Heidenheim Konzernchef Schaller: „Kein Voith ohne Heidenheim“

Voith-Konzerngeschäftsführer Stephan Schaller.
Voith-Konzerngeschäftsführer Stephan Schaller. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Thomas Zeller 06.07.2018
Stephan Schaller über seine ersten 100 Tage im Amt als Voith-Konzernchef, Wachstumspläne, Umstrukturierungen, besonderen Premieren, Ausflüge ins Heidenheimer Waldbad und zur Zukunft der Zusammenarbeit mit dem FC Heidenheim.

Kaum hat der neue Voith-Chef Stephan Schaller sein neues Amt übernommen, schon sorgt er für Wirbel. Die Büros in seiner Etage bekommen alle Glaswände ohne Sichtschutz. Damit will der Manager die Kommunikation innerhalb seines Stabes verbessern und ein Zeichen für mehr Transparenz setzen.

Die ist auch nötig, um die geplanten Veränderungen glaubhaft in das Unternehmen tragen zu können. Im Interview mit der Heidenheimer Zeitung erklärt Schaller, wie er Voith auf Wachstumskurs bringen möchte und warum das Unternehmen trotz voller Auftragsbücher kein neues Personal einstellen will.

Herr Schaller, Sie sind jetzt ungefähr 100 Tage im Amt. Haben Sie sich schon eingelebt?

Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich habe eine nette Wohnung, von der ich zu Fuß in die Firma laufen kann. Das erlaubt es mir, mich voll und ganz auf die Arbeit zu konzentrieren.

Vom Arbeitsort München oder Wiesbaden nach Heidenheim zu wechseln, ist ein größerer Schritt. Wie gefällt Ihnen die Stadt?

Ich habe nun schon zum dritten Mal meinen Zweitwohnsitz dem Beruf angepasst. Meine Familie wohnt weiterhin in Hannover, seit mittlerweile 15 Jahren. Mein privates Umfeld und meine Freunde bekommen da meinen beruflichen Wechsel gar nicht mit. Das ist nach meiner Meinung eine sehr schöne Balance. Auf der einen Seite kann ich mich in der Woche zu hundert Prozent für die Firma engagieren, auf der anderen Seite habe ich dann in Hannover die Chance auch mal etwas zur Ruhe zu kommen. An meinem zweiten Wohnsitz habe ich mich bisher immer schnell eingewöhnt. Ich finde es reizvoll und bereichernd neue Städte kennenzulernen. Mein familiäres Zentrum bleibt Hannover. Natürlich wird meine Familie mit mir bei allen anstehenden Anlässen am Wochenende in Heidenheim sein, und wir freuen uns hierauf.

Hat man als Chef eines international aufgestellten Mittelständlers überhaupt einen Bezug zu der Stadt, in der sich die Zentrale des Unternehmens befindet?

Ich finde es sehr wichtig, dass man sich als größter Arbeitgeber in einer Region auch vor Ort zeigt und das man als Chef des Unternehmens auch an den wichtigen kulturellen Ereignissen in der Stadt teilnimmt oder zu lokalen wirtschaftspolitischen Punkten Stellung bezieht. Ich darf bereits in der Industrie- und Handelskammer in Heidenheim mitwirken, ich habe die Premiere der Opernfestspiele begleiten dürfen und habe in der Stadt schon viele interessante Menschen kennengelernt.

Ab und an hat auch ein Voith-Chef etwas freie Zeit. Was machen Sie dann in Heidenheim?

Die Abende, die ich ab und zu frei habe, verbringe ich im Waldbad und schwimme dort meine 1000 Meter. Hier kann ich mich auch mal richtig körperlich verausgaben.

Der Wechsel vom Motorrad- zum Anlagenbau ist ein großer Schritt, warum haben Sie sich dafür entschieden?

Ich habe in der Summe ja auch schon zwanzig Jahre verschiedene Geschäftsfelder bei BMW Auto betreut, und habe dann sechs Jahre den sehr eigenständigen Bereich Motorrad verantwortet. In dieser Zeit war ich bereits zweieinhalb Jahre im Aufsichtsrat und Gesellschafterausschuss von Voith. Dabei konnte ich bereits die Familie und die Firma begleiten, war aber dennoch überrascht als ich gefragt wurde, ob ich die Nachfolge von Dr. Hubert Lienhard übernehmen will.

Wie lange mussten Sie vor der Zusage überlegen?

Da ich das Unternehmen bereits gut kannte, habe ich nicht sehr lange gebraucht, mich für das Angebot zu entscheiden. Solche Veränderungen haben natürlich auch immer etwas mit der persönlichen Lebenssituation zu tun. Ich hatte nach sechs Jahren an der Spitze der BMW-Motorradsparte dieses Geschäft sehr klar ausgerichtet und aufgebaut und konnte die Entwicklungen in den nächsten fünf Jahren sehr gut vorhersehen. Und dann kommt dieses interessante Angebot, mit einer Möglichkeit Abläufe und die Ausrichtung eines Unternehmens neu zu gestalten. Das hat mich sehr angesprochen.

Das heißt dann im Umkehrschluss, sie haben sich für ein Unternehmen entschieden, bei dem Sie noch nicht wissen, was in den nächsten Jahren auf Sie zukommt?

Ja. Es gibt hier aber eine Basis. Voith ist eine sehr stabile Firma, da muss man keinerlei kurzfristige Sorgen haben. Und auf dieser Basis kann ich mir mit dieser Belegschaft mittlerweile gut vorstellen, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen wird.

Mit welchen Zielen haben Sie Ihr Amt angetreten?

Das Hauptziel lautet profitables Wachstum. Nur so können wir über Neueinstellungen, statt über Restrukturierungen sprechen. Das ist meines Erachtens die zentrale Aufgabe jedes Unternehmensführers.

Sie haben auf der Betriebsversammlung am vergangenen Mittwoch gesagt, Voith sei eine sehr stabile Firma, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Negativ deshalb, weil sich beim Wachstum in den vergangenen Jahren nicht so viel getan hat. Wie sieht Ihre Strategie für das Unternehmen aus?

Da gibt es nicht die eine oder zwei großen Ideen. Stattdessen geht es um viele kleinere Schritte, die zum Wachstum führen. Den Weg dahin beginne ich gerade mit meiner Führungsmannschaft zu besprechen. Dabei geht es um organisches Wachstum, Digitalisierung, Innovationen und Zukäufe. Mit diesen vier Punkten möchten ich Voith voranbringen. Wie diese vier Säulen mit Leben gefüllt werden, möchte ich aber nicht allein entscheiden, sondern das werden wir mit allen Beteiligten gemeinsam entwickeln.

Was heißt das konkret?

Wir haben bereits einige Workshops in der Konzerngeschäftsführung veranstaltet, um die Lage zu analysieren. Nächste Woche wollen wir die nächste Führungsebene mit ins Boot holen, um sie bei der Wachstumsstrategie einzubinden. Mir geht es dabei vor allem darum, mehr Mitarbeiter einzubinden und sie an den Veränderungen zu beteiligen.

Als eine erste konkrete Maßnahme haben Sie angekündigt, dass Sie Strukturen optimieren und Prozesse vereinfachen möchten. Was heißt das konkret für das Unternehmen?

Wir wollen Rechtsstrukturen vereinfachen. Allein in Deutschland gibt es zurzeit 70 Voith-Firmen. Da stellt sich mir die Frage, braucht es wirklich diese 70 Firmen? Ich glaube nein. Durch eine neue Struktur werden wir effizienter und gewinnen an interner Umsetzungsgeschwindigkeit. Ziel wird es sein, alle operativen Firmen in eine einzige Deutschland-Gesellschaft einzugliedern.

Das wird nicht bei allen Führungskräften für Begeisterung sorgen.

Bei Veränderungen gibt es immer die eine oder andere Befindlichkeit. Die große Mehrheit trägt diesen Prozess aber mit. Das liegt auch daran, dass sich an den Funktionen der Führungsverantwortung nichts ändert. Ob die Führungskraft eingetragener Geschäftsführer im Handelsregister ist oder nicht, spielt praktisch keine Rolle. Denn generell wird sich nichts an der Einkommensstruktur und dem persönlichen Status ändern.

Sie haben das Thema Digitalisierung bereits angesprochen. Wie zufrieden sind Sie denn mit dem Bereich Digital Solutions (DS)?

Es war eine richtige Entscheidung, diesen Bereich vor zwei Jahren zu gründen. Wir schauen jetzt darauf, wie wir den Bereich weiterentwickeln können. Wir haben hier sehr viel investiert. Nun müssen wir uns noch stärker als bisher überlegen, wie es die Divisionen Hydro, Paper und Turbo in ihren Wachstumsplänen unterstützen kann. In diesem Prozess werden wir bestehende Rechtsstrukturen, die uns dabei hinderlich waren, abschaffen, so dass wir zum Beispiel künftig keine internen Angebote und Verträge mehr schreiben müssen. Das wird uns bei der Umsetzungsgeschwindigkeit ein großes Stück voranbringen.

Aber Hand aufs Herz, rein bilanztechnisch hat Ihnen der Bereich Digital Solutions doch ziemlich das Ergebnis verhagelt.

Das Kerngeschäft hat sich im operativen Ergebnis positiv entwickelt. Wir haben allerdings auch in diesem Geschäftsjahr viel in die digitale Transformation investiert, deswegen ist das Gesamtergebnis im Konzern zum Halbjahr zurückgegangen. Das war so geplant. Künftig werden wir Hydro, Paper und Turbo für die digitale Entwicklung, die daraus entstehenden Kosten sowie den daraus resultierenden Wachstumspfad stärker verantwortlich machen. Und das wird dann auch positive Effekte auf die Bilanz haben.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass Digitalisierung bei Voith mehr als ein Schlagwort wird?

Wir müssen ganz viele Menschen an diesem Prozess beteiligen. Wir haben bereits jetzt hunderte Mitarbeiter, die sich mit der Digitalisierung beschäftigen. Sie arbeiten für Digital Solutions. Wir haben dazu die drei Kerngeschäftsbereiche, die sich noch nicht so stark mit der Digitalisierung beschäftigen, wie ich es mir wünsche. Deshalb werden wir den Dialog zwischen DS und den drei anderen Divisionen systematisch einfordern und fördern.

Neben der Digitalisierung haben Sie die Robotik als Wachstumsbereich identifiziert. So ganz schlüssig scheint die Strategie in der Vergangenheit da aber nicht gewesen zu sein. Erst verkauft Voith seinen Kuka-Anteil, um nur wenig später mit einer Beteiligung an Franka Emika erneut in den Markt einzusteigen. Wie halten Sie es mit der Robotik?

Die Strategie war sehr konsequent, das sehe ich etwas anders. Voith hatte vor Längerem Robotics als attraktives Wachstumsfeld identifiziert, der Einstieg bei KUKA hat dann aber nicht so geklappt wie gedacht, weil wir durch einen chinesischen Investor mit viel Geld hinausgedrängt wurden. Dennoch bleibt Robotics ganz oben auf der Liste, daher nun der Schritt mit Franka Emika. Ich halte das Unternehmen für einen der besten Roboter-Hersteller in Deutschland. Für uns bietet die Entwicklung vernetzter Lösungen in diesem Bereich große Wachstumschancen. Das ist ein absolutes Zukunftsthema und mit Voith Robotics sind wir nun hierfür aufgestellt.

Was bedeutet denn Ihre Wachstumsstrategie für den Standort Heidenheim?

Für mich ist klar, dass es Voith ohne Heidenheim nicht geben wird. Das heißt, dass wir versuchen werden, an diesem Standort bei der Beschäftigtenzahl mindestens stabil zu bleiben. Dafür werden wir bis zum Jahresende eine Standortstrategie für Heidenheim entwickeln, die diesen Punkt noch einmal weiter konkretisieren wird. Bisher steht schon fest, dass es hier auch weiterhin einen starken Forschung- und Entwicklungsbereich, sowie eine Produktion geben wird.

Wie ist denn zurzeit die Auslastung in Ihrer Produktion in Heidenheim?

In der Papiersparte sehr gut. Wir müssen hier gerade alle Reserven mobilisieren, um die Aufträge abarbeiten können, die ist eine große Herausforderung für unsere Mitarbeiter.

Was heißt das für Ihre Investitionsplanung?

Investitionen in zusätzliche Kapazitäten sind immer sehr groß. Auch wenn die Auftragslage 2019 sehr gut ist, erwarte ich auch keine Fortsetzung dieses Trends in den darauffolgenden Jahren. Es ist sehr gut, zurzeit mehr Aufträge zu haben als wir aktuell abarbeiten können und ich bin froh, dass wir hier erst einmal einen gewissen Arbeitsvorrat haben. Die Papierindustrie ist ein stabiler, aber eben kein wachsender Markt. Nur weil wir gerade ein paar große Aufträge haben, die uns etwas überlasten, bedeutet das nicht, dass wir sofort investieren sollten. Besser ist es ein paar Jahre unter höherer Last zu fahren, als dann in zwei Jahren wieder restrukturieren zu müssen.

Das heißt konkret, einen Neueinstellungen für die Sparte schließen Sie zurzeit aus?

Punktuell ist so etwas immer möglich, aber in größerer Anzahl ist hier nichts geplant.

Während die Bereiche Paper und Turbo gut laufen, schwächelt das Geschäft mit der Wasserkraft etwas. Wie wollen Sie die Sparte Hydro wieder auf Kurs bringen?

Wir hatten einen größeren Auftrag in den USA, der nicht zustande gekommen ist. Dadurch fehlen einem gleich mehrere hundert Millionen Euro. Das hat bereits zu Restrukturierungen in Brasilien geführt. Wir sind aber optimistisch einen anderen Großauftrag in Südamerika zu erhalten, das wird den Umsatz dann wieder nach oben bringen.

Nochmal zurück zum Standort Heidenheim. Sie sind als Sport- und Kultursponsor ein Schwergewicht in der Region. Wird das auch weiterhin so bleiben?

Ich habe nicht vor, daran etwas zu ändern. Ich freue mich persönlich, wenn der FC Heidenheim weiterhin erfolgreich Fußball spielt, unsere Fechter Medaillen gewinnen und die Opernfestspiele sind auch dieses Jahr wieder ein Riesenerfolg.

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