Heidenheim Hiwo: Wer vor Gericht stand, kennt den Verein

Rainer Feil, Direktor des Heidenheimer Amtsgerichts.
Rainer Feil, Direktor des Heidenheimer Amtsgerichts. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Michael Brendel 04.06.2018
Jahr für Jahr schüttet der Hilfs- und Wohltätigkeitsverein einen hohen fünfstelligen Betrag an gemeinnützige Einrichtungen aus dem gesamten Landkreis Heidenheim aus.

Deutlich vernehmbares Aufatmen: Der Richter verhängt zwar eine Freiheitsstrafe – aber er setzt sie zur Bewährung aus. Für den Angeklagten zählt in diesem Moment zunächst einmal, dass er nicht hinter Gitter muss. Die Auflage, die ihm das Gericht mit auf den Weg gibt, spielt jetzt eine untergeordnete Rolle: Er soll einen gewissen Geldbetrag an den Hilfs- und Wohltätigkeitsverein (Hiwo) entrichten.

Der Name sagt ihm wenig bis gar nichts, doch dürfte er diese Unkenntnis mit den meisten Menschen teilen. Was nicht nur daran liegt, dass der überwiegende Teil von ihnen nie vor dem Kadi steht. Hinzu kommt, dass es sich um keinen typischen Club handelt, der zumindest in der Hauptversammlungssaison in der Zeitung auftaucht. Vielleicht auch mit einem Foto vom Jahresausflug oder von der Ehrung langjähriger Mitglieder.

Kein typisches Vereinsleben

„Bei uns gibt's kein Grillen und kein gemütliches Beisammensein“, sagt Rainer Feil. Der Direktor des Heidenheimer Amtsgerichts ist Vorsitzender des Hiwo. So soll's der Satzung nach sein, und diese gibt auch vor, wer Mitglied werden darf: die aktiven Bediensteten des Amtsgerichts sowie die ortsansässigen Bewährungshelfer. 26 Personen sind's derzeit, was einem Drittel der Belegschaft entspricht. Eine beachtliche Quote, bedenkt man, dass es sich um eine freiwillige Mitgliedschaft handelt.

Was aber macht das Dabeisein interessant, wenn weder die Aussicht auf bierselige Stammtischabende lockt, noch Urkunden oder Ehrennadeln? Es ist die Möglichkeit, mitzuentscheiden. Darüber nämlich, was mit dem Geld geschehen soll, wenn Strafrichter besagte Zahlungen als Bewährungsauflage verhängen. Oder wenn ein Verfahren wegen geringer Schuld des Angeklagten eingestellt und dieser im Gegenzug dazu verpflichtet wird, einen bestimmten Betrag zu entrichten.

Vergabeausschuss entscheidet

Grundsätzlich ist jeder Richter frei in seiner Entscheidung, wer Begünstigter sein soll. Am Heidenheimer Amtsgericht ist es Feil zufolge aber „gute Tradition“, dass viele Einzelbeträge zunächst auf das Hiwo-Konto fließen und der zweimal pro Jahr tagende Vergabeausschuss anschließend darüber befindet, welche gemeinnützigen Einrichtungen bedacht werden.

Und das im Idealfall wiederholt. Denn laut Feil ist der größte Vorteil die Verlässlichkeit: „Wenn eine von uns berücksichtigte Organisation zum Beispiel eine 450-Euro-Kraft finanzieren muss, dann wäre ihr mit einem einmaligen Betrag nicht nachhaltig geholfen.“ Bei einer getrennten Zuweisung durch die einzelnen Richter wäre es aber eben wahrscheinlich, dass mal viel, mal gar keine Unterstützung gewährt würde.

Gerade die Organisationen, die der Hiwo unterstützt – 2017 wurde an deren 30 insgesamt ein hoher fünfstelliger Betrag ausgeschüttet – bedürfen aber einer gewissen Planungssicherheit, um ihre Projekte umsetzen zu können. Es handelt sich um Organisationen, die der Justiz nahestehen oder sich im weitesten Sinne der Kriminalprävention verpflichtet sehen.

Geldempfänger aus dem Kreis

Die Palette reicht von der Caritas und der Diakonie bis zum Verein G-Recht. Er hält von Sozialkursen übers Antigewalttraining bis zum Täter-Opfer-Ausgleich Angebote bereit, auf die das Gericht seinerseits zurückgreifen kann. Deutlich wird an diesem Beispiel, weshalb sich die Liste der Empfänger auf den Landkreis beschränkt: Wo gegen das Gesetz verstoßen wird, soll auch die Vorbeugung gegen weitere Taten gestärkt werden. Allerdings erwächst kein Anspruch auf dauerhafte Hilfe, wenn erst mal Geld geflossen ist.

„Bewerbungsschreiben mit der Bitte um eine Überweisung sind leider zwecklos“, sagt Feil. Weil die zur Verfügung stehenden Mittel nicht nach Belieben vermehrt werden könnten, bestehe weder die Möglichkeit, noch der Wunsch, den Kreis zu erweitern. Die Erfahrung aus Jahrzehnten zeige zudem, dass das Geld bei den regelmäßig bedachten Einrichtungen in zuverlässigen Händen sei.

Lob vom Minister: Einsatz ist aktiver Opferschutz

Ein Unikum ist der Hilfs- und Wohltätigkeitsverein nicht. In vielen Städten gibt es vergleichbare Zusammenschlüsse, oft unter anderem Namen. Angesiedelt sind sie meist bei den Amtsgerichten, in Ulm aber beim dortigen Landgericht. Gemeinsames Dach ist der in Stuttgart ansässige Verband Bewährungs- und Straffälligenhilfe Württemberg mit 22 Mitgliedsvereinen.

Guido Wolf, baden-württembergischer Justizminister, lobte die Bewährungs- und Straffälligenhilfe unlängst für ihren Beitrag zur Resozialisierung von Straftätern. Sie verbessere die Sicherheitslage im Land und betreibe damit aktiven Opferschutz.

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