Altertum Kurt-Bittel-Preis für eine „bahnbrechende“ Arbeit

OB Bernhard Ilg überreichte Dr. Lukas Werther den Kurt-Bittel-Preis.
OB Bernhard Ilg überreichte Dr. Lukas Werther den Kurt-Bittel-Preis. © Foto: Karin Lorenz
Heidenheim / Karin Lorenz 15.11.2015
Zum 14. Mal wurde am Freitagabend der Kurt-Bittel-Preis der Stadt für Süddeutsche Altertumskunde verliehen. Geehrt wurde Dr. Lukas Werther von der Friedrich-Schiller-Universität aus Jena. Dabei brachte OB Bernhard Ilg auch immer wieder die aktuelle Politik zur Sprache.

Keine Frage, er stand im Mittelpunkt des Abends: Dr. Lukas Werther, der mit seiner Arbeit „Komplexe Systeme im diachronen Vergleich“ ausgewählte Aspekte der Entwicklung von drei süddeutschen Kleinräumen zwischen Früh- und Hochmittelalter die Preisfindungskommission überzeugt hatte. Es war zugleich die Doktorarbeit des am 20. Mai 1980 in Dachau geborenen Wissenschaftlers, der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Bauforschung und Baugeschichte, Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie sowie Geographie an der Universität Bamberg studiert hat.

Sein Doktorvater Prof. Dr. Peter Ettel, beschied Werther „eine bahnbrechende Arbeit auf höchstem Niveau“, die nun Grundlagen für jede weitere Diskussion zu süddeutschen Kleinräumen zwischen Früh- und Hochmittelalter sei und außerdem einen neuen Standard im Bereich der interdisziplinären Siedlungs- und Landschaftsforschung in der Archäologie, Historie und Geoarchäologie setze.

Konsequent habe Werther die Bereiche Archäologie, Historie und Geoarchäologie miteinander verknüpft. „Über den Tellerrand blicken ist für ihn von Anfang an charakteristisch und auszeichnend“, so Ettel.

Thematisch in den Mittelpunkt rückten an diesem Abend allerdings immer wieder kurzfristig auch die Probleme der Gegenwart. Oberbürgermeister Bernhard Ilg wollte sich in seiner Rede nicht nur auf den Blick in die Vergangenheit beschränken. Er wundere sich über die Geschichtsvergessenheit, die man heute in vielen Diskussionen zum Thema Flüchtlinge erlebe, so Ilg. „Da werden Vergleiche mit dem Untergang Roms an den Haaren herbeigezogen, als ob denn gesichert sei, wodurch und wann genau das weströmische Reich an sein Ende gelangte,“ so der OB. Denen die sich „heute als Retter unseres Volkes aufspielen“ wünsche er das Schicksal der Kassandra, über deren düstere Prophezeiungen man sich in der griechischen Mythologie lustig machen durfte. Ein Wunsch, der vom größten Teil des Publikums spontan mit Applaus honoriert wurde, während andere Zuhörer bewusst auf Beifall verzichteten.

Auch für ein anderes Statement nutzte der Oberbürgermeister die Gelegenheit: das klare Bekenntnis zum Bau der neuen Bibliothek und der Unterbringung des Kreismedienzentrums und des Stadtarchivs im selben Gebäude. Zweifel dazu wies er als unbegründet zurück.

Gerade das Wissen um die Vergangenheit diene der Handlungsorientierung und Identifikation. Das Interesse für Archäologie und Geschichte habe in Heidenheim lange Tradition, betonte Ilg. Die Stadt besitze mit der altsteinzeitlichen „Heidenschmiede“ und den Resten des römischen Monumentalbaus im Museum im Römerbad gleich zwei überregional bedeutende und international bekannte archäologische Denkmalorte. Auch dem Heidenheimer Ehrenbürger Kurt Bittel sei es stets ein wichtiges Anliegen gewesen, Forschungsergebnisse der Archäologie nicht nur im Kreis von Fachleuten vorzustellen und zu diskutieren, sondern die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen. Mit der Dissertation von Lukas Werther sei nun zum vierten Mal eine Studie aus dem Bereich der Archäologie des Mittelalters ausgezeichnet worden.

„Für einen frisch promovierten Archäologen gibt es nichts ehrenvolleres, als den Kurt-Bittel-Preis verliehen zu bekommen“, zeigte sich Werther bewegt und bedankte sich bei seiner Familie und Arbeitskollegen für ihre Unterstützung.

Anschließend sprach Prof. Dr. Thomas Terberger vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege über „Krieg und Frieden vor 3300 Jahren – Das Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern und seine Bedeutung für die Bronzezeit“. Wie Skelettfunde Jahre zeigen, habe wohl auch in dem friedlich wirkenden Tal in Mecklenburg-Vorpommern eine große Schlacht stattgefunden. Man gehe davon aus, dass daran rund 3000 Kämpfer beteiligt waren. „Konflikte sind kein Phänomen der Neuzeit“, so der Professor. Die Geschichte beweise aber auch, dass man sie lösen könne: Der älteste überlieferte Friedensvertrag stamme aus dem Jahr 1259 v. Chr., abgeschlossen zwischen den Ägyptern und den Hethitern nach der großen Schlacht von Kadesh 15 Jahre zuvor. „Zum Krieg gehört auch der Frieden“, kommentierte Dr. Terberger.

Kurt-Bittel-Preis für Arbeit Dr. Lukas Werther und seine „bahnbrechende“ Arbeit

Die ausgezeichnete Arbeit ist im Rahmen eines Forschungsprojektes „Reiter, Krieger, Burgenbauer. Die frühen Ungarn und das Deutsche Reich vom 9.-11. Jahrhundert“ entstanden. Lukas Werther hat hier das Teilprojekt „Burgenlandschaft Bayern“ übernommen.

Die drei Kleinräume Fränkische Saale, Frankenalb und Nördlinger Ries wurden dabei mit einer Fläche von jeweils 114 Quadratkilometern auf ihre individuellen Strukturen und Entwicklungen hin untersucht. Diese Ergebnisse wurden von Werther ausgewertet und verglichen.

Insgesamt hat Lukas Werther zehn Analyseebenen unterschieden, darunter die Bereiche Landschaft, Namensräume, Siedlungsgruppen, Kommunikationssysteme und Konsum. Neben Ausgrabungsergebnissen sind geophysikalischen Prospektionen, Bohrungen und paläobotanischen Archive in die Arbeit eingeflossen.

„Die Zusammenschau zeigt einerseits eine große Übereinstimmung in allen drei Gebieten“, so Ettel, „trotz der individuellen Besonderheiten“. Auffallend sei dabei die hohe Dynamik und gleichläufige Strukturentwicklung um das Jahr 800, die zweifellos in der Entstehung grundherrschaftlicher Struktur begründet sei „aber vielleicht nicht nur“, hieß es in der Laudatio von Prof. Dr. Peter Ettel.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel