Heidenheim / Joelle Reimer 19 Jahre lang haben die Künstler des Schmelzofenvereins ihre Werke in den spektakulärsten Räumen gezeigt. Nun ziehen sie für vier Wochen ganz „Open“-untypisch ins Heidenheimer Kunstmuseum.

Weil es immer schon so war. Ein Satz, der gerne als Begründung für alles und jeden herhalten muss. Ein Satz, der leicht über die Lippen kommt. Auch die Künstler des Schmelzofen-Vereins hätten es sich einfach machen und diesen Satz sagen können. Hätten sagen können: Immer haben wir für die „Open“-Ausstellung einen spektakulären Raum gefunden; erst die WCM, später dann, als die Ateliers geräumt werden mussten, waren wir auf Bauernhöfen, im Klinikum, in einem Kinderhort – da wird sich doch auch im Jahr des 20. Bestehens etwas Besonderes finden lassen.

Natürlich hat sich das finden lassen. Beziehungsweise, das Besondere, also der Raum, hat die Künstler gefunden; und seine Besonderheit besteht eigentlich nur darin, dass er genau eines nicht ist: spektakulär. Zumindest nicht für eine Kunstausstellung. Die Rede ist vom Heidenheimer Kunstmuseum, in dem die 21 Künstler ab kommendem Sonntag, 24. Februar, einen Monat lang ausstellen.

Und damit unterscheidet sich die 20. Auflage der „Open“ grundlegend von allen bisherigen – man macht also nicht alles so, wie es immer schon war, und man hat es sich damit, anders als vielleicht spontan vermutet werden könnte, auch nicht gerade leicht gemacht. Nicht nur bezogen auf den Zeitpunkt und die Ausstellungsdauer, sondern vor allem den Ort. „Wir haben die Künstler zu uns eingeladen, weil es ein solches Format in Städten vergleichbarer Größe sehr selten gibt. Und zum 20-jährigen Bestehen wollte die Stadt ihnen Anerkennung zollen“, sagt Kunstmuseumsleiter Dr. René Hirner. Natürlich weiß auch er, dass sich die Künstlergruppe zunächst Gedanken gemacht hat darüber, ob eine Ausstellung im Kunstmuseum überhaupt zur ursprünglichen Idee der „Open“ passt; nämlich der, dass man die Ateliers für Besucher öffnet. „Letztendlich ist es aber doch so, dass sie sich, seit sie nicht mehr in der WCM sind, immer auf neue Orte einlassen. Es ist eine gemeinschaftliche Wanderausstellung. Dieses Jahr eben im Kunstmuseum.

Virtuelle Weite

Ganz so viel Platz wie in der einstigen Textilfabrik haben sie dort freilich nicht. Was sich Horst Pommerenke überlegt hat, kann also durchaus als ressourcenschonende Vorgehensweise durchgehen: In einem Video zeigt er virtuelle Bilder, Bildreihen und Objekte – Resultate von am Computer selbst erdachten Verfahren zur Bilderzeugung, die den Eindruck erwecken, als hingen sie nicht nur virtuell auf dem Bildschirm, sondern ganz real in einem Ausstellungsraum. „Quasi die größte Ausstellung, die je ins Kunstmuseum gepasst hat“, sagt er augenzwinkernd.

Bei Beate Gabriels „Magis“, einer Kombination aus Installation und Malerei, hat er die Vektorzeichnungen angefertigt, aus denen schließlich große, grüne Plexiglasformen entstanden sind. „Mit diesen Formen und dem Morgen- und Abendlicht, das durch die Fenster hereinfällt, entstehen verschiedene Farbspektren“, sagt Gabriel.

Auf der Innenseite der Stellwände hat sich Erika Theilacker ausgetobt: Gesammeltes Strandgut aus Norwegen findet sich hier in detaillierten Fotografien wieder, Beobachtungen aus der Meereswelt in Acryl-Collagen. Fast schon passend dazu erscheint die Bodeninstallation, die Brigitte Vogel im hinteren Teil des großen Ausstellungsraumes angebracht hat: Kleine Boote mit einem integrierten Haus hat sie aus Draht, Papier und Leinöl gefertigt; sinnbildlich stehen sie für Heimat, Schutz, aber auch Veränderung und Bewegung, was sich auch in den fünf zugehörigen Grafiken aus Wachs auf Bütten wiederfindet.

Diese werden eingerahmt von zwei großformatigen Arbeiten von Nicoline Koch-Lutz: „Potsdam“ und „Ohne Erinnerung“, eins farbenprächtiger als das andere, beide voller naiver, kindlicher Formen und dazu angehalten, die Phantasie anzuregen. Fast schon im Gegensatz dazu stehen die nicht weniger ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotografien des Projektes „Purgatorio“, mit denen Ignacio Iturrioz 2018 den Uruguayischen Fotopreis gewonnen hat und die vom nächtlichen Leben im Palacio Salvo, dem Wahrzeichen Montevideos erzählen – dem Gebäude, in dem er selbst sieben Jahre lang gewohnt hat.

Während sich Johanna Senoner in ihren drei Objekten aus mit Acryl bemalter Verglasungsfolie mit dem Gewicht des Lichts beschäftigt, widmet sich Gabriele Schneeweiß ganz vorne im Ausstellungsraum der Brunnenfigur: „Ich wollte was zum Thema Wasser machen; klar, Poseidon, das passt. Mit meiner kleinen Figur auf getrockneter Erde werfe ich allerdings überhaupt erst die Frage nach Wasser auf“, sagt sie. Ebenfalls im großen Ausstellungsraum finden sich die digitalen Fotoarbeiten von Erich Briz, Ölmalerei von Michael Köpf, Lars Maurmeiers Blattgold-Figur und kleinformatige Zeichnungen, Fotografien und 3D-Visualisierungen von Günter Schmid, Carla Chlebarovs farblich reduzierte Monotypien, die mit selbst hergestellten Pflanzenfarben eingefärbten Tafeln von Esther-Maria Cramer-Hurler, Jürgen Stimpfigs „Täterprofil A+B“ und, in der Mitte des Raums, ein Kiosk.

Ein Kiosk? Nun ja, nicht im herkömmlichen Sinn, natürlich. Dennoch scheint es keinen passenderen Namen für Albrecht Briz' Installation zu geben, die eigentlich gar keine Installation, sondern Malerei ist. Fünf großformatige Ölbilder, aufgestellt zu einem Raum, die Malerei auf der Innenseite, und schon entsteht ein kleiner Raum im Raum – ein „Kiosk“ eben. „Man kann die Bilder nicht mit Abstand betrachten, man kann nicht ausweichen, sondern muss sich voll darauf einlassen – oder eben auch nicht“, sagt er.

Alte Sportart wiederentdeckt

Ganz oben in der Galerie verteilen sich Leuchtrahmenbilder, sogenannte Mixed-Media-Bilder aus Malerei und Fotografie, Bilder auf bewegtem Aluminium und eine Installation mit einem präparierten Fuchs von Evi Fischer, ein paar Schritte weiter eine Installation in abgeschirmtem Licht aus Hunderten von Bildern und Digitaldrucken, die Karl-Heinz Stufft-Fischer nicht nur an den Wänden, sondern auch auf dem Boden angeordnet hat und die dem Betrachter als Spiegelbilder dienen sollen.

Ein Spiegelbild der Vergangenheit präsentiert Cornelia Baumann in dem kleinen Raum, bevor der Besucher die Treppe wieder hinunter in Richtung kleiner Ausstellungsraum geht. Inspiriert durch das ehemalige Heidenheimer Volksbad und einer Erzählung ihrer Großmutter, entdeckte sie die alte Kunst des Reigenschwimmens. Ihre Installation „Synchronizer“ kommt einem Kaleidoskop gleich, in dem sie diese längst vergessene Sportart zu neuem Leben erweckt.

Folgt man nun der Treppe in den kleinen Ausstellungsraum im Erdgeschoss, wird man dort von sechs großen, abstrakten Ölgemälden erwartet. „Ich habe die Farben Weiß, Blau, Gelb, Grün und Rot separiert und versucht, eine stimmige innere Ordnung zu finden“, erklärt Johanna Bauer.

Der Nebenraum mit Günther Regers Installation aus Tages- und Nachtleuchtfarben ist durch einen schwarzen Vorhang abgeteilt und bietet sich als würdiger Abschluss des „Open“-Vorab-Rundgangs an. Eintreten, Vorhang zu, Augen auf.

„Open“: Programm 2019

Die Eröffnung der Ausstellung ist am Samstag, 23. Februar, um 17 Uhr im Kunstmuseum. Sie geht bis 24. März. Am ersten und letzten Sonntag gibt es ein Café im Kunstmuseum.

Öffentliche Führungen finden sonntags um 11.15 Uhr, mittwochs um 17.30 Uhr statt (außer am ersten und letzten Sonntag) .

Bildergalerie „Open“: Ein Einblick in die Ausstellung