Heidenheim Leben mit dem Lärm: Folgen für Körper und Psyche

Forscht seit Jahren zu den Auswirkungen von Verkehrslärm: Dr. Jürgen Hellbrück.
Forscht seit Jahren zu den Auswirkungen von Verkehrslärm: Dr. Jürgen Hellbrück. © Foto: Privat
Heidenheim / Kathrin Schuer 11.07.2018
Lärmforscher Dr. Jürgen Hellbrück erklärt, welche Auswirkungen der Verkehrslärm auf den Mensch haben kann.

Dr. Jürgen Hellbrück war bis 2015 als Professor für Umweltpsychologie an der katholischen Universität Eichstätt tätig und an mehreren Forschungsprojekten zu den gesundheitlichen Wirkungen von Lärm beteiligt. Momentan arbeitet er an einem Buch zum Thema.

Welche gesundheitlichen Folgen können durch Lärm entstehen?

Jürgen Hellbrück: Lärm wirkt auf zwei Arten: Zum einen geht er direkt aufs Ohr. Alles über 80 Dezibel verursacht über Jahre hinweg Gehörschädigungen. Zum anderen kann er den gesamten Organismus belasten und eine Stressreaktion hervorrufen. Das geschieht schon ab einer Dauerschallbelastung von 60 Dezibel.

Lärm kann uns also krank machen?

Ja, das Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems und für Depressionen ist durch Verkehrslärmbelastungen ab einem Dauerschallpegel 60 Dezibel und mehr erhöht. Das bedeutet jedoch nicht, dass man auch zwangsläufig diese Krankheiten bekommt. Aber die Wahrscheinlichkeit, zu erkranken, ist für Menschen in belasteten Gebieten deutlich höher.

In Heidenheim sind mehr als 4000 Menschen Verkehrslärm von 55 bis zu 75 Dezibel ausgesetzt.

Ohne die Situation zu kennen muss man sagen, dass mehr als 70 Dezibel Dauerschallbelastung durch Verkehrslärm in Wohngebieten unzumutbar sind. Hier werden vorgeschriebene Grenzwerte ganz klar überschritten. In diesem Fall müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die Anwohnern zu schützen.

Sogar im Schlaf sind mehr als 3000 Heidenheimer einem Pegel von 55 bis 70 Dezibel ausgesetzt. Was für gesundheitliche Folgen hat das?

Die chronische Beeinträchtigung der Schlafqualität kann ebenfalls das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und psychische Beeinträchtigungen, wie Depressionen erhöhen. Darüber hinaus können unausgeschlafene Menschen auch ein Risiko für ihre Mitmenschen darstellen. Nachts ist jedoch wahrscheinlich der Dauerschallpegel weniger entscheidend als einzelne Maximalpegel, die sich beispielsweise ergeben, wenn ein Auto vor dem Haus beschleunigt. Diese Maximalpegel stören den Schlaf und lassen uns nachts aufwachen. Über Jahre hinweg kann der nächtliche Lärm auch zu Ein- und Durchschlafstörungen führen. Diese können unabhängig vom Lärm selbst zu Erkrankungen führen, wenn der Schlaf darunter leidet.

In Heidenheim sind außerdem zwölf Schulgebäude lärmbelastet. Hat das Auswirkungen auf das Lernen?

Gerade Grundschüler werden durch hohe Lärmbelastungen beim Lernen beeinträchtigt. In einer Studie zu den Auswirkungen von Fluglärm zeigte sich, dass eine Erhöhung des Dauerschallpegels um zehn Dezibel dazu führte, dass Kinder beim Lesen lernen gegenüber nicht lärmbelasteten Kindern um einen Monat verzögert sind.

Wie sieht es mit Verkehrslärm bei der Arbeit aus?

Gleichbleibender Lärm stört bei geistiger Arbeit weniger. Das kann man leichter ausblenden. Hat man jedoch zum Beispiel vor dem Bürofenster eine Ampel, an der gehupt, gebremst und Gas gegeben wird, können die Geräusche auf jeden Fall stören. Man muss bei unterbrochenen und im Pegel schwankenden Geräuschen mehr Konzentration aufbringen, um die störenden Reize auszublenden. Dadurch hat man weniger Ressourcen für die eigentliche Arbeit, macht Konzentrationsfehler oder braucht unter Umständen mehr Zeit.

Gewöhnt man sich mit der Zeit an den Lärm?

Das behaupten manche zwar immer wieder, aber eigentlich geht das nicht. Man arrangiert sich nur. Lärm ist nicht wie ein Geruch, den man irgendwann einfach nicht mehr wahrnimmt. Lärm greift immer wieder in unser Verhalten und unsere Handlungen ein. Wir müssen die Fenster schließen, andere Räume aufsuchen oder können uns nicht auf der Terrasse unterhalten. Wie kann man sich daran gewöhnen? Lärm ist niemals etwas „Gewöhnliches“.

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