Heidenheim Hometreatment – Wenn die Klinik nach Hause kommt

Patientengespräch am Wohnzimmertisch: Keven Kahraman (li.) und Dr. Martin Zinkler bei einem Hometreatment-Besuch.
Patientengespräch am Wohnzimmertisch: Keven Kahraman (li.) und Dr. Martin Zinkler bei einem Hometreatment-Besuch. © Foto: Silja Kummer
Heidenheim / Silja Kummer 14.04.2018
Seit über einem Jahr läuft in der Heidenheimer Psychiatrie ein Modellversuch, bei dem Patienten, die sonst stationär aufgenommen werden müssten, zuhause behandelt werden.

Frau P. (Name von der Redaktion geändert) kennt einige psychiatrische Krankenhäuser von innen. Die 46-Jährige war schon mehrmals wegen akuter Psychosen in Behandlung, jetzt leidet sie seit einem halben Jahr an einer Depression. In die Klinik musste sie diesmal trotz der Schwere ihrer Erkrankung nicht: Sie wurde ins Hometreatment aufgenommen. Der englische Begriff bedeutet „Behandlung zu Hause“ und wird in der Abteilung für Psychiatrie des Heidenheimer Klinikums seit Anfang 2017 in einem Modellversuch erprobt. „Ich habe mich sehr gefreut, als mir das angeboten wurde“, sagt Frau P. und lächelt, obwohl ihr das aufgrund ihrer Erkrankung gerade schwer fällt.

Mehr Ablenkung

Zuhause könne sie sich besser ablenken, die Hausarbeit machen und Fernsehen schauen, erzählt sie. Auch habe sie in der Klinik bisweilen Angst vor den Mitpatienten gehabt, sei einmal sogar angegriffen worden. „Und mein Mann findet es auch gut, dass ich zuhause bin“, erzählt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen.

Als Dr. Martin Zinkler, Chefarzt der Psychiatrie, und Pfleger Keven Kahraman bei ihr klingeln, öffnet Frau P. die Tür und bittet die beiden ins Wohnzimmer. Dort wird am Tisch besprochen, wie es der Patientin geht. Sie könne schlecht schlafen und leide unter Panikattacken, berichtet sie. Das Medikament, das sie seit einigen Tagen nimmt, wirke nicht. Sie würde sich eine Behandlung ohne Medikamente wünschen, erzählt sie dem Psychiater. Das sei möglich, erwidert Zinkler, aber er empfehle ihr, noch drei bis vier Wochen abzuwarten, ob das aktuelle Medikament anschlage. Darauf lässt sich die Patientin ein.

Jahrelang gekämpft

Nach einer guten halben Stunde Gespräch und einer Blutabnahme wird noch verhandelt, ob Frau P. am Wochenende besucht werden soll. Es sei nicht unbedingt nötig, meint sie. Sie will sich melden, wenn sich das ändert. Danach verabschieden sich Zinkler und Kahraman, steigen ins Auto und fahren in die nächste Kreisgemeinde, um einen weiteren Patienten auf ihrer Liste zu besuchen.

Zinkler hat jahrelang für die Einführung des Hometreatments gekämpft. Er kannte die Behandlung von schwer kranken Psychiatriepatient im häuslichen Umfeld aus seiner Zeit als Arzt in England und sieht darin einige Vorteile. Viele Patienten hätten zuhause ein stützendes Umfeld, es gehe ihnen dort besser als in der Klinik, meint er. Auch könne man Patienten, die Vorbehalte gegen einen stationären Aufenthalt haben, so unter Umständen doch behandeln, ist seine Hoffnung. Bereits 2015 genehmigte das baden-württembergische Sozialministerium das Hometreatment in Heidenheim als Modellversuch, jedoch wollte die AOK zunächst nicht mitziehen. Die Verhandlungen zogen sich bis Ende 2016, dann waren doch alle Krankenkassen im Boot und es konnte losgehen.

Mehr als 100 Patienten wurden 2017 schon im Hometreatment behandelt, 2018 könnten es schon doppelt so viele werden, weil nun ein zweites Team unterwegs sei, berichtet Zinkler. Insgesamt werden ungefähr zehn Prozent der 1300 Patienten, die jährlich stationär in die Psychiatrie aufgenommen werden, zuhause behandelt.

Rein formal werden auch die Hometreatment-Patienten in der Klinik aufgenommen, so dass sie während ihrer Behandlung jederzeit und ohne den Umweg über die Notaufnahme ins Klinikum kommen können. Dies sei aber bei weniger als jedem fünften Patienten der Fall, schätzen Kahraman und Zinkler.

40 Prozent der Hometreatment-Patienten leiden an einer Psychose, weitere 40 Prozent an einer Depression, die restlichen 20 Prozenten an verschiedenen anderen psychischen Erkrankungen. Einzig die Suchtpatienten seien im Hometreatment selten, berichtet der Chefarzt, diese würden meistens die klassische Entgiftung auf der Station bevorzugen.

Der nächste Patient ist 31 Jahre alt und erlebt gerade zum zweiten Mal eine akute Psychose. Nur wenige Tage vor dem Besuch des Hometreatment-Teams wurde er von der Polizei in die Klinik eingeliefert, weil er zuhause randaliert und seine Eltern nicht mehr erkannt hat. Diese wussten sich nicht mehr anders zu helfen und wählten den Notruf.

Täglich im Landkreis unterwegs

Nur zwei Tage war der junge Mann stationär in der Klinik, dann wechselte er ins Hometreatment. Als Zinkler und Kahraman sich mit ihm und seinen Eltern an den Tisch setzen, wirkt er zwar leicht sediert, aber sehr aufgeräumt. Seine Gedanken seien schon wieder viel klarer, berichtet er. Die Eltern wirken besorgt, sind aber trotzdem froh, den Sohn wieder zuhause zu haben. Zinkler bespricht mit dem Patienten die Dosierung seiner Medikamente. Der 31-Jährige wird auch in den nächsten Tagen noch jeden Tag Besuch aus der Klinik bekommen.

„Jeder Patient hat Anspruch auf mindestens ein Arztgespräch pro Woche“, sagt Zinkler, Neben den Ärzten sind hauptsächlich die Pfleger und Krankenschwestern täglich mit den beiden Hometreatment-Autos im Landkreis unterwegs. „Je nach Bedarf besuchen auch die Sozial- und Ergotherapeuten, Sozialarbeiter und Psychologen die Patienten zuhause“, erzählt der Chefarzt. Er selbst ist einen Vormittag pro Woche unterwegs.

Finanziell günstiger als die stationäre Behandlung ist das Hometreatment nicht, denn das Personal verbringt einige Zeit unterwegs und die Betten im Klinikum müssen trotzdem vorgehalten werden. Innerhalb des Modellversuchs sind die Kosten aber für insgesamt sieben Jahre festgeschrieben. „Das bedeutet umgekehrt, dass die Kosten für die Psychiatrie in Heidenheim nicht ansteigen werden, obwohl sie das bundesweit sonst tun“, sagt Zinkler.

Die neue Behandlungsmöglichkeit hat auch einen Effekt auf die Patienten, die stationär im Klinikum sind: Dort hat sich die räumliche Situation auf den Stationen etwas entspannt, es ist oft möglich, Patienten, die von den anderen als störend oder bedrohlich empfunden werden, etwas mehr auf Abstand zu halten.

Noch einmal macht das Hometreatment-Mobil halt, diesmal bei einer 75-jährigen Patientin, die seit 1999 schon mehrere stationäre Aufenthalte hinter sich hat. Die Frau hat einen Suizidversuch unternommen und wird von einer Depression geplagt. Trotzdem klappt die Behandlung auch zuhause: „Ich habe es der Frau Doktor in der Klinik versprochen, ich tue mir nichts an“, erklärt sie Dr. Zinkler auf Nachfrage. Sie ist sehr froh, dass sie diesmal während der Behandlung zuhause sein kann: „Hier rufen mich meine Freundinnen oft an und ich habe Beschäftigung“, erzählt sie. Dem pflichtet auch ihr Mann bei: „Die vertraute Umgebung wirkt sich echt positiv aus“, sagt er.

Für Kahraman und Zinkler geht es jetzt zurück in die Klinik, beide tauchen wieder in den stationären Alltag ein. Nicht das gesamte Pflegepersonal der drei psychiatrischen Stationen ist in der mobilen Pflege unterwegs, aber die, die dabei sind, machen es aus Überzeugung: „Das bringt Abwechslung in meinen Alltag und ich kann mir meine Zeit in Absprache mit den Patienten frei einteilen“, berichtet Keven Kahraman. Ungefähr eine Woche pro Monat besucht er Patienten zuhause und er freut sich jedes Mal darauf. „Und ich sehe für die Patienten nur Vorteile“, so der Gesundheits- und Krankenpfleger.