Heidenheim / Marita Kasischke Autorin Katharina Adler präsentierte in der Stadtbibliothek in Heidenheim mit ihrem ersten Roman „Ida“ ein Frauenleben voller Stürme und Umbrüche

„Die schlimmste Hysterikerin, die jemals gelebt hat“, sagen die einen, die aus den Fachkreisen der Psychoanalyse kommen und sie als „Dora“ und der Beschreibung der „Petite Hystérie“ von Siegmund Freud kennen. „Eine Frau von außergewöhnlich scharfem Verstand mit gutem Humor“ wiederum sagen die, die persönlich kannten.

Solch gegensätzliche Beschreibungen reizen ungemein, sich der Wahrheit über diese Person anzunähern, zumal dann, wenn es sich um die eigene Urgroßmutter handelt. Katharina Adler hat darüber ihren ersten Roman geschrieben und ihn so genannt, wie „Dora“ wirklich hieß: Ida. Aus diesem Roman las die Autorin am Mittwochabend im Margarete-Hannsmann-Saal der Stadtbibliothek.

Snacks und Leseproben

Es ist der Abend, der in die Stadtgeschichte eingehen wird als derjenige, an dem der FCH fast die Bayern bezwungen hat. Freilich war das bei der Terminplanung der Lesung noch gar nicht abzusehen. So aber kam es, dass, während Busse mit Heidenheimern nach München pilgerten, eine Münchnerin ihren Weg nach Heidenheim antrat: Autorin Katharina Adler. Und ihr Publikum hätte immerhin einen Kleinbus vollgemacht, denn rund 15 Besucher wollten sich dies – Fußball hbin, Fußball her – nicht entgehen lassen.

Kaum einer davon dürfte das bereut haben. Denn Katharina Adler breitete in der sehr traulichen Atmosphäre im Saal – die Zuhörer saßen bei Getränken und Snacks nur auf der Ebene, auf Augenhöhe und in einer Runde mit der Autorin – ein wahres Sittengemälde des vergangenen Jahrhunderts aus, und sie bescherte dabei die Begegnung mit einer ungewöhnlichen Frau, eigenwillig und zur Kratzbürste fähig, unbeirrt ihren Weg durch bewegte Zeiten gehend.

Im Alter von 17 Jahren geriet sie auf Geheiß ihres Vaters zu Siegmund Freud, damals noch unbekannt, die Patientin hingegen bereits ärzteerfahren und entsprechend skeptisch. Freud, so der Plan des Vaters, sollte der Tochter Phantasien austreiben, die allerdings gar keine waren: Die Tochter hatte lediglich seine außereheliche Affäre mitbekommen und damit nicht hinterm Berg gehalten. So konnte die Behandlung natürlich nicht zum Erfolg führen.

Diesen verhinderte allerdings bereits der starke Willen Idas. Denn sie brach die Behandlung einfach ab. Freud verlor eine Einnahmequelle und begann seine Aufzeichnungen über diese Patientin, die in Fachkreisen für reichlich Wirbel sorgte. Und Ida? Freuds Deutungen, die natürlich in Richtung unterdrückter sexueller Wünsche gingen, haben bei ihr zunächst auf jeden Fall einen Vorsatz geschaffen: Nie wieder Männer, niemals heiraten.

Ein Vorsatz allerdings, der schnell vergessen ist, als sie auf Ernst Adler trifft und ihn gegen die Wünsche ihrer Eltern heiratet. Vielleicht hätte sie auf sie hören sollen, denn der Lebemann und Musiker ohne Sinn für Arbeit und ohne genügend Einkünfte erweist sich als recht eheuntauglich, Ida allerdings notgedrungen als gute Geschäftsfrau.

Flucht nach New York

Katharina Adler führt ihre Zuschauer mit den gelesenen Episoden in die Zeit der Jahrhundertwende, in die schillernde Welt des Burgtheaters, in das halbseidene Milieu des von Ida geführten Bridge-Salons, und letztlich auch in die Emigration. Denn Jüdin Ida schafft die Flucht buchstäblich im letzten Moment, zunächst aus Wien, dann aus Paris und schließlich nach New York. Auch die zuvor vorgenommene Taufe konnte nicht verhindern, dass sie Gefahr lief, in der Zeit des Austrofaschismus ihr Leben zu verlieren.

Die Figur der Ida übt eine große Faszination auf die Zuhörer aus, zumal Katharina Adler auch hervorragend zu erzählen weiß, sowohl im geschriebenen als auch im gesprochenen Wort, und sie wählt die Kapitel mit Bedacht aus, schlägt den Bogen über Jahrzehnte und macht neugierig auf das Ausgelassene in diesem prallen Frauenleben, in denen die Wochen mit Freud vermutlich für die Patientin weitaus weniger bedeutet haben als für den Arzt und seine Karriere.

Ein Stipendium fürs Manuskript

Katharina Adler wurde 1980 in München geboren und hat amerikanische Literaturgeschichte studiert. Für das Manuskript ihres ersten Romans „Ida“ erhielt sie das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und wurde 2015 für den Alfred-Döblin-Preis nominiert.