Heidenheim Kein Grund zur Panik, aber zur Vorsicht

Sieht niemand gerne an sich herumkrabbeln, sind aber derzeit in großer Zahl vorhanden: Zecken.
Sieht niemand gerne an sich herumkrabbeln, sind aber derzeit in großer Zahl vorhanden: Zecken. © Foto: Archiv
Heidenheim / Michael Brendel 05.08.2018
In diesem Jahr scheint es besonders viele Zecken zu geben. Verlässliche Angaben zur Zahl der von ihnen übertragenen Infektionen sind aber nicht verfügbar.

Geradezu furchterregend klangen die Vorhersagen vor einigen Monaten: Es drohe ein Zecken-Rekordjahr, in dem in unseren Breiten möglicherweise sogar mehr der ungeliebten Tiere unterwegs sein würden als jemals zuvor. Parallel dazu steige die Gefahr, sich eine der durch Zecken übertragenen Infektionskrankheiten einzufangen.

Anzahl gestiegen

Was ist aus dieser Ankündigung geworden? Schenkt man Hundehaltern und Personen Glauben, die sich regelmäßig im Freien aufhalten, im Wald ihr Brennholz aufbereiten oder regelmäßig Gartenarbeit verrichten, dann ist die Zahl der Blutsauger in der Tat deutlich gestiegen.

Nicht zwangsläufig stimmen Gefühl und Fakten freilich überein, deshalb Nachfrage beim Gesundheitsamt. In dessen Statistik findet sich bislang nichts aus dem Rahmen Fallendes. Laut Anja Halbauer, Pressesprecherin des Landratsamts, wurde 2018 bis dato ein autochtoner FSME-Fall gemeldet. Das heißt: Die betreffende Person hat sich nachweislich im Landkreis durch einen Zeckenstich mit der meldepflichtigen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) infiziert, die durch Viren verursacht wird. 2017 und 2014 waren es ebensoviele gewesen, in allen anderen Jahren seit 2010 gab es hingegen keinen einzigen Fall.

Borreliose: keine Meldepflicht

Offen bleibt allerdings, wie viele Personen zwar an FSME erkrankt sind, allerdings außerhalb der Kreisgrenzen gestochen wurden. Keine verlässlichen Aussagen gibt es zudem zu den durch eine Bakterieninfektion verursachten Borreliose-Fällen. Weil es für sie in Baden-Württemberg keine Meldepflicht gibt, ist auch keine exakte Fallzahl verfügbar.

Also ist eben doch der persönliche Eindruck gefragt, „und der deutet darauf hin, dass es gefühlt tatsächlich deutlich mehr Zecken gibt“, sagt Dr. Jörg Sandfort, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Gut möglich daher, dass die Berechnungen zutreffen, die Gerhard Dobler und sein Team vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München aufgrund eines gemeinsam mit der Veterinärmedizinischen Universität Wien erarbeiteten Modells vorgestellt hatten: 443 Zecken je 100 Quadratmeter, nach 180 im vergangenen Jahr. Als Referenzfläche dient ein Gelände im Landkreis Amberg.

Schneller zum Arzt

Sandfort gibt zu bedenken, dass heutzutage bei einem Zeckenstich häufiger und schneller der Hausarzt oder die Notfallpraxis aufgesucht würden: „Die Schwelle, uns deshalb zu konsultieren, ist deutlich gesunken.“ Wer aber selbst eine Zecke entfernen wolle, solle das Tier mit einer Pinzette, einer Zeckenkarte oder den spitzen Fingernägeln möglichst nahe an der Hautoberfläche greifen und anschließend herausziehen – langsam, möglichst gerade und ohne den Körper abzureißen. Dann sei das Risiko am geringsten, dass Speichel und Infektionserreger in die Wunde gelangten. Diese muss gründlich desinfiziert werden.

Kein Grund zur Panik besteht Sandfort zufolge, wenn der Stachel der Zecke in der Haut stecken bleibt, „weil die Borrelien im Darm sitzen“. Gleichwohl sollte sich dann der Arzt den Stich ansehen und die Stelle säubern. Gleiches gilt, sobald sich eine flächige Rötung zeigt.

Juckender Stich

Allerdings ist für den medizinischen Laien eine klare Abgrenzung nicht ganz einfach: War eine Zecke am Werk, zieht das dabei übertragene Fremd-Eiweiß meist wie bei einem Insektenstich eine juckende, erhabene, rote Stelle nach sich. Diese Symptome alleine machen es aber nicht nötig, ein Antibiotikum zu verabreichen (siehe nebenstehender Artikel).

Der Landkreis ist seit Längerem als FSME-Risikogebiet eingestuft. Vereinfacht gesagt muss dafür innerhalb eines Fünfjahreszeitraums mehr als ein Fall pro 100 000 Einwohner aufgetreten sein. Berücksichtigt wird auch das Infektionsrisiko in den umliegenden Kreisen. Aus Heidenheimer Sicht sind die Kreise Günzburg, Alb-Donau, Göppingen, Ostalb und Donau-Ries ebenfalls Risikogebiete.

Schutzimpfung gegen FSME

Borreliose gehört zu den ernstesten Infektionskrankheiten, die durch Zecken übertragen werden. Es handelt sich um eine Bakterieninfektion. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) trägt je nach Gebiet nahezu jede dritte Zecke Borrelien in sich. Allerdings erkrankt nur jede 100. infizierte Person. Die Symptome reichen von der Wanderröte, einem sich bewegenden roten Ring bis zu Muskel- und Kopfschmerzen sowie Gelenkentzündungen. Die Borreliose lässt sich mit Antibiotika behandeln. Diese werden aber nicht vorbeugend, sondern nur bei einem begründeten Verdacht verabreicht.

FSME lautet die Abkürzung für die sogenannte Frühsommer-Meningoenzephalitis. Sie wird durch Viren verursacht, die nach RKI-Schätzungen abhängig von der Region in jeder 1000. bis 20. Zecke vorkommen. Aufgrund der Spanne sind keine verlässlichen Aussagen möglich, wie viele der Infizierten tatsächlich erkranken. Symptome: grippeartige Beschwerden wie Schwindel, Erbrechen, Gliederschmerzen. Bei schweren Verläufen kann es zu einer Hirnhautentzündung kommen. Im Unterschied zur Borreliose ist eine Schutzimpfung möglich. Das RKI empfiehlt sie für Personen, die in Risikogebieten leben oder dorthin reisen.

57 Prozent gar nicht geimpft

Die FSME-Impfung erfolgt meist in drei Dosen. Nach drei bzw. fünf Jahren ist eine Auffrischung nötig. Exakte Zahlen zu den Geimpften liegen nicht vor. Aufgrund der Impfbücher der 1032 vergangenes Jahr eingeschulten Kinder lässt sich sagen, dass 57 Prozent über keinen, 32 Prozent über den kompletten Impfschutz verfügten.

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