Heidenheim Tiktok: Eine Einladung für Pädophile?

Warnt vor Fallen, in die Kinder mit dem Handy geraten können: Medienpädagogin Franziska Danner.
Warnt vor Fallen, in die Kinder mit dem Handy geraten können: Medienpädagogin Franziska Danner. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Brigitte Malisi 08.02.2019
Die App Tiktok, bei der kurze, selbst gedrehte Musikvideoclips hochgeladen werden, begeistert vor allem junge Mädchen und bietet nach Einschätzung einer Sozialarbeiterin Pädophilen eine direkte Einladung ins Kinderzimmer.

Klar, Eltern sind uncool und haben sowieso keine Ahnung – zumindest sehen das die meisten Kinder und Jugendlichen so. Für sie steht der Spaßfaktor im Vordergrund - mögliche Gefahren blenden sie dabei aus oder können sie einfach nicht einschätzen.

TikTok ist so ein Beispiel. Die App ist gerade Renner bei jungen Mädchen. Auf den ersten Blick macht das Ganze einen völlig harmlosen Eindruck, Karaoke digital, sozusagen. Zu aktuellen Hits wird in kurzen Video-Frequenzen der Mund auf- und zugeklappt und mehr oder weniger dazu „performed“. Also eigentlich nichts anderes als das, was früher mal vor dem heimischen Spiegel stattgefunden hat. Nun aber öffnen die Kinder mit ihrem Smartphone quasi ihre Kinderzimmertür für die ganze Welt. Sie filmen ihre Auftritte und stellen sie ins Netz. Ziel ist es, mit möglichst vielen Herzchen „belohnt“ zu werden, das hebt das Selbstbewusstsein und nährt den großen Traum berühmt zu werden – schließlich haben das die beiden Stuttgarter Zwillinge Lisa und Lena mit genau solchen Filmchen geschafft.

Junge Mädchen eingeschüchtert

Doch dass das Ganze auch in eine unschöne und gefährliche Richtung gehen kann, zeigte sich kürzlich in einer vierten Grundschulklasse. Voller Stolz berichteten da zwei Mädchen, beide elf Jahre alt, dass sie bereits mehrere hunderte „Follower“ hätten, die regelmäßig an ihre Beiträge Herzchen verteilten würden.

Freigegeben ist die App übrigens offiziell ab 13 Jahren, kontrolliert wird das natürlich nicht. Die Anmeldung mit falschen Daten ist ein Kinderspiel. Und als solche empfanden das die beiden Mädels auch – zunächst. Im Gespräch gaben sie nämlich zu, dass ihnen die Kommentare, die zu ihren Beiträgen abgegeben werden, manchmal richtig Angst machen. Und schließlich berichtete eine der beiden unter Tränen von mehr als eindeutigen Angeboten von Männern.

Genau hier sieht auch Franziska Danner vom Verein G-Recht das Problem. Sie ist Sozialarbeiterin, auf Medienpädagogik spezialisiert und arbeitet viel mit Schulklassen. Die Kinder könnten die Folgen überhaupt nicht absehen. Tiktok bezeichnet sie schlichtweg als Tummelfeld für Pädophile, denn was die beiden Mädchen erlebt haben, sei bei weitem kein Einzelfall. Solche Themen seien längst auch in den Grundschulen angekommen. Vor drei bis vier Jahren sei das noch undenkbar gewesen. Vielleicht nicht auf den ersten Blick sichtbar, aber auch Jungs nutzten nach ihrer Erfahrung das Internet zur Selbstdarstellung - Mädchen seien dabei nur etwas kreativer, so die Erfahrung Danners. Bei Jungs stünden Computer-Spiele hoch im Kurs, man filme sich gerne beim „Gamen“ und stelle das ins Internet. Andere Nutzer – mit unterschiedlichsten Absichten- könnten nach Belieben Kontakt aufnehmen.

„Viele Eltern wissen das gar nicht, was ihre Kinder da machen“, hat Danner festgestellt. Oftmals fühlten sie sich auch schlicht überfordert. Dabei gehe es überhaupt nicht darum, solche Apps oder Spiele selbst zu nutzen, sondern zu wissen, was da eigentlich läuft. Danner rät Eltern, sich mit ihren Kindern darüber zu unterhalten. „Kinder können das super erklären“, weiß sie und wenn man ihnen Fragen dazu stelle, würden sie oft auch selbst merken, wo Gefahren liegen.

Privateinstellungen nutzen

Außerdem rät Franziska Danner, den Infotext der Anwendungen zu lesen. Oberstes Gebot: Die Privateinstellungen nutzen und dann schauen, welche Nutzungsrechten will die App haben, greift sie beispielsweise aufs Fotoalbum zu? Das seien Dinge, mit denen sich Kinder nicht auseinandersetzen und schnell in eine Falle tappen.

Wer sich dennoch überfordert fühlt: Franziska Danner bietet auch direkte Hilfe an. Sowohl Kinder und Jugendliche können sich an sie wenden als auch Eltern. Das kann im akuten Fall sein oder auch präventiv.

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