Heidenheim / hz  Uhr
Flügelflüstern: Was die Christengemeinschaft mit den Beatles und dem Zeppelin verbindet? "Let it be" könnte man als kleinen Tipp vorweg verraten. Denn die Flügelflüsterer sagen a la „Beatles“ leise servus.

Bei der Christengemeinschaft steht ein Blüthner-Flügel. Und irgendwie passt der zum Ende dieser dreizehnteiligen Reise ins Land der Flügel. Denn die Flügelflüsterer sagen so gewissermaßen a la „Beatles“ leise servus. Die Pilzköpfe, das ist verbürgt, spielten „Let it be“, ihren Schwanengesang, mit Hilfe eines Blüthner-Flügels ein.

Der Heidenheimer Blüthner ist ein Stutzflügel und mit einer Länge von 1,60 Metern der kleinste in der Reihe der „öffentlichen Flügel“, die die Flügelflüsterer unter die Lupe genommen haben. Die Seriennummer weist ihn als Baujahr 1959 aus, was bedeutet, dass er aus DDR-Produktion stammt, auch wenn das beim Blick auf die Prägung „Made in Germany“ im Inneren des Flügels nicht auf Anhieb auffällt. Seinerzeit, die Mauer stand auch noch nicht, waren hier die Grenzen offenbar noch fließender.

Der Heidenheimer Blüthner verfügt auch über die berühmten Aliquot-Saiten, Resonanzsaiten, die ab dem g1 zur Verfügung stehen und nicht angeschlagen werden, sondern mitschwingen und für den obertonreichen, gesanghaften Klang sorgen, der den Blüthner-Instrumenten nachgesagt wird.

Pfarrer Marcel Frank, ein gelernter Orgelbauer und insofern also einer, der das einschätzen kann, ist nicht zuletzt wegen dieses Klanges „sehr zufrieden“ mit dem Blüthner. Und auch Oberflüsterer Eric Mayr ist nach vollbrachtem Testspiel voll des Lobes: „Sehr, sehr schön, ich bin ganz überrascht.“

Seit wann der Blüthner das musikalische Leben der ja auch als Konzertveranstalter in Erscheinung tretenden Christengemeinschaft bereichert, weiß Marcel Frank nicht. Bekannt ist allerdings das: „Es handelt sich um ein Geschenk von Helene Pfister.“ Die 1987 verstorbene Tochter des Botanikers, Reisenden und Schriftstellers Alfred Meebold, in deren Elternhaus in der Karlstraße auch Rudolf Steiner öfter zu Gast war, hat, wenigstens so viel ist darüber hinaus noch bekannt, den Flügel bei der Übergabe noch einmal selber gespielt.

Nicht nur bekannt hingegen, sondern berühmt ist die Pianofortefabrik Blüthner, neben Bechstein und Bösendorfer das dritte große B des Klavierbaus, die 1853 – also im selben Jahr wie Steinway in New York und Bechstein in Berlin – in Leipzig gegründet wurde. Von Julius Ferdinand Blüthner, der zunächst drei Arbeiter beschäftigte und im Frühjahr 1954 seinen ersten Flügel verkaufte. Im vierten Betriebsjahr beschäftigte er bereits 14 Arbeiter. 1873 wurde Blüthners Aliquot-System patentiert, 1876 in London eine Verkaufsniederlassung gegründet. Blüthner hatte bereits zuvor mit dem Aufbau eines weltumfassenden Vertriebsnetzes begonnen. Nach zwanzig Jahren beschäftigte Blüthner über achthundert Mitarbeiter, die Jahresproduktion stieg bis zum Jahr 1903 auf 3000 Stück, 1928, die auch für Blüthner nicht einfache Zeit während und nach dem Ersten Weltkrieg, war vergessen, erfolgte die Fertigstellungen des Instruments mit der Nummer 113 000. Und 1936 war ein 180 Kilo leichter Blüthner-Spezialflügel aus beledertem Aluminium einer der Hauptdarsteller bei der ersten Rundfunkübertragung eines Klavierkonzertes aus der Luft, als sich der Zeppelin „Hindenburg“ auf seiner ersten Passagierfahrt der nordamerikanischen Küste näherte.

Im Zweiten Weltkrieg brannte die Firma nach einem Bombenangriff 1943 bis auf die Grundmauern nieder, mit ihr wurden alle Pläne und besonderen Instrumente ein Raub der Flammen. 1948 wurden wieder erste Flügel angeboten. Blüthner wurde in der DDR allerdings auch verstaatlicht. Der Betrieb firmierte nun unter dem Namen „VEB Blüthner-Pianos“. 1978 wurde der 144 000. Flügel erreicht. Nach dem Ende der DDR ging das Unternehmen wieder in den Besitz der Familie Blüthner. 2007 eröffnete Blüthner neben Zentren in London, Moskau, Tokio und Shanghai eines in Wien.