Heidenheim / Marita Kasischke  Uhr
Kanzlersouffleuse Simone Solga las der Gesellschaft ordentlich die Leviten.

Man sitzt ja allgemein zu viel. Kabarettistin Simone Solga prangerte es am Dienstagabend im Lokschuppen mehrfach an, ließ ihre 170 Zuschauer aber auch über zwei Stunden lang sitzen. Untätig war das Publikum aber keineswegs: Vielmehr war es vollauf damit beschäftigt zu verarbeiten, was da an Gedanken und Emotionen der Kanzlersouffleuse auf es niederprasselte. Und Simone Solga gab richtig Gas und ließ ihrer Wut freien Lauf. Gendersternchen beispielsweise – als ob es in Deutschland keine anderen Probleme gebe als das. Über Bio-Wahn, der zumindest Fruchtfliegen richtig schön rote Bäckchen macht. Über vegetarische Wurst, was so klinge wie Migrationsbeauftragter der AfD. Über Rohkost, die doch bei näherer Betrachtung nichts anderes sei als Biomüll. Über die Höhe der zu erwartenden Rente, die nichts anderes als aktive Sterbehilfe bedeute. Über Therapien-, Coaching- und Trainingswahn, wo man doch früher nur so rumgelebt hat.

Asyl suche sie in Heidenheim, und sie komme aus einem wahren Krisengebiet: Berlin nämlich, wo Verzweiflung, Elend und Hoffnungslosigkeit insbesondere im Kanzleramt zu Hause seien. Und sie ließ sich weidlich aus über beides, das diesen Zustand möglich macht: Politiker, die neuerdings ja nicht mal mehr eine Schnittmenge zwischen Posten und Qualifikation aufweisen müssten, siehe Ursula von der Leyen, die im Ernstfall nur damit punkten könne, dass einfach keiner Bock hat, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Einander nie so fremd wie heute

Und eben die Wähler, die mit Gendersternchen, Bio-Wahn und dem Folgen von noch so blödsinnigen Trends wie Hygge & Co. zu beschäftigt sind, um sich um wirklich wichtige Dinge zu kümmern. Und schließlich müssen sie ja auch immer online gehen. „Nie waren wir uns so fremd wie heute“, sagte Solga bedeutungsvoll, und das war der einzige Moment einer Stille, in der man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können.

Das war deshalb so eindrucksvoll, weil das gesamte andere Programm rasant und stürmisch über die Bühne ging. Die Art, wie sie einem Hassprediger mal die Meinung sagen würde, beispielsweise, wenn sie sich nur trauen würde. Denn das fehle ja ebenfalls heutzutage gänzlich: die Ehrlichkeit, der die ganze politische Korrektheit und der Wunsch, gut zu sein, keinen Raum mehr lasse in dieser Gesellschaft, die nichts interessiere außer Vollkasko, Vollpension und Vollrausch.

Das Publikum lauschte verblüfft und äußerst angeregt den vielschichtigen und durchdachten Äußerungen – Simone Solga, sie sagte es, hätte sich auch hier mehr Reaktion gewünscht. „Mehr Schwung muss rein“, war ihre Forderung an die Gesellschaft allgemein, womöglich auch die im Lokschuppen, die von all den Gedanken schon ganz platt war. Kabarett, so Solga, sei der letzte noch funktionierende Gottesdienst: Man sitzt und lässt sich von seinen Sünden reinwaschen. Allerdings: Wäre man bei Simone Solga noch länger gesessen, wozu die Zuhörer durchaus bereit waren, dann wäre der Sündenberg noch größer geworden. Es wurde gelacht, aber es wurde auch noch mehr gedacht an diesem Abend. Der hat gesessen.