Heidenheim Kunst auf Zeit aus der Graphothek

Heidenheim / Kathrin Schuler 05.09.2018
In der Heidenheimer Stadtbibliothek kann man Unikate und Originale regionaler und überregionaler Künstler ausleihen. Denn um sich mit Kunst auseinandersetzen zu können, braucht es Zeit.

Sich zu Hause oder am Arbeitsplatz das Original eines bekannten Malers aufhängen – dafür muss man ordentlich Geld in die Hand nehmen. Für den Normalbürger also nicht mehr als ein Wunschtraum?

Keineswegs: In der Graphothek der Heidenheimer Stadtbibliothek kann man sich Kunstwerke, darunter auch zahlreiche Originale, nämlich ganz einfach ausleihen – und das kostet für Mitglieder je Kunstwerk nicht mehr als 2,50 Euro.

„Eine Graphothek ist aber nicht dafür gedacht, damit man seinen Chef beim Abendessen mit einem original Miró beeindrucken kann“, meint der ehemalige Bibliothekar Klaus-Peter Preußger. Bis zu Beginn seines Ruhestands Anfang des Jahres war Preußger für die Graphothek verantwortlich, und das bereits seit 1985, als die ersten Kunstwerke angeschafft wurden.

Mit Kunst auseinandersetzen

Doch wenn es nicht ums Angeben geht, welchen Zweck hat eine Graphothek denn überhaupt? „Wer sich ein Kunstwerk ausleiht, hat die Chance, sich über einen viel längeren Zeitraum damit auseinander zu setzen als es beispielsweise in einem Museum möglich ist“, erklärt Felicitas Maca, die seit Anfang des Jahres in der Stadtbibliothek auch für die Graphothek verantwortlich ist.

In Museen oder Galerien habe man schließlich nur begrenzt Zeit – also lediglich die Chance, die Kunstwerke „anzulesen“. „Nimmt man die Kunst aber mit nach Hause, kann man sich auf ganz andere und viel tiefergehende Art und Weise damit beschäftigen“, meint Maca.

Ein Spiegel der Kunstszene

Acht Wochen hat man dafür Zeit – so lange beträgt die reguläre Leihfrist. Doch wer sich auch dann noch nicht von dem geliehenen Kunstwerk trennen will, kann die Frist noch verlängern: Bis zu vier Monate kann man also sein Zuhause mit Kunst aus der Graphothek verschönern – und sich dann wieder etwas Neues aussuchen.

Doch von welchen Künstlern findet man überhaupt Werke in der Heidenheimer Graphothek? „Wir haben viele Werke regionaler Künstler wie zum Beispiel Albrecht Briz und Hartmut Rüger“, sagt Maca.

„Aber natürlich auch von Joan Miró, Käthe Kollwitz oder James Rizzi.“ Das seien jedoch keine Originale, sondern Druckgraphiken – Unikate von Künstlern dieser Größenordnung wären für die Stadtbibliothek schlicht unbezahlbar. „Große Namen sind auch nicht die Grundidee einer Graphothek“, meint Preußger. Vielmehr sollte sie ein Spiegel der regionalen Kunstszene sein und die Entwicklung der Künstler dokumentieren.

Früher 800 Entleihungen im Jahr

Als die Graphothek vor mehr als 30 Jahren in der Zweigstelle Ost im Werkgymnasium eröffnet wurde, sei das auch der Fall gewesen: Nach nur zwei Jahren habe man es auf einen Bestand von 190 Kunstwerken gebracht und auf Ausstellungen in der Region stets Werke dazugekauft.

„Wir hatten gut 800 Entleihungen pro Jahr damals“, erzählt Preußger. Damit war die Heidenheimer Graphothek nach der Stuttgarter die am zweithäufigsten genutzte Artothek Baden-Württembergs. Doch der Etat wurde kleiner, die Bibliothek zum Sparen verdonnert und nach und nach geriet die Graphothek in Vergessenheit: Immer weniger Kunstwerke wurden ausgeliehen.

Das soll sich jetzt wieder ändern: Nicht umsonst hat die Graphothek in der neuen Bibliothek einen ganz besonderen Platz bekommen. Wer die Treppen ins zweite Obergeschoss hochsteigt, kommt gar nicht umhin, die Kunstwerke dort zu bemerken.

Das Konzept funktioniert: Zwar war die Graphothek 2017 fast das ganze Jahr aufgrund des Umzugs der Bibliothek geschlossen, doch während 2016 nur 92 Kunstwerke entliehen wurden, waren es in diesem Jahr bis Ende Juli bereits mehr als 120.

Kunst für Jedermann

Der Gedanke hinter einer Graphothek ist ein demokratischer: Kunst, besonders Unikate und Originale, sollte für Jedermann zugänglich sein.

Aus der breiten Palette an Stilrichtungen, die es unter den rund 400 Werken in der Graphothek gibt, sind die beliebtesten Werke solche, bei denen mit vielen Farben gearbeitet wurde, während Düsteres meist weniger häufig entliehen wird. „Nicht jeder ist ein Kunst-Feinschmecker und möchte sich auch mit der Historie des Werks oder dem Künstler an sich beschäftigen“, sagt Preußger.

Mancher möchte einfach dem Auge Abwechslung bieten und sich Zuhause etwas Dekoratives an die Wand hängen – und auch dafür sei eine Graphothek schließlich da. Besonders beliebt ist „La vie en Rose“ von Rainer Baier, das insgesamt bereits mehr als 13 Jahre verliehen war.

Aber ganz egal, um welches Kunstwerk es sich auch handelt: Mit der Kunst auf Zeit hat jeder die Chance, Abwechslung in die eigenen vier Wände zu bringen – und das, ohne all zu tief in die Tasche greifen oder sich gar ins Getümmel in einem Einrichtungshaus stürzen zu müssen.

Stöbern, schmökern, mitnehmen – so leiht man Kunst aus

Das Ausleihen funktioniert in der Graphothek nicht anders als in der Bibliothek: Im zweiten Obergeschoss der Stadtbibliothek befinden sich die Werke numerisch sortiert in mehreren großen Regalen. Wer etwas gefunden hat, das gefällt, kann es einfach in einen der bereitstehenden Transportkartons packen und an der Service-Theke im Erdgeschoss ausleihen.

Einige ausgesuchte Stücke werden dort auch an den Wänden präsentiert, um die Besucher aufmerksam zu machen. Doch auch die können ganz einfach vom Nagel genommen und ausgeliehen werden.

In den Regalen der Graphothek kann man genau wie bei den Büchern in den Bildwerken schmökern, eines nach dem anderen herausziehen oder auch blindlings zugreifen.

Wer ein bestimmtes Kunstwerk sucht, wird mithilfe von „Lissy“ fündig, dem Leser-, Informations- und Suchsystem der Heidenheimer Stadtbibliothek. Gibt man den Namen eines bestimmten Künstlers ein, listet die Suchmaschine alle vorhandenen Kunstwerke auf. Meist sogar mit Foto, sodass bereits am Computer eine Vorauswahl getroffen werden kann. Mithilfe der angegebenen Nummer kann man so das gesuchte Kunstwerk in den Regalen finden.

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