Musik Konzert: Die Opernfestspiele sind eröffnet

Opernfestspiele, Eröffnungskonzert, Rittersaal
Opernfestspiele, Eröffnungskonzert, Rittersaal © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 24.06.2016
Es gibt ihn also doch. Ein notorischer Versteckspieler mit Namen Sommer lehnte sich am Donnerstag zum Eröffnungskonzert der Opernfestspiele mal so richtig aus dem Fenster. Da kann man nur hoffen, dass er Karten für sämtliche Veranstaltungen hat.

Nichtsdestotrotz darf man dem Zuständigen für die schönen Tage des Jahres vorwerfen, dass er sich dieses Jahr bislang weniger in Heidenheim hat blicken lassen als zum Beispiel Evgeni Bozhanov. Denn der war jetzt heuer immerhin schon zum zweiten Mal da. Hatte er bei seinem ersten Besuch Ende April beim Meisterkonzert im Festsaal der Waldorfschule noch mit Chopin und Liszt nachdrücklich heftig beeindruckt, so war diesmal im mehr oder weniger ausverkauften Rittersaal Mozart an der Reihe: KV 414, A-Dur, eines der drei ersten Klavierkonzerte der Wiener Jahre.

Der junge Mozart hatte seinerzeit die Chance am Schopf gepackt, sich die Gunst des Publikums in der Hauptstadt zu sichern. Und die des Kaisers dazu. Und er war bei dieser Gelegenheit durchaus gezielt vorgegangen, indem er sich bei der Komposition nicht der Inspiration allein in die Hände gab, sondern sich bewusst vor Augen führte, vor wem er da auftreten würde. Bei seinem Wiener Debüt ging's ihm ums Gefallen. Am Ende vom Lied gefiel er allen: Laien wie Connaisseurs. Das muss man erst mal hinkriegen.

Und Mozart hinkriegen, wie Evgeni Bozahnov ihn hinbekam, das muss man auch erst mal. Bozhanov, auf seinem Mini-Hocker einer italienischen Flügelnobelmarke und der deshalb atemberaubend tiefergelegten Spielposition, ist ja nicht nur ein Klangfarbenmaler und vor allem Klangfarbenmischer, sondern zunächst einmal ein rechter Sensibelissimus, der auch Chopin und Liszt auf die feine Tour nimmt, der sich nicht selbst als Sinn seines Spiel sieht, sondern Sinn in jeder Phrase sucht.

Und sein Mozart? Der klingt nicht in allen Phasen typisch nach Mozart, nicht nach dem jedenfalls, was dafür gilt. Aber er klingt gut, ausnehmend gut, was im ersten Satz des Konzerts auch daran liegt, dass Bozhanov hier vor allem in Sachen rubato unterwegs ist. Über die Distanz ergibt sich daraus eine Interpretation, die den Hörer in ihrer ja nur scheinbaren Unberechenbarkeit gleichermaßen überrascht wie erfrischt.

Bozhanovs kantabler Anschlag in Verbindung mit dem phantastisch klingenden, aus München geliehenen D-Steinway macht auch das Andante zu einem Hochgenuss, wobei der Bulgare in diesem zweiten Satz beweist, dass zart nicht verzärtelt heißen muss. Und dass Temperament, nicht überschüssiges, sondern aus der Situation erwachsendes, ebenfalls zum Repertoire von Bozhanov gehört, belegt dieser schlussendlich im packend vorgetragenen Rondo. Und dann noch die Zugabe: Franz Liszts Consolation in Des zaubert Evgeni Bozhanov, phasenweise assistiert von einem Buchfinken, derart verinnerlicht in den lauen Abend, als folge er einfach so den Einfällen des Moments. Wunderbar.

Wer bis dato aufgrund der pianistischen Persönlichkeit Evgeni Bozhanovs beinahe das Mitwirken der Stuttgarter Philharmoniker unter der Leitung von Opernfestspieldirektor Marcus Bosch überhört hatte, dem spielte sich nach der Pause diese Konstellation umso nachhaltiger ins Bewusstsein.

Auf dem Programm: Bruckners Siebte, ein Monolith, der, wie alle Sinfonie des Österreichers, nach großer Akustik schreit, am besten gleich der eines Domes – und, dies schon vorweg, trotzdem an der frischen Luft im Rittersaal nicht, wie vielleicht befürchtet, trocken rauskommt, sondern hier durchaus klingt.

Marcus Bosch und die keineswegs nur in großer Besetzung, sondern in wirklich allen Stimmen mit großem Engagement und ebenso homogen wie mit solistischer Finesse ans Werk gehenden Stuttgarter Philharmoniker überzeugen dabei auf der ganzen Linie. Bosch kümmert sich nicht nur um das große Ganze, sondern auch um jede Menge Details und arbeitet – vom Urnebel des Beginns bis zur ins Riesenhafte gesteigerten Coda am Ende – insbesondere Bruckner als den Meister der Melodie und der Kulminationspunkte (auch der zurückgenommenen) heraus.

Vom Tempo her geht Bosch an diesem Abend die Sache vergleichsweise flott an. Dem ersten Satz verleiht dies eine vibrierende, leidenschaftliche Erregtheit bei gleichzeitig schwebender Atmung. Der zweite Satz, von Anton Bruckner in memoriam Richard Wagner angelegt, kommt nicht unbedingt als Totenklage daher, sondern mit seiner Sphärenmusik und im Rauschen der Streicher eher gar wie ein freudvolles Erinnern. Wobei man weniger angenehm die hier gegen Ende von außen ins Spiel hinein grätschende sehr unreine Quart des Martinshorn in Erinnerung behalten wird. Nun gut, das passiert, Festspiele live. Und den berühmten Beckenschlag, von Puristen als nicht authentisch verabscheut, lässt sich ein Genussdirigent wie Marcus Bosch sodann selbstverständlich nicht entgehen.

Folgerichtig vor Leben geradezu sprühend gestalten Bosch und die Stuttgarter das dem Adagio nachfolgende Scherzo. Ein bunter Wirbel der Entrücktheit. Und das Finale? Bewegt, wie verlangt. Sogar bewegter. Großer Applaus.

 

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