Oper Im Bann der Stühle mit Verdis Erstling "Oberto"

Wo's um die Ehre geht, gibt's in Giuseppe Verdis Erstlingsoper „Oberto“ Degenhiebe statt Liebe: Adrian Dumitru, Katerina Hebelkova, Anna Princeva, Woong-Jo Choi (von links).
Wo's um die Ehre geht, gibt's in Giuseppe Verdis Erstlingsoper „Oberto“ Degenhiebe statt Liebe: Adrian Dumitru, Katerina Hebelkova, Anna Princeva, Woong-Jo Choi (von links). © Foto: Fotos: Oliver Vogel
Manfred F. Kubiak 05.08.2016
Hitzig musiziert, nahe am glühenden Kern inszeniert: Mit Verdis Erstling "Oberto" gelingt den Opernfestspielen ein regelrechter Coup.

Eine Bühne. Darauf vierzig Stühle. Davor dann allerdings ein Orchester. Dies verhindert freilich nicht, dass einem selbstverständlich zunächst einmal sofort der große Klassiker des absurden Theaters in den Sinn kommt. Allerdings weiß auf der anderen Seite jeder im Saal, dass er „Oberto“ gebucht hat – und nicht „Die Stühle“. Wie man noch sehen wird, ist die Verknüpfung des einen mit dem anderen so widersinnig auch wieder nicht. Denn Giuseppe Verdis Erstling kommt irgendwo zumindest nicht vollständig am großen Thema von Eugene Ionescos opus magnum vorbei, das bekanntermaßen die Abwesenheit ist.

Im Heidenheimer Festspielhaus ist das zunächst einmal schlicht die Abwesenheit eines Bühnenbildes. Stattdessen die Stühle. Die stehen da und sehen schon mal nicht schlecht aus. Sie bieten, ganz profan, Sitzplätze für den erneut grandiosen, vom Spaß an der Oper beseelten Brünner Festspielchor. Sie dienen aber, von Choristen und Solisten en passent geschickt arrangiert, vor allen Dingen auch dazu, immer wieder andere Räume auf der Bühne zu schaffen. Sie umwerfen und auf sie einschlagen kann man ebenfalls, wenn einen die Wut packt. Und es sind viele wütend in diesem Stück, das vom Abhandenkommen und der Abwesenheit der Liebe erzählt und in dem ein Vater das Glück seiner Tochter seinem Ehrbegriff opfert. Unter anderem. Denn Riccardo liebt zuerst Leonora und dann Cuniza, was Leonoras Vater Oberto beleidigt. Und dieser sich ausschließlich selbst bemitleidende Unsympath von einem Titelhelden wird es bis zu seinem eigenen Ende schließlich geschafft haben, das Leben der anderen im Sumpf seiner Ich-Bezogenheit zu ersticken.

Regisseur Tobias Heyder erzählt diese Geschichte von Anfang an atmosphärisch ungeheuer dicht und packend. Inklusive Vorgeschichte, die sich dem Publikum noch mitteilt, während im fast ganz nach oben gefahrenen Orchestergraben Marcus Bosch und die famose „Cappella Aquileia“ sich mit hier bereits mächtig aufgeblasenen Backen die Ouvertüre vornehmen. Wir sehen zwei Bräute, aber nur eine Hochzeit. Und selbst die wird noch abgeblasen werden. Teilweise auf historischem Blech übrigens, was diesem Heidenheimer „Oberto“ eine weitere spezielle Note verleiht.

Die Stühle auf einer große Bühne mit vermeintlicher Leere und tatsächlich raumgreifender Weite, dazu auch ein wenig kontrastierend die durchaus üppigen Kostüme (Janine Werthmann) und kolossal beeindruckend gemischtes Licht (Hartmut Litzinger), das die Szene nicht nur illuminiert, sondern sie in mannigfach abgestufte Kontraste taucht: Mehr benötigt Tobias Heyder in der Tat nicht. Denn der Rest ist fabelhafte Personenführung – und ganz und gar emotional getragenes Spiel, das sich sehr bald schon so dicht und direkt vermittelt, einen solchen Sog entwickelt, dass die Grenzen zwischen hier Bühne und dort Saal zwischenzeitlich verwischen und man sich in einem Atem mit den Handelnden gleichsam ebenfalls zwischen alle Stühle dieser Geschichte versetzt fühlt. Großes Theater.

Großes Musiktheater, denn der Heidenheimer „Oberto“ beinhaltet nicht nur ein beeindruckendes Regiekonzept, das ganz nahe an den glühenden Kern einer in ihrer scheinbaren Belanglosigkeit eben alltäglichen Operngeschichte heranführt. Er beinhaltet auch eine musikalisch hellglänzenden Seite, die rund um diesen Kern richtiggehend lodert. Marcus Bosch und die „Cappella“ servieren den jungen Verdi at its best.

Wobei wir gar nicht davon anfangen wollen, darüber zu räsonieren, was nun im „Oberto“, mal ganz abgesehen vom später ebenfalls noch wiederkehrenden Vater-Tochter-Konflikt, darüber hinaus auch musikalisch so alles steckt, das in der Folge noch groß herauskommen sollte. Viel interessanter ist es, zu hören, dass da ein Komponist entschlossen ist, nicht nur einen eindeutig eigenen, sondern auch einen durchaus neuen Opernweg einzuschlagen. Denn auch wenn dieser erste Verdi noch auf den seinerzeit state of the art darstellenden Belcanto-Linien aufbaut, die er selbstverständlich beherrscht, klingt er auf der anderen Seite trotzdem in keinem Moment wie ein Donizetti, Bellini oder Mercadente, die Platzhirsche in Verdis Jugendzeit, und geht im emotionalen Ausdruck und Tiefgang seiner Musik weiter als diese. Mal ganz abgesehen davon, dass Leonora, die verzweifeltste Heldin dieser Geschichte, bei Verdi ins Kloster geht, wo sie bei Donizetti und Bellini noch wahnsinnig geworden wäre.

Auch eine Überraschung: Das berüchtigte Hum-ta-ta schnurrt uns beim allerersten Verdi sogar weniger oft über den Weg als oft beim reifen. Und während ansonsten in dieser Festspielsaison in Puccinis „Boheme“ die fallenden Quinten dominieren, sind es hier in Verdis „Oberto“ die steigenden Sexten bei vorherrschendem punktierten Rhythmus.

Vorwiegend packend indes gestaltet diesmal Marcus Bosch ein Klangbild, das der Opernfestspieldirektor mitunter auch mal lustvoll und ebenso folgerichtig durch die Decke schießen lässt, da die Hitze, mit der die „Cappella“ die mit nur marginalen Streichungen präsentierte Partitur auflädt, nach zeitweiliger Entladung geradezu schreit.

Lediglich für den Tenor hat Verdi hier oftmals seltsam Sperriges in petto, was den zuerst aus Eitelkeit nach Damen und Degen greifenden, die Reue nicht auslebenden Riccardo des Adrian Dumitru mitunter ein wenig daran hindert, immer so zu glänzen wie bei der großen Arie vor seinem Abgang ins Exil oder im grandiosen Duett mit Katerina Hebelkovas vom Vorleben ihres nun bei ihr durchgefallenen Fast-Ehemannes entsetzten Cuniza. Die Mezzosopranistin begeistert keineswegs nur mit enormer Bühnenpräsenz, sondern mit auch bei kleinsten Noten hinreißend geschmeidigen Koloraturen, perfektem passagio, Eleganz und Verve in der Höhe und einem bei ungetrübter Resonanz schier abgrundtiefen Brustregister.

Mit ihr auf gleichem höchsten Niveau glänzt Anna Princeva, deren traumhaft geführter, mühelos kräftig hinauf und hinab führender Sopran ebenso der geschundenen Seite der vom Liebhaber betrogenen und vom Vater zu Rachezwecken erpressten Tochter Rechnung trägt wie dem Zorn, den diese auch darstellerisch großartig charakterisierte waidwunde Seele aufwühlt.

Daniela Baòasová lässt als Zofe Imelda aufhorchen, deren Sopran für diese kleine Partie, was ja schlussendlich aber ebenfalls für die Festspiele spricht, tatsächlich schon ein paar Nummer zu groß ist. Woong-Jo Choi, der einzig alte Bekannte in diesem Ensemble der Entdeckungen, besticht mit einem flexiblen Bass-Bariton, der nicht nur, wo er, Furcht verbreitend, schwarz wird, klar konturiert klingt, sondern auch dort, wo er in der ehrverseuchten Parallelwelt des Titelhelden das fahle Dunkel bevorzugt.

Ab sofort gibt's nun bei den Opernfestspielen bekanntlich jedes Jahr einen jungen Verdi. Die beste Werbung für diese neue Programmschiene heißt „Oberto“. 

Am Samstag ab 20 Uhr steht Giuseppe Verdis „Oberto“ noch einmal auf dem Spielplan im Festspielhaus. Es gibt noch Karten.

Link: Hier gibt es alle weiteren Beiträge zu den Opernfestpielen Heidenheim.