Heidenheim Keine Spur von Hektik: Hinter den Kulissen des Naturtheaters

. . . und umziehen hinter den Kulissen, wenn's schnell gehen muss.
. . . und umziehen hinter den Kulissen, wenn's schnell gehen muss.
Heidenheim / Joelle Reimer 16.08.2018
Von der Tribüne aus kennen die meisten das Naturtheater. Nur wenige wissen, wie es während der Stücke hinter der Bühne abläuft.

Leiser Applaus hallt über die Zuschauertribüne. Klatsch – Pause. Klatsch – Pause. Pause. Pause . . . Klatsch.

Auf der Bühne des Naturtheaters verbeugen sich Prinz Edward, der Betteljunge Tom Cantey und die Freundinnen Bet und Amy. „Der Applaus könnte aber mehr sein!“, beschwert sich einer der Darsteller. Ach ja? Der Blick schweift kurz über die leeren Zuschauerränge. Ein letztes Klatschen ertönt, dann lässt Regisseur Max Barth die Hände sinken. Er grinst.

Nicht nur das fehlende Publikum ist ein Indiz dafür, dass dies nicht die echte Schlussszene des Kinderstückes „Der Prinz und der Bettelknabe“ sein kann. Zu viele Ungereimtheiten, zu viele unstimmige Details. Der fehlende Umhang des Prinzen. Die modernen Sandalen, die der Betteljunge trägt. Und dann Amy, die anstelle eines schmutzig-weißen, zerlumpten Kleides eine schwarze Hotpant und ein helles T-Shirt an hat. „Das hier ist das Eintanzen. Wir machen es vor jeder Vorstellung“, erklärt eine junge Darstellerin, die die fragenden Blicke und das Stirnrunzeln bemerkt hat.

Plötzlich gehen die Schauspieler wie auf Kommando von der Bühne. Die einen verschwinden irgendwo hinter dem Bühnenbild, andere laufen schnurstracks zur Maske oder in den Kostümbereich. Überall wuselt es, alle laufen kreuz und quer; trotzdem scheint jeder genau zu wissen, was zu tun ist. Wie in einem Ameisenhaufen, wo jeder seinen Weg kennt.

Während hinter der Bühne die letzten Vorbereitungen für die anstehende Nachmittagsvorstellung laufen, nippen die Besucher im Empfangsbereich am Sektglas. Von Stress keine Spur.

Es ist 14.21 Uhr. Noch 39 Minuten. In der Maske sind alle Stühle besetzt. 15 Leute drängen sich in den kleinen Raum, um einen Platz vor dem Spiegel zu ergattern. Da werden Perücken angepasst, Lippen geschminkt und Bärte aufs Gesicht gezaubert. Der Geruch von Haarspray wabert über die Köpfe der Schauspieler.

Ein junges Mädchen, ganz in schwarzem Leder gekleidet, mit dunklen Striemen über den Augen und schwarzen Lippen, verlässt den Raum. Sofort setzt sich eine Frau im ausschweifenden rosa Reifrock auf den Platz. „Für die Maske brauchen wir ungefähr zwei Stunden“, erklärt sie. Normalerweise laute die Reihenfolge: Kostüm, Mikro, Maske, Perücke. „Weil aber nicht alle alles gleichzeitig machen können, überschneidet sich das natürlich. Deswegen ziehen sich manche erst 20 Minuten vor der Aufführung um.“

Auf dem Weg zum Kostümfundus im ersten Stock laufen die schrillsten Gestalten vorbei. Reifröcke und Tüll, rosa Hosen, weiße Bärte. In Lumpen gekleidete Mädchen. Abgewetzte Schuhe, zerzauste Haare. Perücken mit Büchern und einem Segelschiff.

Hinter der Bühne noch ein Eis

„Achtung!“ Eine schroffe Ansage, die die Gedanken wieder ins Hier und Jetzt holt. Schnell ein paar Schritte zur Seite, schon drängen die Darsteller hastig vorbei und laufen die Treppe hinunter. Das Gefühl, im Weg zu stehen, ist im Umkleidebereich besonders groß. Jeder hier hat seinen Platz. Es wird geredet und gelacht, es werden Wurstwecken gegessen und Strumpfhosen durch den Raum geworfen. Ein Chaos, das alle zusammen im Griff zu haben scheinen.

14.45 Uhr. Eine Viertelstunde bis zur Aufführung. Der Platz vor der Klause, geschützt vor den Blicken der Gäste, füllt sich. Jeder hat seine eigene Art, mit der Nervosität umzugehen. Für die einen ist es ein Eis, für die anderen der Kaffee oder ein paar Züge an der Zigarette.

Max Barth, der als Regisseur des Kinderstückes heute zum ersten Mal aushilfsweise in die Rolle des bösen Hauptmanns schlüpfen wird, stellt sich auf die Sitzbank. Er pfeift und schreit, und es dauert ein paar Sekunden, bis die letzten Gespräche verstummt sind. „Denkt ans Trinken. Und Showgirls, ich möchte heute mal wieder mehr Showgirls.

Ihr Kinder, ihr rennt nachher kompakt. Alle gleichzeitig. Und wenn ich heute etwas verbocke, improvisieren wir einfach!“ Der nette Plauderton will so gar nicht zu den schwarz gefärbten Haaren, dem geschminkten Gesicht und dem dunklen, langen Mantel passen. Dann folgt der Mannschaftsschrei: „Naturtheater Heidenheim!“ – und die Antwort der versammelten Schauspieler: „Man gönnt sich ja sonst nichts!“ Unvorstellbar, dass das im Aufenthaltsbereich der Zuschauer nicht zu hören sein soll.

15 Uhr. Showtime. Hinter der Bühne ist überraschend wenig los. Durch einen Lautsprecher tönt die Durchsage: „Achtung Spieler, es folgt die dritte Fanfare.“ Alle scheinen entspannt zu sein. Sie scherzen und unterhalten sich, obwohl das Stück längst angefangen hat. Es ist ein Kommen und Gehen; immer wieder schlüpft eine Gruppe auf die Bühne, eine andere kommt zurück. Durch die Spalten der Treppenstufen sind die Umrisse der Personen auf der Bühne zu erkennen. Vom Stück selbst ist hinter der Kulisse nur der Text zu hören.

Dann tauschen der Prinz und der Bettelknabe die Rollen – und somit auch die Kostüme. Keine 40 Sekunden, schon ist alles erledigt. Stress? Fehlanzeige. Routine, das ist es, was hinter der Bühne zu sehen ist. Jeder kennt seinen Einsatz, und zwar auf die Sekunde genau. Von einem Moment auf den nächsten wird aus völliger Entspanntheit höchste Konzentration. Und dann passiert doch, was nicht passieren sollte: „Max, sei bitte ruhig, dein Mikro ist offen.“ Die Durchsage ist für jedermann zu hören. Der Hauptmann steht hinter der Bühne, reißt die Augen auf und hält sich die Hand vor den Mund.

Und dann muss er doch lächeln. Solche Situationen gehören genauso zum Theaterleben wie der Schlussapplaus. Und der fällt, anders als im Probedurchlauf, mehr als reichlich aus.

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