Heidenheim / Michael Brendel  Uhr
Weil er zahlreiche Kunden betrogen haben soll, wird einem früheren Inhaber eines Heidenheimer Autohauses der Prozess gemacht.

Manches Geschäftsmodell ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Diese Erkenntnis kam für einen 32-Jährigen zu spät, der im Oktober 2018 wegen Betrugs vom Heidenheimer Schöffengericht zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt worden war.

Grund: Der ehemalige Inhaber eines freien Autohauses im Westen der Stadt hatte sich offenkundig in mehrerlei Hinsicht übernommen. So arbeitete er zunächst parallel in einem Industriebetrieb, um sich den Traum von der Selbstständigkeit verwirklichen zu können. Die ließ sich dann nach einiger Zeit so gut an, dass der gelernte Kfz-Meister den Paralleljob aufgeben musste.

Steigende Kosten

Der wachsende Erfolg hatte freilich noch eine Kehrseite. Mit den Aufträgen stiegen die Kosten, weil beispielsweise der Personalbedarf stieg. Außerdem lasteten wohl Verbindlichkeiten aus der Startphase auf der sich entwickelnden Firma. In seiner Not verfiel der 32-Jährige auf die untaugliche Idee, die Löcher mit Geld zu stopfen, das für andere Zwecke bestimmt war.

Mal kassierte er Anzahlungen oder sogar den kompletten Kaufpreis, ohne anschließend das in Aussicht gestellte Fahrzeug zu liefern. Mal verzögerte er die Herausgabe eines Autos, das ihm zum Verkauf überlassen worden war. Mal kassierte er ab, bestellte dann aber entgegen der Absprache gar kein Auto.

20 Taten

Als Amtsgerichtsdirektor Rainer Feil das Urteil sprach, stand im Raum, dass im Zuge der laufenden polizeilichen Ermittlungen weitere Taten aufgedeckt werden könnten. Und so kam es auch: Nicht weniger als 20 rechtlich selbstständige Handlungen umfasst die Anklageschrift, mit der sich die 1. Große Strafkammer des Ellwanger Landgerichts unter Vorsitz von Richter Gerhard Ilg seit Montag befasst.

Eine gute halbe Stunde benötigte der Erste Staatsanwalt Carsten Horn, um die einzelnen Punkte zu verlesen. Angenommene Schadenssumme unterm Strich: 448 000 Euro, die Horn als sogenannten Wertersatz eingezogen wissen will – also als die Summe, in deren Besitz sich der Angeklagte durch Betrug, Unterschlagung und Veruntreuung gebracht haben soll.

Gleiche Vorgehensweise

Die Vorgehensweise war dieselbe wie bei den bereits abgeurteilten Fällen: Die Palette reicht von der trotz (An-) Zahlung nicht erfolgten Auslieferung eines Fahrzeugs bis zur Praxis, ein gewünschtes Auto gar nicht erst zu ordern, den Kaufpreis gleichwohl im Voraus einzufordern.

Besonders perfide mutet das Vorgehen des 32-Jährigen an, sich – vermittelt durch einen gemeinsamen Bekannten – von einem ehemaligen Lehrer 50 000 Euro zu leihen, um dem im Aufbau befindlichen Autohaus gewissermaßen Starthilfe zu geben. Binnen einer Woche sollte die Summe zurückerstattet werden, doch hatte der hilfsbereite Pädagoge die Rechnung ohne eine große Unbekannte gemacht: Sein früherer Schüler war nicht zahlungsfähig.

Und so gingen die Wochen und Monate ins Land, ohne dass der Lehrer sein Geld wiedergesehen hätte. Schlimmer noch: Im Laufe von zweieinhalb Jahren wuchs die Summe auf rund 125 000 Euro an, weil der 64-Jährige immer wieder Geld nachschoss. Auf die Frage von Verteidiger Rudi Mannl nach dem Warum führte der als Zeuge Geladene zwei Beweggründe an. Zum einen den menschlichen Aspekt, „denn wenn man einen Menschen über Jahre hin mit erzogen hat, kann man sein Schicksal nicht einfach den Bach hinuntergehen lassen“.

Auf Anzeige verzichtet

Zum anderen die Hoffnung auf die Rückerstattung des Darlehens: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder schreiben Sie das Anfangskapital ab. Oder sie gehen nicht zur Polizei und hoffen darauf, dass der junge Unternehmer mit Ihrer Hilfe wieder auf die Beine kommt.“ Obwohl Letzteres nicht glückte, zeigte der Pädagoge eine bemerkenswerte Geste und reichte dem Angeklagten die Hand.

Über etliche Stunden hinweg bot der erste Verhandlungstag eine Fortsetzungsgeschichte rund um geplatzte Lebensträume, persönliche Schicksale, finanzielle Verluste und persönliche Enttäuschungen. Zutage traten aber auch zwei Gesichter eines Menschen. So widersprach der Angeklagte Richter Ilg nicht, als der ihm vorhielt, „dass Sie in dem Bewusstsein Geschäfte gemacht haben, die Leute über den Tisch zu ziehen“. Gleichzeitig attestierten ihm mehrere Geschädigte, zumindest einen Teil des Schadens wieder gutgemacht und sich bei Problemen sehr hilfsbereit gezeigt zu haben.

Überblick verloren

Am Ende des Vernehmungsmarathons blieb das Bild eines überforderten Unternehmers, der sich hinter Ausflüchten, Lügen und Fragezeichen verschanzte und dabei anderen erheblichen Schaden zufügte. Seine Einlassung, er habe schlichtweg den Überblick verloren und könne sich sein Handeln eigentlich nicht erklären, stieß gleichwohl auf wenig Verständnis, wie die Reaktion eines Zeugen zeigte, der den Angeklagten in einer Verhandlungspause zur Rede stellte.

Unbestätigt blieb derweil die mehrfach zu vernehmende Mutmaßung, der 32-Jährige habe unter dem Druck einer Rockergruppierung gestanden, Schutzgeld zu entrichten.

Der Prozess am Landgericht wird am Mittwoch fortgesetzt.