meinem Programm in ganz Deutschland aufgetreten, vor allem aber im Süden noch einmal bekannter geworden.

Wo würden Sie sich dann momentan einordnen im Show Biz?

Ich würde mich inzwischen schon als semiprofessionell bezeichnen, aber privat und beruflich abgesichert, weil ich nicht alles auf eine Karte setze. Das wäre, meine ich, auch etwas naiv. Ich wollte nicht alles für die Kleinkunst aufgeben. Und ich möchte auch nicht viel mehr als die 50 Auftritte pro Jahr absolvieren, die es 2014 waren. Zumal es Frauen in diesem Geschäft auch viel schwerer haben, weil sie, warum auch immer, nicht als lustig gelten.

Ihr Auftritt im Lokschuppen ist der erste überhaupt in Heidenheim mit ihrem abendfüllenden Soloprogramm. Sie machen sich rar in der Heimat.

Was nicht unbedingt an mir liegt, denn die Stadt verpflichtet für ihre Kleinkunstreihe lieber Künstler von außerhalb. Zumindest hat mir das mein Agent so weitergegeben. Also habe ich es diesmal selber in die Hand genommen, denn es ist mir schon wichtig, mich in meiner Heimat zu präsentieren. Deshalb bin ich auch ein wenig nervös.

Wer tritt denn bei Mirabelle so alles auf, wenn der Abend lang ist?

Sie trifft keine bestimmten Figuren, sie zeigt, wie schon gesagt, die Sichtweise einer Französin auf die Deutschen. Sie präsentiert ihre Reflexionen. Und die Musik spielt dabei auch eine nicht ganz unwichtige Rolle.

Viele Ihrer Kleinkunstkollegen greifen in ihren Programmen immer häufiger unter die Gürtellinie. Haben Sie diesen speziellen Bereich der menschlichen Anatomie auch fest im Blick?

Nein, das passt nicht zu Mirabelle. Aber es passt auch nicht zu mir. Heute lässt man die Leute gern über Ekliges, Vulgäres, Obszönes, Ordinäres lachen. Es gibt in dieser Hinsicht keinerlei Tabus mehr und immer weniger Respekt. Ich finde das nicht lustig.

Der erste Unterschied zwischen Deutschen und Franzosen, der Ihnen spontan einfällt . . .

Ist der, dass der Deutsche unglaublich perfektionistisch ist und sich deshalb sehr schnell selber viel Stress bereitet, während die Franzosen viel spielerischer veranlagt sind, auch wenn sie sicherlich nicht weniger um die Ohren haben. Bei einer Geburtenrate von 2,4 Kindern, alors, alors, da ist sicher auch was los zu Hause. Zudem ist der Franzose auch sehr mit sich selber und seiner Nation zufrieden.

Eintrittskarten für den Auftritt von „Mademoiselle Mirabelle“ am Freitag, 27. März, ab 20 Uhr im Lokschuppen sind im Vorverkauf im Ticketshop des Pressehauses Heidenheim (Tel. 07321.347-139) erhältlich.

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