Konzert Lange Chornacht: Auch nach vier Stunden munter

Heidenheim / Hans-Peter Leitenberger 12.12.2016
Ein Marathon nach Noten mit drei jeweils ausverkauften Konzerten in zwei Heidenheimer Kirchen bot nicht nur viel Abwechslung, sondern durchgehend Hochgenuss.

Eine Musikstadt ist Heidenheim schon längst, nicht nur was Opern betrifft. Eine geballte chorische Kompetenz, aber auch jede Menge Freude bei den Mitwirkenden konnte man am Samstagabend in der Paulus- wie in der Michaelskirche erleben. Dort begann die Singklasse der Silcherschule den Abend mit internationalem Programm. Die Frische und Unbefangenheit der jungen Sängerinnen und Sänger beeindruckte dabei ebenso das sichtbare Vergnügen ohne Dressur und Zwang unter dem Dirigat von Maddalena Ernst.

Das Kammerorchester der Musikschule begleitete das Geschehen dezent. Das schwedische „Schnelle Füße springen, tripp tripp tripp“ erklang mit erkennbarer Begeisterung der charmanten jungen Truppe. Auch die Chöre des Sängerclubs glänzten mit sauberer Stimmführung, klarer Artikulation und Schwung. Hauchzarte Chorus-Partien kamen bei „Mary, did you know“, und das jazzige Rentier Rudolph erklang bei den „Juvenes Cantantes“ richtig mitreißend. Maddalena Ernst hatte mit der roten Nase im Gesicht den „richtigen Riecher“ für fetzige Rhythmik.

Doch auch der Cantamus-Chor beeindruckte mit Präzision und Intonationssicherheit bei Mendelssohn Bartholdys Weihnachtshymne, besser bekannt als „Hark! The Herald Angels sing“ mit traumhaft sicherer Phrasierung. Monika Zimmermann leitete das Kammerorchester elegant und lässig, und Eric Mayr am Piano erwies sich als einfühlsamer, kompetenter Begleiter.

Das traditionell, aber spätromantisch klingend wirkende „Und unser lieben Frau“ von Max Reger kontrastierte zu dem angelsächsisch geprägten, schwungvollen Programm und zeigte dabei die Vielseitigkeit und das sängerische Engagement aller Beteiligten. Ein besonderes „Schmankerl“ bot das Kammerorchester mit „Tango de Nochebuena“ des argentinischen Tango-Pioniers Angel Gregorio Villoldo unter dem verschmitzten Dirigat von Monika Zimmermann. „Stille Nacht“ als Tango klang viel fröhlicher als die oft verschmalzten und verkitschten Versionen dieses genialen Welthits.

Ganz klar der Clou des munteren Abends, aber das Vocalensemble der Musikschule glänzte mit Josef Rheinbergers zauberhaft intoniertem, „Rorate coeli“ und dem expressiv und klangrein dargebotenem Neujahrslied von Mendelssohn Bartholdy. Richtig fetzig wurde es noch einmal mit Cantamus bei „The twelve days of Christmas“, wo die Bilder der Geschenke auf Tafeln hochgehalten wurden. Mit dem „Rebhuhn im Birnbaum“ fing alles an und der herrliche Song ,so Englisch wie Ingwerbier, machte allen sichtlich Spaß.

Dem überaus gelungenen Auftakt in der Michaelskirche folgte ein außergewöhnlich klangschönes und mit präzise arbeitenden Stimmen des Oratorienchors dargebotenes „Magnificat“ von John Rutter. Zuvor erklang das Präludium und Fuge d-Moll BWV 539 von Johann Sebastian Bach auf der Rieger-Orgel. Die Giengener Organistin Jiyoung Kim-Barthen glänzte mit flüssigem Spiel und sensibler Registrierung, und sie wusste gekonnt die Basslinie zu den oft nur angedeuteten Mittelstimmen und die akkordische Bündelung der Begleitstimmen zu gestalten.

Der Chor überzeugte schon beim Beginn des Magnificat mit energievoller stimmlicher Fülle, und die Dirigentin Ulrike Blessing arbeitete die angelsächsische Beschwingtheit dieser traumhaft-fröhlich wirkenden Komposition mit viel Engagement und sicherer Zeichengebung heraus. Die für die erkrankte Maria Rosendorfsky eingesprungene Sopranistin Katarzyna Jagiello sang etwa bei „Of a Rose“ mit lyrischem Timbre und sicherer Artikulation. Ihre reiche Stimme hätte mitunter manchmal etwas mehr Strahlkraft vertragen.

Das Kammerensemble aus dem Ulmer Philharmonischen Orchester brachte Farbe und Eleganz in das Geschehen und erhöhte beim „Sanctus“ mit Hornsignalen und Pauken die majestätische Wirkung, die vom Chor mit sängerischer Disziplin, aber auch leidenschaftlicher Emphase und sauberen Registerwechseln zu einem brausend festlichen Klangerlebnis wurde. Bei „Esurientes“ steigerte sich die Sopranistin beachtlich, und bei den „Gloria“-Rufen war man beeindruckt von dem brillanten stimmlichen Potenzial des Oratorienchores, der zudem souverän die Taktwechsel von 6/8 zu 3/4 beherrschte.

Soll einer sagen, die „Provinz“ hätte künstlerisch wenig bis womöglich überhaupt nichts zu bieten. Die Chorgemeinschaft Dettingen-Heuchlingen unter der energiegeladenen Zeichengebung von Markus Romes überzeugte bei ihrem anspruchsvollen Programm „Klassik trifft Gospel“ Esprit und Sicherheit in Dynamik und Phrasierung. Schwungvoll und mit ganzem Körpereinsatz erklangen Traditionals wie „Hallelujah, Salvation and Glory“.

Die polyglotten Choristen von der Alb sangen auf Englisch, Französisch und Latein mit einer routinierten Selbstverständlichkeit sowie mit Intensität und Hingabe. Zarte Bass-und Cellolinien bei Ola Gjeilos „Evening Prayer“ und festliche Trompetenfiguren bei Johann Sebastian Bachs „Jesus bleibet meine Freude“ würzten die großartige Sangesarbeit des Chors, der flott und würdevoll zugleich dieses komplexe Werk intonierte. Leichte Unsicherheiten störten dabei wenig. So schwungvoll sangen die Choristen bei „Jesus, oh what a wonderful child“ , dass selbst Markus Romes begeistert mithüpfte und bei „Praise the Lord“ klatschte statt den Taktstock zu schwingen.

Das farbige Saxophonsolo von Harry Berger schien im Kirchenraum regelrecht zu schweben. Ein Glanzpunkt war das auch als Zugabe gewünschte „Adiemus“ von Karl Jenkins in einer vokalreichen Phantasiesprache. Fast schlagerhaft kam dieses originelle Werk, das aber höchste Konzentration verlangte, und Bernd Elsenhans schuf mit seinen Drums eine fast afrikanische Rhythmik dazu. Dem Chor gelang es meisterhaft, die schnellen Achtelpartien hervorzuheben und die exotische Melodik klangrein und sauber phrasiert darzubieten. Händels „Halleluja“ mit trennscharf geführten Stimmen setzte noch nicht den Schlusspunkt unter dieses grandiose Konzert. Diesen setzte der Jenkins-Hit und trotz vorgerückter Stunde wurde man richtig munter, auch nach fast vier Stunden. Dies schaffen nur ausgezeichnete Chöre wie die der langen Heidenheimer Chornacht.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel