Heidenheim / Hans-Peter Leitenberger Im Smoking und mit schwarzer Fliege spielten Joe Wulf und die „Gentlemen of Swing“ in der alten DH Swing- und Blues-Hits bekannter Jazzgrößen.

Das gab es bei „Jazz Heidenheim“ schon lange nicht mehr: echten Swing und Blues von legendären Vorbildern. Joe Wulf und die „Gentlemen of Swing“ traten auch rein äußerlich als solche auf. „Black tie“, Smoking und schwarze Fliege, wie die Jazzgrößen der 1930er bis 1950er. Louis Armstrong, Duke Ellington, Jack Teagarden im Schlabberlook? Undenkbar.

Doch was den 80 Besuchern in der alten DH am Freitagabend geboten wurde, hing nicht vom textilen Erscheinungsbild der „Gentlemen“ ab. Der Geist von Louis Armstrong schien bisweilen im Raum zu schweben und Joe Wulfs kehliger Bariton erinnerte etwas an „Satchmo“ bei „I Gotta Right To Sing The Blues“. Doch wenn er mit seiner Posaune mit präzisem Ansatz und rasanter Zugtechnik loslegte, dann riss er sein Publikum sofort mit.

Schwebende Eleganz

Sven Hack hatte auf der Klarinette perlende Figuren und auch dynamisch ausgefeilte Harmonien auf Lager, wirkte dabei bescheiden wie ein echter Gentleman. Er konnte aber auch auf dem Saxophon jene schwebende Eleganz entfalten, die bei Stücken wie „At A Georgia Camp“ für einen rebellischen Charme sorgten. Michael Meranke lieferte auf Gitarre und Banjo ein buntes Geflecht von Läufen, etwa bei der Armstrong-Nummer „Someday You’ll Be Sorry“.

Es war eine richtige Freude, die alten Klassiker des Swing, Blues und Dixieland als Urgesteine des Jazz so leger wie präzise geboten zu bekommen, und man erkannte schnell, warum diese herrliche Musik auch als der „wahre“ Jazz bezeichnet wird. Der „St. Louis Blues“ durfte auf keinen Fall fehlen und Peter Finken ließ sein mächtiges Baritonsaxophon mit urigen Geräuschen davon erzählen.

Ralph „Mosch“ Himmler bot auf der Trompete melodischen Starkstrom, seine jubelnden Harmonien zu der sensibel erzählenden und mit unbestechlicher Tonkontrolle arbeitenden Klarinette von Sven Hack. Michael Merankes markige Parforceritte auf dem Banjo hatten einen eigenen Charme. Joe Wulf spielte nicht als autoritätsfordernder Chef, eher als „Primus inter pares“, was sich auf das lockere Zusammenspiel und den humorgeprägten Geist des Septetts mehr als erfreulich auswirkte.

Stürmisch an den Drums

Das Programm der „Gentlemen“ bot all die klangprächtigen Hits großer „Jazzer“; dazu gehörte natürlich Jack Teagarden, auch bei Jazz Heidenheim schon lange nicht mehr gehört. Die balladesk wirkende Gitarre passte zu dem urigen Gesang Joe Wulfs bei „Stars Fell On Alabama“, Teagardens wohl bekanntestem Hit. Die bluesigen Harmonien, die federnd beschwingte Rhythmik und der sanfte Charme in der Stimme von Joe Wulf klangen bei den „Gentlemen“ so authentisch wie beim „Original“.

Unauffällig, aber prägnant arbeitete Gregor Beck am Schlagzeug. Der Ludwigsburger übersetzte auch brav den unvergesslichen Standard „That’s A Plenty“ mit „Jetz isch gnuag“, was ihn nicht daran hinderte, mit expressiven, stürmischen Drumsoli wie zarter Besenarbeit das musikalische Geschehen zu würzen. Auf „Basin Street“ hatten viele gewartet und Joe Wulf wechselte von Stimme zu Posaune mit einer selbstverständlichen Nonchalance. Ralph „Mosch“ Himmler ließ blitzende Figuren von seiner Trompete und Peter Finken ließ sein Saxophon bravourös flattern.

Glenn Millers „American Patrol“ erklang einst bei AFN, wo man sich vor über 60 Jahren die ersten Jazz- Grundkenntnisse holte. Sven Hacks muntere, präzise Klarinettenlinien erfreuten da ebenso wie der Drive, den Joe Wulf in seine Posaune legte. Ein Stück voll Lebendigkeit und Lebensfreude. Der Dixieland durfte natürlich nicht fehlen. Herrlich frech erklang „La Java“ „Shake It And Break It“ nach dem kraftvoll dargebotenen, melancholisch geprägten „Riverside Blues“ von King Oliver. Eine Überraschung bot Ralph „Mosch“ Himmler mit seinem „Bugler’s Lament“ auf einem alten, verbeulten Horn, dem er aber kristallklare Harmonien entlockte.

Ein bisschen „Sweet“ mit Frank Sinatra dazwischen war durchaus legitim und Gregor Beck setzte gleich den Kontrast mit aberwitzigen Schlegeleruptionen bei der „Mardi Gras Parade“, präzisionsbewusst wie ein Maschinist. Ein Jazzabend reich an spielerischer Eleganz und mit einem Ensemble echter Könner, denen das Vermächtnis dieser unsterblichen Musik spürbar am Herzen liegt.

Zur Person: Joe Wulf

Joe Wulfs Leidenschaft gilt dem traditionellen Jazz, Swing und Blues der 30er Jahre. Auf der Bühne widmet sich der Posaunist den großen Jazzlegenden dieser Zeit. Der Musiker, Komponist und Arrangeur sieht seine Vorbilder in Jack Teagarden, Lawrence Brown, Vic Dickenson. 1997 wurde Joe Wulf mit dem deutschen Fachmedienpreis als bester Posaunist und Bandleader des Jahres ausgezeichnet. 2011 wurde er Künstler des Jahres in der Sparte „Solist“. Seit 1990 leitet er zwei internationale Formationen: sein Septett „Joe Wulf & The Gentlemen of Swing“ und die Bigband „Joe Wulf & His Orchestra“.