Heidenheim Kinderwerk Lima: In 50 Jahren sechs Schulen und Kindergärten

Dr. José Moro
Dr. José Moro © Foto: Kinderwerk Lima
Heidenheim / Michael Brendl 15.09.2018
Helle Köpfe, das ist nicht Neues, gibt's in Heidenheim zuhauf. Aber auch solche mit einem großen Herzen. Ein Beispiel dafür ist das Kinderwerk Lima. Mit seiner im christlichen Glauben wurzelnden Hilfe hat es schon Tausenden Kindern in Südamerika und Afrika regelmäßige Mahlzeiten, Betreuung und Bildung ermöglicht. Sechs Schulen und ebensoviele Kindertagesstätten sind seit der Gründung vor 50 Jahren entstanden.

Der Ort hatte nichts von großer Welt – eine kleine aus Holz gezimmerte Kirche im Osten Heidenheims. Die Inhalte wiesen gleichwohl weit hinaus über die oftmals piefige Enge der frühen 1960er-Jahre: Zu den sogenannten offenen Abenden kamen zeitweise mehr Interessierte in die Waldkirche, als das kleine Gotteshaus fassen konnte. Gebannt hingen die Zuhörer an den Lippen der Referenten, die von ihrem Leben mit Gott berichteten.

Einer von ihnen war der Italiener Prof. Dr. José Moro, Feldleiter der Schweizer Indianer-Mission. Am 20. Februar 1962 sprach er über seine Arbeit unter Indianerstämmen des peruanischen Amazonasgebiets.

Das Publikum reagierte auf Moros Worte mit einer großzügigen Kollekte. Mehr noch: Ein Achtzehnjähriger verkündete im Anschluss an den Vortrag eine weitreichende Entscheidung: „Ich will Indianer-Missionar werden.“ Schnell war ein Unterstützerkreis gebildet, der die vierjährige Ausbildung des jungen Mannes finanzierte. Und bald schon ging Walter Gauss für drei Jahre als Missionar nach Peru.

Dr. José Moro
Dr. José Moro © Foto: Kinderwerk Lima

Moro seinerseits verbrachte krankheitshalber einige Zeit in der Schweiz, ehe er sich, wieder zu Kräften gekommen, den in den Slums rund um die peruanische Hauptstadt Lima lebenden Bergindianern widmete. Weil die Schweizer Indianer-Mission diese zusätzliche Arbeit nicht stemmen konnte, sprangen die Heidenheimer in die Bresche. Am 7. April 1968 gründeten sie das Kinderwerk Lima, und formulierten auch gleich vier Ziele des Vereins: Errichtung eines Kinderheims zur Aufnahme und Betreuung elternloser und unehelicher Kinder sowie Bau einer Schule, berufsbildender Werkstätten und eines kleinen Krankenhauses.

Wider Erwarten war das auf 100 000 Mark veranschlagte Startkapital dank vieler Spenden rasch beisammen, und als dann die peruanische Regierung ein Grundstück kostenlos zur Verfügung stellte, konnte im April 1969 der Bau einer Kindertagesstätte in El Agustino beginnen, einem armen Stadtteil Limas.

Die Kinder bekommen zu Essen.
Die Kinder bekommen zu Essen. © Foto: Kinderwerk Lima

Es war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Hilfsprojekten in Südamerika und Afrika. 570 einheimische Mitarbeiter betreuen und unterrichten heute rund 5000 Kinder und Jugendliche, von denen die meisten aus sozial benachteiligten Familien stammen. Außerdem werden in Peru Tag für Tag 2500 Kinder mit einem Frühstück versorgt, in Burundi weitere 1500.

Zurück zu den Anfängen: 1970 wurde mit der Casa Cuna (deutsch: Kinderkrippe) das Premierenvorhaben eingeweiht. Dass zunächst nur 21 Kinder kamen, überraschte. Erst nach und nach wurde der Grund deutlich: Die Menschen trauten den Ausländern nicht. Weshalb sollte jemand für weniger als zwei Mark im Monat ein Kind aufnehmen, verpflegen und unterrichten? Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen!

Tat es aber doch, und so gab es sieben Jahre später in Lima nicht nur einen Kindergarten für 300 Jungen und Mädchen, sondern auch eine kleine Grundschule bis zur dritten Klasse.

1974 reihte sich die Kreuzkirchengemeinde aus Lüdenscheid in die Unterstützer ein, und im Laufe der Jahrzehnte folgten viele weitere Gemeinden aus Deutschland und der Schweiz.

Bau der Schule in Comas
Bau der Schule in Comas © Foto: Kinderwerk Lima

Mit ihrer Hilfe kamen nach und nach etliche weitere Einrichtungen hinzu: In El Agustino begann die pastorale Arbeit in einer Garage, ehe sie ein eigenes Gebäude bekam. 1987 startete die Unterstützung einer Kinderspeisung in Limas Stadtteil Comas, die ihren Höhepunkt 2010 erreichte. Damals erhielten täglich 11 500 Kinder einen Becher warme Milch und ein Vollkornbrötchen. Nachdem der peruanische Staat begonnen hatte, an öffentlichen Schulen ein Frühstück anzubieten, ging die Zahl auf 2500 zurück. Gleichzeitig galt das Augenmerk fortan verstärkt Orten, an denen bis dahin noch keine staatliche Hilfe ankam.

Aus der Kinderspeisung in Comas erwuchs die zweite Schule, außerdem gab es nun auch Qualifizierungskurse für Alleinerziehende und Betreuungsangebote für Mütter im Teenageralter. Das im peruanischen Hochland gelegene Huanta ist seit März 2009 ebenfalls Standort einer Schule mit angegliedertem Kindergarten. Derweil hatten die Verantwortlichen den Blick längst nach Paraguay gelenkt. Heute gibt es dort Schulen in Asunción und Santani, und die Abgänger sind angesichts des herrschenden Fachkräftemangels hier wie auch in Peru gefragt.

Die fertige Gutenbergschule in Comas
Die fertige Gutenbergschule in Comas © Foto: Kinderwerk Lima

Seit 2016 ist das Kinderwerk zudem in Burundi tätig, einem der ärmsten Staaten Afrikas. Es unterstützt den Ausbau einer Schule mit Kindergarten, eine Kinderspeisung und das diskriminierte Pygmäenvolk der Batwa.

Alles in allem gibt es damit je sechs Schulen (alle tragen den Namen Johannes Gutenbergs, der als Erfinder des modernen Buchdrucks gilt) und Kindertagesstätten, deren Bau das Kinderwerk Lima auf den Weg gebracht hat. Die Organisation ist daneben im Verwaltungsrat zweier weiterer Schulen in Paraguay vertreten, die von ansässigen Geschäftsleuten initiiert wurden.

Das Kinderwerk Lima steht für Beständigkeit. Lediglich Ernst Loder, Jörg Spellenberg (siehe Interview) und Albrecht Lächele führten bisher den Verein. Missionsleiter, und damit Geschäftsführer, ist Pfarrer Imanuel Kögler. In Heidenheim hat das Kinderwerk heute acht Mitarbeiter. Der Etat in Höhe von rund vier Millionen Euro speist sich aus Spenden und Entwicklungshilfegeldern.

Jörg Spellenberg
Jörg Spellenberg © Foto: Sabrina Balzer

Jörg Spellenberg ist ein Mann der ersten Stunde: Als das Kinderwerk Lima 1968 ins Leben gerufen wurde, zählte er zu den Gründungsmitgliedern. Mehrere Jahre lang hatte er das Amt des Schriftführers inne, ehe er 1978 als Nachfolger von Ernst Loder zum ehrenamtlichen Vorsitzenden gewählt wurde. Im Interview erinnert sich der mittlerweile 82-Jährige Heidenheimer, der nach wie vor aktiv dabei ist, an ein Vierteljahrhundert an der Spitze des Vereins.

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