Heidenheim Stadtbibliothek: Im Aquarium der Bücher

Heidenheim / Joelle Reimer 10.11.2018
Vor einem Jahr wurde die Einrichtung am Willy-Brandt-Platz eröffnet. Beim Gang durch die Räume eröffnet sich ein ganz eigener Kosmos.

Genau so muss sich ein Fisch im Aquarium fühlen, wenn jemand von außen ans Glas klopft. Es ist ein Geräusch, das so plötzlich kommt, dass die Ursache dafür nicht gleich auszumachen ist.

Der Blick geht ein kleines Stück nach oben, verlässt die Zeilen des aufgeschlagenen Buches, auf denen er eben noch geruht hat. Er irrt im hellen, klar strukturierten Raum umher. Den Gang entlang, vorbei an den Bücherreihen. Ein kleiner, dunkelhaariger Mann nähert sich. An seiner Hand ein ebenso dunkelhaariger Junge, und sofort wird klar, dass er die Quelle der Geräusche ist, die hier, im zweiten Stock der Heidenheimer Stadtbibliothek, so ungewohnt fehl am Platz klingen.

Macht der Mann einen Schritt, macht der Junge zwei. Oder halt, nein. Er hüpft, stampft geradezu auf, laut vor sich hin sprechend, lachend, so dass sich die Köpfe nach ihm umdrehen. Sympathisch unangepasst, der Kleine mit dem Lolli im Mund, wie er sich auf den Weg in den Kinderbereich macht.

Keine Spur davon, dass es jemanden gestört hätte – vielmehr scheint es eine willkommene Abwechslung inmitten der konzentrierten Stille gewesen zu sein, die an diesem Nachmittag zwischen den Reihen voller Bücher, Zeitschriften, PC-Spiele, Kunstwerke und Filme liegt. Ob man hier die Bücherseiten flüstern hören kann? Nun, die vielleicht nicht. Dafür aber die drei Jugendlichen, 15, 16 Jahre alt vielleicht, die sich über einen Computer und mehrere Stapel Papier beugen. Schicke Turnschuhe, lässige Shirts, ein Basecap auf dem Kopf. „Das wäre doch eine geile Überschrift!“ Sie bereiten ein Referat vor – im Flüsterton.

Auf dem Weg zum anderen Ende des Raumes, hin zur Brenzstraße, sitzt eine Frau mittleren Alters auf einem Stuhl zwischen den Bücherregalen. Das Smartphone am Ohr, dringen Wortfetzen herüber, doch die Sprache klingt ungewohnt. Asiatisch vielleicht.

Hinter den Kochbüchern und Thrillern stehen vier Computer – alle besetzt. Eine junge Frau schaut auf. „Ich lerne hier für die Schule. Geschichte, Leistungskurs.“ Natalie Grüner ist 17 Jahre alt und geht aufs Schiller-Gymnasium. Der Text auf dem Bildschirm vor ihr trägt den Titel „Potsdamer Konferenz“ – klingt nicht nach Vergnügen. Natalie Grüner lächelt. „Mich interessiert das tatsächlich. Und hier gibt es nochmal ganz andere Bücher als in der Schule“, sagt die Heldenfingerin, die viele ihrer Freistunden in der Bibliothek verbringt.

Zwischen den weißen Bücherregalen, die auch ein Jahr nach der Eröffnung der Stadtbibliothek noch wie neu aussehen, dringt das Kichern zweier Frauen durch. Die eine blond, die andere noch blonder, ähneln sie sich nicht nur in der Haarfarbe, sondern auch in ihren Gesichtszügen. Mutter und Tochter, die sich im Pädagogik-Regal mit Lesestoff eindecken – der Plastikkorb ist bereits zur Hälfte gefüllt. „Das dient zur Vorbereitung für einen Vorlesevormittag. Ich arbeite als Grundschullehrerin“, sagt die 32-jährige Christine Nemes aus Heidenheim.

Im Korb liegt außerdem ein Buch mit dem Titel „Deutsch-Training für Kinder mit Migrationshintergrund“, und auch die 55-jährige Lucia Nemes hat ein paar Bücher in der Hand. Ebenfalls Lehrerin? Sie lacht und schüttelt die lange, hellblonde Mähne. „Wohl eher Tagesmutter. Ich passe auf meine Enkel und die Nachbarskinder auf. Aber auch bei mir sollen sie was lernen“, sagt sie.

In einem abgetrennten Lernstudio sitzen drei Jugendliche, die Köpfe über ihre Schulsachen gebeugt. Weiter vorne, rund um das Treppengeländer verteilt, feilen nicht nur die drei Jungs unter den Basecaps an ihrem Referat – überall sitzt und tippt, liest und blättert es; und am Fenster sitzt ein Mann, der seit Minuten den Blick nicht vom Smartphone gehoben hat. Was er tut, bleibt sein Geheimnis. „No Englisch, no Deutsch. Arabisch“, sagt er. Ein nettes Lächeln, fast entschuldigend.

Während die Besucher unten noch in dicken Winterjacken durch den Eingang laufen, werden im zweiten Stock schon die Pulloverärmel hochgekrempelt. In Kinofilmen bilden Buch, Sofa und Kaminfeuer stets das perfekte Dreigespann, hier jedoch fehlt jegliches Knistern; das Gefühl der wohligen Gemütlichkeit wird durch die Fußbodenheizung der Bibliothek auf viel subtilere Art vermittelt.

Bibliothek als eigener Kosmos

„Torte geht immer – Handbuch Ernährung bei Demenz“: Die 64-jährige Marion Siller macht eine Schulung bei der Awo als Begleitassistenz für Demenz. Die vier älteren Herren hingegen, die gemütlich am Treppenaufgang stehen, wollen heute nur mal schauen. Karin Marquardt-Mader hat es eilig: Sie hat einen Termin im Stadtarchiv und gerade mal Zeit zu erklären, dass sie als Stadtführerin, Alb-Guide und Archäo-Guide auf dem Vogelherd tätig ist und Hörbücher über alles liebt.

Nicole Mangold und ihr elfjähriger Sohn Marvin schauen sich gerade das Filmangebot an, als die Frau mit dem Smartphone zwischen den Bücherreihen auftaucht. In ihrem Korb liegen Reiseführer, ein Französisch-Buch, etwas über die Sixtinische Kapelle. „Ich mache bald Urlaub in Rom. Und ich lerne Französisch“, sagt die 54-jährige Martina Brix aus Königsbronn. Das Gespräch von vorhin? „Das war eine Freundin aus Thailand. Dort war ich für zehn Jahre als Missionarin, bevor ich zurück gekommen bin, um meinen Vater zu pflegen“, sagt sie.

Vom Sessel direkt am Fenster in der zweiten Etage gleitet der Blick hinunter auf die Helmut-Bornefeld-Straße. Das neblige Grau des Novembertages bleibt ausgesperrt, genau wie die Hektik, die die vorbei eilenden Fußgänger verströmen. Die Füße ausgestreckt, das Buch aufgeschlagen – zurück im Aquarium, zurück in dem ganz eigenen Kosmos Bibliothek.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel