Heidenheim Kirchenaustritte: Dekan fragt nach dem „Warum“

Dekan Sven van Meegen (links):  „Jeder Kirchenaustritt ist einer zuviel und schmerzt uns sehr.“
Dekan Sven van Meegen (links): „Jeder Kirchenaustritt ist einer zuviel und schmerzt uns sehr.“ © Foto: Archiv / Christian Thumm
Heidenheim / pm 15.01.2019
Dekan Sven van Meegen bedauert jeden Kirchenaustritt und forscht nach den Gründen. Für die Gemeinden bedeutet das Schrumpfen neben dem Verlust von Persönlichkeiten auch weniger Mittel für soziale Aufgaben.

In Herbrechtingen sehr deutlich und auch in Heidenheim greifbar ist die Zahl der Kirchenaustritte im vergangenen Jahr nach oben gegangen. Beide christlichen Konfessionen sind gleichermaßen betroffen. „Jeder Kirchenaustritt ist einer zuviel und schmerzt uns sehr“, sagt der katholische Dekan Prof. Dr. Sven van Meegen.

Dekan erkennt zwei Hauptgründe

Jeder Kirchenaustritt wirft für ihn auch die Frage nach dem Warum auf. „Wenn jemand aus der Kirche austritt, ist das oft der letzte Schritt, der sich aber schon lange Zeit vorher abgezeichnet hat.“ Zwei Hauptgründe glaubt van Meegen definieren zu können: erstens die Entfremdung von der Kirche und zweitens einen finanziellen Aspekt. Beide Gründe beeinflussten sich auch gegenseitig. „Skandale sind dann noch der letzte Anschiebepunkt zum Austritt.“

Für die Kirchen haben die Austritte Folgen

Weil Dekan van Meegen Gläubige nur ungern wortlos ziehen lässt, schreiben die Pfarrämter jedem Ausgetretenen einen Brief, in dem ein Gesprächsangebot unterbreitet wird. „Jeder Kirchenaustritt hat vor allem für die Kirchengemeinde vor Ort negative Auswirkungen. Denn es fehlt ein Kirchenmitglied, eine einmalige Persönlichkeit in der Gemeinde.“

Aber auch der finanzielle Aspekt spielt für die Gemeinde eine Rolle. Aus der Kirchensteuer, so der Hinweis von van Meegen, würden ja die Angestellten vor Ort bezahlt sowie der Unterhalt der Gebäude, Gemeindezentren, sozialen, caritativen, kulturellen und pädagogischen Dienste bestritten. Zweifler lädt van Meegen ein, die Tagungen der Kirchengemeinderäte zu besuchen, wo die Mittel verteilt würden. Wer im Kirchengemeinderat mitwirke, könne sogar ganz direkt mitbestimmen, wofür die Kirchensteuermittel vor Ort verwendet werden.

Gerücht hält sich

Immer wieder ist es auch „Stammtischgerede“, das van Meegen als Grund für einen Austritt zu hören bekommt, wie dass der Bischof jedem Pfarrer drei Kinder zahle. „Dieses Gerücht hält sich unentwegt und wir haben alle Personalakten seit 1945 auf diesen Vorwurf prüfen lassen. Bei keinem einzigen Fall war dies zutreffend.“

Am meisten schmerzt den Dekan bei den Kirchenaustritten, dass dadurch am Ende auch die fleißigen, liebevollen und engagierten Helfer in den Gemeinden abgestraft werden. „Ich weiß, dass das nicht die Absicht der Menschen ist, die austreten, aber die Folgen spüren eben vor allem die Menschen in den Gemeinden vor Ort. Ich bin seit 15 Jahren Seelsorger und nur in zwei Fällen haben Menschen, die ausgetreten sind, weiterhin die Gemeinde vor Ort unterstützt.“

Ersparte Kirchensteuer kommt fast nie als Spende zurück

Nachfragen bei den anderen sozialen Einrichtungen hätten gezeigt, dass es auch dort nicht mehr als fünf Prozent der Ausgetretenen sind, welche ihre ersparte Kirchensteuer diesen direkt spenden. „Viele Ausgetretene nutzen aber weiterhin die mitmenschlichen Angebote, kirchliche Dienstleistungen, Gebäude, Plätze und seelsorgerlichen Angebote. Ich frage mich daher, wo die Solidarität bleibt?“

Für van Meegen bleibt als Resultat, die Arbeit vor Ort so professionell wie möglich fortzusetzen. Die generelle Entwicklung laufe wahrscheinlich auf eine Entscheidungsgemeinde, ein Entscheidungschristentum hinaus. „Das heißt, die wenigen, die wirklich ihren Glauben leben, werden uns weiterhin unterstützen, die Kirchengemeinde prägen und das Christentum hier nicht aussterben lassen.“

Allen die sich im Dekanat kirchlich engagieren wollen, sagt van Meegen schon vorab Dankeschön und verspricht seine zukünftige Aufmerksamkeit.

Die Austrittszahlen

Heidenheim: 279 Menschen haben 2018 der Kirche den Rücken gekehrt. Davon waren 132 Katholiken und 146 Protestanten. 2017 waren es 196 Austritte. Die höchste Zahl war mit 305 im Jahr 2014 registriert worden.

Herbrechtingen: 87 Kirchenaustritte bedeuten eine Verdoppelung im Vergleich zum Jahr 2017. Von den Ausgetretenen waren 40 Protestanten und 47 Katholiken.

Giengen: In den evangelischen Kirchengemeinden ist die Zahl der Austritte von 55 auf 47 gesunken, bei den katholischen Kirchengemeinden leicht erhöht von 47 auf 53. kf

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