Kultur In biennalem Rhythmus bieten die Opernfestspiele Neue Musik

Evolutionsgeschichte: Szene aus George Aperghis Musiktheater „Sextuor – ou l'origine des espèces“.
Evolutionsgeschichte: Szene aus George Aperghis Musiktheater „Sextuor – ou l'origine des espèces“. © Foto: Krishna Lahoti
Heidenheim / hz 20.06.2017
In biennalem Rhythmus wird im Rahmen der Opernfestspiele Neue Musik geboten. Das dreitägige Festival im Festival steht in diesem Jahr vom 30. Juni bis zum 2. Juli auf dem Programm.

Alle sieben Jahre nur darf der „Fliegende Holländer“ an Land. Da haben es die „Zeitgenossen“ in Heidenheim schon wesentlich besser getroffen: Sie sind jedes zweite Jahr dran. Im Jahr 2011 hat es begonnen. Insofern fällt es nicht allzu schwer, auszurechnen, dass heuer also das vierte Festival für Neue Musik im Rahmen der Opernfestspiele auf dem Plan steht. Mit drei Konzerten an drei Tagen von Freitag, 30. Juni, bis Sonntag, 2. Juli.

Fürs Programm verantwortlich zeichnet der Sprecher, Sänger und Regisseur Frank Wörner, erwarten darf sich das Publikum Sprechmusik aus hundert Jahren von Kurt Schwitters bis Cathy Berberian, ein Musiktheater, das die Evolutionsgeschichte thematisiert und eine Hommage an den ungarischen Komponisten György Kurtág.

Drei völlig verschiedene Abende

Frank Wörner, der aus Esslingen stammt, hat Schulmusik studiert, ebenso Renaissance-Laute, er war als Opernsänger an deutschen und italienischen Häusern engagiert und ist der Alten Musik ebenso verbunden wie der Neuen, auf deren Felde Wörner ein begehrter Protagonist bei Uraufführungen ist. Inzwischen hat Wörner an der Musikhochschule Saar eine Gesangsprofessur. an der Stuttgarter Musikhochschule wirkt er als Dozent für Neue Musik. Der Mann kommt in vielen Sätteln zurecht. Das beeindruckt Werner Glatzle, als Vorsitzender des Heidenheimer Fördervereins für Neue Musik auch spiritus rector des Zeitgenossen-Festivals, der über Frank Wörner sagt: „In dieser Vielseitigkeit habe ich noch keinen gesehen.“

Deleng, deleng

Insofern verwundert es nicht, dass der Vielseitige für Heidenheim „drei völlig verschiedene Abende“ verspricht. Und zwar durchweg kurzweilige, wie er sich sicher ist. „Neue Musik hat es nicht leicht, weil man meint, sie nicht zu verstehen, dabei kann sie, wie wir beweisen werden, auch unterhaltsam sein, auch wenn sie keine reine Unterhaltung ist und auch nicht sein will.“

Tempo, Lebendigkeit und Spontaneität, so Wörner, sind die Begriffe, die ihm zum ersten Heidenheimer Abend einfallen. Der ist eigentlich ein später Nachmittag und beginnt am Freitag, 30. Juni, um 17 Uhr im Konzertsaal der Musikschule. Durchaus auch augenzwinkernd gehuldigt wird bei dieser Gelegenheit unter dem Motto „Sprache, Stimme, Klang“ einer Spezialität des 20. Jahrhunderts, nämlich der Sprechmusik, die ihre Wurzeln im Dadaismus vor allem der 1920er Jahre hat und als Kunstform die Komponisten eigentlich während des gesamten vergangenen Jahrhunderts beschäftigt hat. Serviert werden vom Stuttgarter Ensemble „Exvoco“ mit den Stimmen von Christie Finn und Frank Wörner und von Michael Kiedaisch (Percussion) Werke von unter anderem Kurt Schwitters, Cathy Berberian, John Cage, George Aperghis oder Vinko Globokar. Und wundere sich keiner, sollte er dabei Botschaften wie diese vernehmen: „Deleng, deleng, fzzz, grrr“.

Der Name des Komponisten George Aperghis taucht (zusammen mit dem des Librettisten François Regnualt) auch am zweiten Abend des Festivals auf, der am Samstag, 1. Juni, um 20 Uhr im kleinen Saal des Congress-Centrums beginnt. Dort auf dem Programm stehen wird „Sextuor – Ou l'origine des espèces“, also „Sextett – oder vom Ursprung der Spezies“, ein veritables Musiktheater mit deutschen Übertiteln nach Charles Darwins „Über die Entstehung der Arten“ und Stephen Jay Goulds „Wonderful life“.

Regie führt Frank Wörner, der ab 19.30 Uhr auch eine Einführung in das Werk geben wird. Fünf Sängerinnen, eine Cellistin und eine Videokünstlerin agieren auf der Bühne. Das gut einstündige, durchkomponierte Stück war im vergangenen Jahr ein großer Erfolg im Rahmenprogramm des Kirchentags in Stuttgart und erzählt die Evolutionsgeschichte vom Einzeller bis zum Mensch als Tier. Die Videosequenzen werden zum Teil vor Ort gedreht und live in das Geschehen eingefügt.

Von Menschen und Tieren

„Dass ausschließlich Frauen mitwirken, ist dabei kein Zufall“, sagt Frank Wörner. „Das Werk betrachtet in weiten Teilen die Evolution aus weiblicher Sicht. Aber neben Themen wie Liebe oder Gebären geht es auch um das Verhältnis von Mensch und Tier, denn ist es zum Beispiel nicht verwunderlich, dass der Mensch manche Tiere isst und andere wiederum an der Leine spazieren führt, während woanders auf der Welt Menschen gerade diejenigen Tiere essen, die bei uns an der Leine gehen und jene gut leben lassen, die bei uns gegessen werden?“

Das dritte Konzert des Festivals „Zeitgenossen“ schließlich beginnt am Sonntag, 2. Juli, um 17 Uhr in der Michaelskirche und ist eine Hommage an den wichtigsten lebenden ungarischen Komponisten, den 90-jährigen Györgi Kurtág. „Wir bieten Kompositionen für Cimbalon (das mit Klöppeln angeschlagene ungarische Hackbrett), Cimbalon und Vibraphon, Violine und Cimbalon sowie für Bariton, Percussion und Streichtrio“, erklärt Frank Wörner. „Das ist alles gut hörbar, spannend und passt ganz besonders gut in einen Kirchenraum.“

Bei allen Konzerten des Festivals „Zeitgenossen“ ist der Eintritt frei.