Heidenheim Kinderarmut: Wenn das Geld fürs Hobby fehlt

Hält die Fäden in der Hand: Anita Knauß kümmert sich um die Angebote der Caritas-Kinderstiftung „Knalltüte“.
Hält die Fäden in der Hand: Anita Knauß kümmert sich um die Angebote der Caritas-Kinderstiftung „Knalltüte“. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Sandra Gallbronner 17.01.2019
Mittels Spenden bietet die Caritas benachteiligten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, ihren Interessen nachzugehen.

Wöchentliche Reitstunden – das können nicht alle Eltern ihren Sprösslingen ermöglichen. Im Gegenteil: In manchen Familien reicht das Geld nicht einmal für den Beitrag im Turnverein oder dem Bewegungseifer wird gar aufgrund fehlender Sportbekleidung Einhalt geboten. Infolgedessen mangelt es nicht nur an Fördermöglichkeiten, zudem fühlen sich die Kinder schnell ausgegrenzt.

Wenn staatliche Leistungen wie Bildung- und Teilhabe nicht ausreichen, können sich einkommensschwache Familien an die Kinderstiftung „Knalltüte“ der Caritas wenden. Im Frühjahr vergangenen Jahres ist dort das Angebot „ChancenPlus“, das sich an Kinder von Arbeitslosengeld-II-Empfängern im Landkreis Heidenheim richtet, an den Start gegangen. Das Ziel: Es Kindern und Jugendlichen durch finanzielle Einzelfallhilfen ermöglichen, ihrem Hobby nachzugehen.

Dabei ist der Begriff Hobby weit gefasst: Finanziert werden neben musikalischen und sportlichen Interessen auch ein Schwung Buntstifte. „Wenn die Kinder schon etwas für sich entdecken, sollen sie das auch ausüben und so an der Gesellschaft teilhaben können“, so die Heidenheimer „Knalltüte“-Stiftungsreferentin der Caritas, Anita Knauß. Pro Jahr wird jedes Kind mit maximal 300 Euro an Spendengeldern gefördert.

Motivation: Hilfe zur Selbsthilfe

Heißt also, wenn im Juni der Etat für ein Kind aufgebraucht ist, werden im restlichen Jahr keine weiteren Kosten übernommen. Das habe einen guten Grund, erklärt Knauß: „Wir sehen das Angebot als Anschubhilfe. Die Familien sollen sich nicht daran gewöhnen, dass die Kosten übernommen werden.“ Vielmehr seien sie dazu angehalten, zu lernen wie sie sich selbst helfen und somit als Vorbild für ihre Kinder dienen können.

Im Zeitraum von Juni bis Dezember 2018 sind 21 Anträge bewilligt worden. Den größten Posten – nämlich neun Fälle – machten dabei Kleidungsstücke aus. So beantragte ein Vater Geld für ein Paar Wanderschuhe, die sein Sohn für das Schullandheim benötigte. Eine Alleinerziehende wiederum musste ihre drei Kinder zeitgleich mit Winterkleidung ausstatten. Das ließ das Haushaltsbudget jedoch nicht zu. „Oft sind es einfache Dinge, an denen es den Kindern fehlt, ohne die sie in der Schule oder unter Freunden aber schnell abseits stehen“, so Knaus.

Hip-Hop, Reiten, Pausenbrot

Zudem wurden Reitstunden, ein Hip-Hop-Tanz- sowie Schwimmkurs, Flötenunterricht, aber auch die Verpflegung für eine Ferienfreizeit finanziert. Insgesamt 3500 Euro kamen bislang benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu. Die Gelder gehen direkt an die Vereine und Institutionen oder werden in Form von Gutscheinen ausgegeben.

Anstatt sich Schritt für Schritt zu isolieren – und es somit in machen Fällen den Eltern gleich zu tun – sollen schwächer gestellte Kinder durch die Ausübung ihrer Hobbys ein soziales Netzwerk aufbauen. Das stärke ihr Selbstbewusstsein, ist sich Knauß sicher und helfe ihnen langfristig gesehen den Kreislauf der Armut und Vereinsamung zu durchbrechen.

Bürokratischen Hürden gibt es bei dem Angebot der Caritas nicht. Das Antragsformular auf Einzelhilfe bei „ChancenPlus“ ist im Internet abrufbar. Dabei muss der Antrag nicht von den Eltern ausgefüllt werden. Das können auch Lehrer, Betreuer, Ärzte oder Bekannte übernehmen. Demnächst startet das Angebot auch in Aalen, Schwäbisch Gmünd und Ellwangen.

Kinderarmut im Kreis Heidenheim

Etwa 22 700 Kinder bis 17 Jahre leben im Kreis Heidenheim (Stand 2016). Während im Juni 2013 die Eltern von 1900 Kindern Hartz-IV-Leistungen bezogen, waren es vergangenes Jahr bereits 2400. Damit ist etwa jedes elfte Kind von Armut betroffen. Dennoch sank die Zahl der benachteiligten Kinder von 2017 auf 2018 nach vielen Jahren erstmals wieder - um acht Prozent.

Zum Vergleich: In Baden-Württemberg wächst nahezu jedes fünfte Kind unter armutsgefährdeten Bedingungen auf.

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