Heidenheim Kunstmuseum: Eine Wand zum Angeben

Radierungen aus der Sammlung des Kunstmuseums gibt es ab heute im kleinen Wechselausstellungssaal zu sehen.
Radierungen aus der Sammlung des Kunstmuseums gibt es ab heute im kleinen Wechselausstellungssaal zu sehen. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Joelle Reimer 13.07.2018
Ab Freitag sind im kleinen Wechselausstellungssaal Radierungen aus der Sammlung zu sehen – mit Klassikern und Künstlern aus der Region.

Dass es im Heidenheimer Kunstmuseum nicht nur die Hermann-Voith-Galerie, den großen und den kleinen Wechselausstellungssaal gibt, sondern darüber hinaus auch eine Angeberwand – das dürfte für viele Besucher neu sein. Genau genommen handelt es sich dabei um den hinteren Teil des kleinen Saales, und der nicht ganz ernst gemeinte Ausdruck stammt von Dr. René Hirner, Leiter des Heidenheimer Kunstmuseums, und Beate Gabriel, die bei der Aufhängung und Beschriftung der aktuellen Ausstellung hilft.

Radierungen aus der Sammlung

Gezeigt werden ab 13. Juli bis zum 14. Oktober Radierungen aus der Sammlung des Kunstmuseums. Und auch wenn die „Angeberwand“ natürlich keine offizielle Bezeichnung ist, ist sie durchaus passend, reihen sich dort doch Namen wie Pablo Picasso, László Moholy-Nagy und Rolf Nesch aneinander.

Allesamt keine Unbekannten, letzterer aber hat einen ganz besonderen Bezug zu Heidenheim: „In den meisten seiner Biographien wird es zwar verleugnet, aber Nesch ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen“, sagt Hirner, der ihn als den bedeutendsten Heidenheimer Künstler der Klassischen Moderne bezeichnet. In der aktuellen Ausstellung sind seine „Steinernen Jungfrauen“ von 1925 zu sehen – „ein Motiv, was wiederum den Bezug zu Heidenheim herstellt“, so Hirner.

Bei genauer Betrachtung wird eine ganz eigene Technik der Radierung deutlich; zwischen den üblichen Farbflächen scheinen immer wieder kleine, weiße Erhebungen des Papieres durch. Was das ist? „Das ist ein neues Verfahren, das Nesch bei diesem Werk durch Zufall entdeckt hat. Er hat die Radierplatte etwas zu lange in der Säure gelassen, so dass sie durchätzt wurde – und das Papier an diesen Stellen hervorquillt.“ Nicht das einzige Druckverfahren, das Nesch erfunden hat: direkt unter den „Steinernen Jungfrauen“ hängt der „Eisbär“, der mit einer Kombination aus Hoch- und Tiefdruckverfahren gefertigt wurde, indem Nesch Drähte und Gitter auf die Druckplatten aufgeschweißt hat. Vervollständigt wird das Ganze durch drei Bilder aus Neschs Serie „Schnee“ – „die stammen aus der Zeit, als er 1933 nach Norwegen ausgewandert ist“, so Hirner.

Große Graphiken der Moderne zieren nun also die Wände des kleinen Wechselausstellungssaals. Genau das, so lässt Hirner wissen, war auch die Ursprungsidee von Gründungsdirektor Rainer René Mueller. „Die wirklich bekannten Klassiker waren aber zu teuer, und als ich 1992 kam, merkte ich schnell, dass das nur schwer machbar wäre“, sagt Hirner. Er konzentrierte sich also darauf, die schon vorhandene Picasso-Plakate-Sammlung durch motivisch verwandte Picasso-Graphiken zu ergänzen, und schuf damit ein Alleinstellungsmerkmal. „Das Heidenheimer Kunstmuseum hat die weltweit vollständigste Picasso-Plakate-Sammlung mit den dazugehörigen Graphiken.“

Eine dieser Graphiken ist auch in der aktuellen Ausstellung zu sehen, darüber hinaus Graphiken aus Muellers Anfangsbestand von Kolbe, Moholy-Nagy, Schumacher, Penck und Lüpertz. Über die Jahre konnte Hirner außerdem durch die Mitgliedschaft in der Griffelkunstvereinigung weitere zeitgenössische Graphiken zukaufen – der Großteil davon war bislang allerdings noch nie zu sehen gewesen. „Wir haben also ein paar wenige Klassiker, bekannte zeitgenössische Künstler aus dem Angebot der Griffelkunst und Kunst mit regionalem Bezug“, fasst Hirner zusammen.

Nesch und andere Lokalmatadore

Als Lokalmatadoren vertreten sind beispielsweise Jürgen Stimpfig, der sich postmodern gibt mit abstrakten sowie wild gekritzelten, primitivistischen Radierungen, Adolf Silberberger – die Werke seiner Schenkung sind im Gegensatz dazu gestisch-abbildhaft – und Friedrich Kleinheinz aus Zang, der sich mit seinem Aquatinta-Verfahren gänzlich der Abstraktion verschrieben hat. Zu den Großen der zeitgenössischen überregionalen Kunst zählt Peter Ackermann, von dem ebenfalls ein Teil seiner Schenkung im Kunstmuseum gezeigt wird. „Seine Werke sind klassisch, gegenständlich. Er begreift Landschaften als etwas, das Geschichte hat; arbeitet Details in die Bilder ein wie archäologische Schichten in der Erde“, so Hirner.

Vielschichtig ist auch der Eindruck dieser kleinen Ausstellung im Erdgeschoss. Obwohl die Radierungen überwiegend schwarz-weiß sind, wirkt die Kunst doch aufgrund der unterschiedlichen Techniken in keiner Ecke eintönig – nicht an der Angeberwand und auch an allen anderen nicht.

Mitgliedschaft in der Griffelkunstvereinigung

Das Heidenheimer Kunstmuseum ist seit 1992 Mitglied in der Griffelkunstvereinigung.

Die Griffelkunstvereinigung ist ein exklusiver Club zum Erwerb von zeitgenössischer Druckgraphik. Es handelt sich um einen gemeinnützigen Sammlerverein mit Sitz in Hamburg, der 1925 gegründet wurde.

Die Vereinigung verlegt Editionen originaler Graphiken, vor allem Auflagen zeitgenössischer Künstler und historische Fotoeditionen.

Etwa 4500 Mitglieder gehören der Vereinigung an. Vier signierte Blätter aus den Bereichen Graphik und Fotografie stehen jedem Mitglied für einen Beitrag von 144 Euro jährlich zu. Eine Fach-Jury wählt zweimal jährlich Künstler aus, die das Angebot gestalten.

Die Mitglieder der Griffelkunstvereinigung verpflichten sich mit Beitritt, die Arbeiten nicht zu verkaufen, weshalb der Verein auch hohe signierte Auflagen zur Verfügung stellt. Die Mitglieder kommen so also sehr günstig zu hochwertigen Graphiken.

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