Heidenheim Uraufführung bei der Jungen Oper: Der Pharao trollt sich

Heidenheim / Manfred F. Kubiak 14.06.2018
Im Brenzpark hatte „Moses' Entscheidung“ Uraufführung. Das Kinderstück vor biblischem Hintergrund erzählt von Ungerechtigkeit, Tyrannei, Menschlichkeit und Zusammenhalt.

Ende gut, alles gut. Vorbei die Sklaverei – und der Pharao trollt sich. Fast könnte man ein wenig Mitleid bekommen. Moses hingegen hat sich entschieden: Er zieht mit den freigelassenen Zwangsarbeitern in deren Heimat fort.

„Moses' Entscheidung“ heißt in diesem Jahr das Stück der Jungen Oper. Zugrunde liegt ihm die biblische Geschichte vom Auszug aus Ägypten, deren sehr fokussierte Heidenheimer Lesart sich allerdings insbesondere für Themen wie Ungerechtigkeit und Tyrannei auf der einen sowie Menschlichkeit und Zusammenhalt auf der anderen Seite interessiert und kindgerecht in einem spannungsgeladenen Dreieck erzählt wird, das zwischen dem Pharao auf der einen, seinem Sohn Moses auf der zweiten und der beim Bau der Pyramiden geknechteten kanaanitischen Sklavin Safira auf der dritten Seite festgemacht ist.

Durchgehender Atem

Inszenatorisch klappt die Umsetzung dieser Extrakts prima. Regisseurin Annika Nitsch schafft es im von Bühnenbildnerin Aylin Kaip geschaffenen ägyptischen Umfeld nicht nur, atmosphärisch überzeugend das Spannungsfeld des auf die Ausbeutung der einen basierenden Reichtums der anderen darzustellen, sondern führt auch die Protagonisten geschickt durch die verschiedenen Konfrontationen. Was die Szene anbelangt, bricht der Atem der Geschichte niemals ab.

An der Regie oder an der darstellerischen Finesse also liegt's nicht, wenn das alles am Ende dann doch nicht etwa das Höchstniveau der Piratengeschichte „Tortuga“ vom vergangenen Jahr oder auch des einen oder anderen Stücks der Vergangenheit erreicht und eine gewisse Sperrigkeit einfach nicht los wird.

Dies resultiert zum einen daraus, dass Kai Weßlers Libretto sich zunächst viel Zeit nimmt, um die Handelnden und deren Standpunkt vorzustellen, weshalb ihm in der Kürze der guten Stunde, die die Vorstellung dauert, für ein überzeugend herbeigeführtes Ende die Zeit knapp wird. Da geht's Hopplahopp, und ob am Ende die auf Ägypten herabgerufenen Plagen oder das auf Menschlichkeit zielende Engagement Moses' die Wende bringen oder ob sich der Pharao letztendlich nur ein paar Nervensägen vom Hals schaffen will, bleibt eher unklar. Die Geschichte verlässt die Bühne des mit an die 200 Besuchern mehr als ausverkauften Zelts im Brenzpark schlussendlich irgendwie so, wie das kurz zuvor der Pharao schon tat: durch den Hinterausgang.

Ebenfalls etwas irritierend – wenngleich Kinder ja glücklicherweise dazu neigen, schlicht auszublenden, was sie nicht verstehen –, sind die diesbezüglich im ansonsten vom göttlichen Wirken in der biblischen Vorlage (für die Plagen etwa ist ein Magier zuständig) befreiten Libretto dennoch verbliebenen rudimentären Hinweise. Auf der einen Seite nämlich wird der Pharao von seinem Sohn nicht zuletzt deshalb in die Sünderecke gestellt, weil er sich als Mensch für einen Gott ausgibt. Andererseits wirkt ein letztlich zusammenhanglos gesungener Satz wie „Ich sterbe gern für meinen Gott“ aus dem Munde der Sklavin aus dem anderen religiösen Lager in solcher Umgebung schon sehr deplatziert.

Anspruch und Unterhaltung

Womit wir bei der Musik von Sebastian Schwab angelangt wären, die zum einen furios vorgetragen wird von dem mit Klavier und Geige gleich zwei Instrumente ins Feld führenden jungen Komponisten selber und seinem kongenialen Schlagwerker Fabian Kawohl, und die zum anderen in ihrer rhythmisch interessant vertrackten Mischung aus gegenwärtiger Musiksprache, Orientalistik und verfremdet-salopp zitierter historischer Information sehr zu gefallen weiß. Das hat nicht nur Anspruch, das unterhält auch. Und die Übergänge zwischen Gesang und Sprechstellen funktionieren stellenweise faszinierend übergangslos.

Hingegen misslingt es Schwab in einigen Situationen, worttaugliche Gesangslinien für den von ihm bevorzugten deklamatorischen Stil zu finden. Aspirieren à la „U-hu-hungerechtigkeit“ oder „Tö-hö-höten“ bleibt so leider nicht die Ausnahme und ist in diesen Fällen sicherlich nicht den Sängern anzulasten. Den im übrigen guten Sängern, wobei Tye Maurice Thomas als Pharao (darüber hinaus gibt er noch den Aufseher und den Magier) und Gëzim Berisha als Moses anfänglich von Schwab gefährlich nah an die unteren Grenzen ihres Stimmumfangs geführt werden. Ihren Sopran hingegen auch mal frei fluten lassen darf Laura Louisa Lietzmann.

Am Ende: Viel verdienter Beifall und eine Kinderoper auf diesmal gutem Festspielniveau.

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