Studie Bedürftige: Kreis Heidenheim bleibt Armenhaus des Landes

Die Auswirkungen der Armut sind sichtbar im Heidenheimer Tafelladen der Caritas, wo die Kundenzahlen steigen.
Die Auswirkungen der Armut sind sichtbar im Heidenheimer Tafelladen der Caritas, wo die Kundenzahlen steigen. © Foto: Archiv / Markus Brandhuber
Heidenheim / Günter Trittner 03.07.2018
14 Jahre nach dem Alarmruf des damaligen Landrats Hermann Mader bestätigt eine Analyse des Statistischen Landesamt, dass der Landkreis weiter ein trauriger Rekordhalter geblieben ist.

Vor 14 Jahren hatte der damalige Landrat Hermann Mader kurz nach seinem Amtsantritt den Landkreis quasi zum sozialen Notstandsgebiet erklärt. Das Wort vom Armenhaus des Landes machte die Runde. Als dieser Tage Dr. Stephanie Saleth den Ausschüssen für Jugendhilfe, Soziales und Bildung des Kreistags den von ihr verfassten Arbeitsmarkt und Sozialbericht vorlegte, war das über eine gute Strecke die Wiederbegegnung mit allzu Bekanntem. Zu den Kernaussagen der Leiterin des Fachgebiets Familienforschung beim Statistischen Landesamt zum Landkreis gehörten folgende Feststellungen:

  • immer noch mit die höchste Arbeitslosigkeit landesweit,
  • die Zahl der Langzeitarbeitslosen deutlich über dem Landesmittel und seit 2012 auf hohem Niveau bei 34 Prozent Anteil stagnierend,
  • die höchste Quote von Sozialhilfebeziehern im Land,
  • etwa jedes zehnte Kind unter 15 Jahren in armen Verhältnissen aufwachsend – auch dies mit die höchste Quote im Land.

SPD-Kreisrat Rainer Domberg spürte angesichts dieses neuerlichen wissenschaftlichen Befundes einen „gewissen Unmut“ in sich aufkeimen. „Wir sagen seit 14 Jahren regelmäßig, es muss etwas geschehen und es ist nichts geschehen.“ Dieser Einschätzung wollte Landrat Thomas Reinhardt zwar nicht folgen, aber die Ergebnisse selbst waren ja nicht zu bestreiten. „Es ist sehr viel passiert. Wir hätten uns aber gewünscht, dass wir mehr Erfolg gehabt hätten. Aber wir fangen auch nicht bei Null an.“

Dieses Mal strategisch vorgehen

Auch dieses Mal lautet die Vorgabe der Verwaltung: „Wir wollen Fortschritte“. Aber dieses Mal will man strategisch vorgehen. Zwei Themen möchte Landrat Reinhardt vorrangig und zuerst angehen. Pflege sowie Langzeitarbeitslosigkeit und Qualifizierung. Diese wird im Landkreis noch zu einer speziellen Herausforderung, da er zu denen mit den höchsten Anteilen Hochbetagter im Land gehört und somit auch ein besonderes Risiko der Altersarmut zu gewahren ist. „Der Trend zu einer älteren Bevölkerung wird sich fortsetzen,“ sagte Saleth vorher.

Zu beiden Bereichen möchte die Verwaltung den Gremien vorab Papiere als Gesprächsgrundlage und für weitere Beschlüssen zur Verfügung stellen. Beide Ausschüsse stimmten diesem Vorgehen zu.

Auch Saleths Empfinden nach müssten in Folge Handlungsempfehlungen erstellt werden. Ihr Institut, auf dessen Konto der erste, 2015 erstellte Armuts- und Reichtumsbericht des Landes geht, könne diese nicht allein geben. Dazu brauche es ein Zusammenwirken mit den kommunalen Akteuren.

Clemens Stahl, Sprecher der SPD-Fraktion, welche auf die Ausfertigung eines Arbeitsmarkts- und Sozialberichts gedrängt hatte, hatte sich mehr Orientierung erwartet. „Wo müssen wir hin?.“ Einen Satz konnte ihm Saleth gerade aus den Befunden des Armuts- und Reichttumsberichts weiterreichen: „Bildung ist der Schlüssel, um die Verhältnisse zu verbessern.“

Auch Harald Faber, Geschäftsführer der Caritas Ostwürttemberg, konnte sich des Gefühls nicht erwehren, seit Jahren Zeit zu vergeuden. Er riet zu kleinen Arbeitsgruppen. Zudem sei ein Thema in dem Arbeitsmarkt- und Sozialbericht nicht aufgegriffen. „Es fehlt seit fünf, sechs Jahren an günstigem Wohnraum.“

Familienrichterin Birgit Kohl sah den Ansatz zu einer Verbesserung des sozialen Umfelds im Landkreises, wenn man sich verstärkt den Kindern zuwende. Landrat Reinhardt verwies darauf, dass im Landkreis bereits mehr Kinder in den Kitas sind und der Landkreis in der kommunalen Jugendarbeit deutlich aktiver sei als andere.

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