Knast Hier sind nur noch die Erinnerungen gefangen

Heidenheim / Erwin Bachmann 13.12.2013
Seit mehr als einem Jahr schon ist das Heidenheimer Gefängnis museumsreif. Und jetzt auch abbruchreif. Letzte Gelegenheit, einen Blick hinter die hohen Mauern zu werfen.

Türen immer schließen“ steht auf einem Schild nahe des Tores, das die Häftlinge immer bei ihrem Hofgang passiert haben. Nützlicher Hinweis in einem Haus, das in seiner 45-jährigen Geschichte nie einen Tag der offenen Tür gekannt, wohl aber einige schwarze Tage erlebt hat, an denen Gefangene diesen Zustand geändert haben und ausbrachen.

Zuletzt am 17. Dezember 2002, als eine Spedition mit einem Lkw Arbeitsmaterial für die Insassen der Justizvollzugsanstalt angeliefert hatte und es einem 46-Jährigen gelungen war, vom Hofraum durch das sperrangelweit geöffnete Tor ins Freie zu flüchten.

Andere Freiheitskämpfer waren nicht so spontan, hatten ihr Vorhaben von langer Hand vorbereitet – etwa 1979, als ein 25-jähriger Serientäter bewies, dass er sich neben Einbrüchen auch auf Ausbrüche versteht, sich in eine zur Abholung von Waren bereitgestellte Kiste setzte und so ganz ohne weiteres Zutun auf einem Lastwagen aus dem Knast chauffiert wurde.

Ausbruchssicher? Ja, aber . . .

Richtige Ausdauer legten drei U-Häftlinge an den Tag, die 24 Tage lang mit einem normalen Tischmesser eines der Stahlbänder vor dem Zellenfenster durchgesägt hatten, bevor sie sich – der Klassiker – mittels zusammengeknoteter Betttücher auf die Gefängnismauer abseilten. Am spektakulärsten war in den 70er-Jahren die Massenflucht fünf Gefangener, die brutal Wachpersonal überwältigt und anschließend die Hofmauer überklettert hatten.

Dabei galt der Heidenheimer Knast damals zumindest nach Einschätzung des Justizministeriums als eines der „ausbruchssichersten Gefängnisse des Landes“. Und damit als derart sicher, dass sogar Personen aus der tatsächlichen und vermeintlichen RAF-Terroristen-Szene einquartiert wurden. Zu den prominentesten Vertretern dieser vorübergehenden „Gäste“ zählten der als „gefährlicher Gefangener“ geltende Baader-Anwalt Armin Newerla und dessen Sozius Klaus Croissant, die beide in einem seit 1977 „terroristensicher“ ausgebauten Zellentrakt einsaßen – wo man bei Kontrollen eine Rasierklinge in der Anstalts-Seife fand.

Apropos Prominenz: Zu den bekannten Namen, die auf der Insassenliste des Heidenheimer Gefängnisses standen, gehörte auch der als Remstal-Rebell bekannt gewordene Helmut Palmer aus Remshalden-Geradstetten, Vater des heutigen Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer. In den friedensbewegten Achtzigern waren gleich reihenweise erklärte Pazifisten hinter Gitter geraten, die wegen der Blockade des Pershing-Depots bei Mutlangen mit der damals herrschenden Rechtsauffassung in Konflikt geraten waren – darunter Holger Jänicke, der an 40 solcher Aktionen teilgenommen hatte, in Heidenheim die längste bis dato gegen Blockierer verhängte Freiheitsstrafe angetreten hatte und zu dessen Haftgepäck auch eine Bibel gehörte. Bundesweite Schlagzeilen machte zudem ein buddhistischer Mönch aus Japan, der ebenfalls in Mutlangen festgenommen worden war, in Heidenheim in Abschiebehaft saß und nach Protesten sowie Intervention des Pastors und Politikers Heinrich Albertz sowie der Theologin Dorothee Sölle dann doch nicht ausgewiesen wurde.

Gute Zeiten in schlechten Zeiten erlebte ein Paar, das sich im Gefängnis das Ja-Wort gab. Wahre Liebe kennt keine Grenzen, überwindet notfalls auch Mauern: Der Standesbeamte vollzog das freudige Ereignis in der kargen Umgebung eines Besucherzimmers, wo zwei Mithäftlinge als Trauzeugen fungierten. Alles war gut bei dieser Hochzeits-Premiere im Knast, nur die Flitterwochen mussten etwas warten, weil der in U-Haft genommene, aber von seiner Unschuld überzeugte Bräutigam nicht sofort abkömmlich war.

Lustig war der Knast freilich nicht. Offensichtlich wurde dies spätestens im Jahre 1990, als sich am Tag der Deutschen Einheit 20 Häftlinge nach dem Hofgang auf einem Flur des Zellentraktes verbarrikadierten, bis es zu einem Gespräch mit den Verantwortlichen über die unzureichenden Haftbedingungen im Gefängnis kam. Während die Vollzugsverwaltung gegenüber der Öffentlichkeit die Gründe für die aufsehenerregende Meuterei verschwieg, improvisierten die Häftlinge damals eine Pressekonferenz der besonderen Art: Über ein offenes Fenster teilten sie einem im heutigen Biergarten stehenden Journalisten Einzelheiten über ihre Situation mit.

Nachrichten in den Biergarten

Verschwiegenheit zählte immer zur Amtspflicht der Anstaltsleitung. Trotzdem kam oft genug heraus, was zuvor hinein gelangt war, denn der Knast war zu keiner Zeit wirklich dicht. Wie andernorts hatte man es auch in Heidenheim mit dem allgegenwärtigen Drogenschmuggel zu tun, machte darüber hinaus aber mit einer Besonderheit auf sich aufmerksam, als Beamte in der Vollzugsanstalt eine Maschinenpistole samt scharfer Munition entdeckten.

Jetzt sind diese Zeiten vorbei, die Zellen leer, in denen die letzten Insassen die für Gefängnismauern tatsächlich typischen Zählstriche hinterlassen haben. Samt Knast-Lyrik. „Wo Schatten ist, ist auch Licht“, befand ein Knastbruder, und ein anderer hat seinem unbekannten Nachfolger ebenfalls Tröstendes, wenn auch in anderen Worten, hinterlassen: „Mach dir keinen Kopf, wir kommen in den Himmel, in der Hölle waren wir schon.“

Die Erinnerung holt noch einmal Luft. Gesiebte Luft.

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