Kreis Heidenheim Vor 50 Jahren: Als die große Flut alles wegriss

Kreis Heidenheim / Michael Brendel/Christine Weinschenk/Joelle Reimer 29.08.2018
Völlige Machtlosigkeit: Vor 50 Jahren erlebten Stadt und Kreis Heidenheim die bislang schlimmste Hochwasserkatastrophe. Ein Rückblick - auch in Bildern.

Erst kommt der Regen, dann der Hagel. Und als beides vorüber ist, bleibt nur Verwüstung. Morast und Unrat türmen sich auf den Straßen und in den Gärten.

Menschen blicken fassungslos auf das heillose Durcheinander aus entwurzelten Bäumen, aufs Dach gedrehten Autos, zerlegten Schuppen, aus dem Boden gerissenen Zäunen. In vielen Kellern steht bis zur Decke eine Mischung aus Wasser und Schlamm.

29. August: Der Tag an dem die Flut kam

29. August 1968: Heidenheim erlebt die bis dahin schlimmste Unwetterkatastrophe seit Menschengedenken. Auch später wird hier kein zerstörerisches Naturereignis eine größere Zahl von Personen unmittelbar betreffen. Eineinhalb Stunden lang toben an jenem Donnerstagabend die Elemente. Auch große Bereiche des Härtsfelds bleiben nicht verschont.

Um 22 Uhr erreicht der erste Hilferuf aus der Hansegisreute die Feuerwehr. Ihr gelingt es wegen der durchs Haintal Richtung Innenstadt drängenden Fluten nicht mehr, das Wohngebiet zu erreichen. Das Wasser steht bereits mehr als einen Meter hoch. Alarmmeldung um Alarmmeldung folgt. Gleichlautend ihr Inhalt: Land unter.

Am stärksten werden Giengener-, Alexander- und Erchenstraße sowie die B 19 bei der „Linde“ mitsamt den angrenzenden Bereichen in Mitleidenschaft gezogen. Die Bahnstrecke zwischen Heidenheim und Mergelstetten ist unterspült, die Kanalisation binnen Minuten randvoll, beim Voith-Ausbildungszentrum wird eine Betonbrücke zum Spielball der Gewalten.

Katastrophenalarm: Der Einsatz dauert die ganze Nacht

Es schüttet unablässig wie aus Kübeln, und die Lage spitzt sich immer weiter zu. Die Stromversorgung bricht teilweise zusammen, Straßenzüge liegen im Dunkeln. Schließlich löst Landrat Dr. Albert Wild Katastrophenalarm aus. Feuerwehr, Polizei, Technisches Hilfswerk und Luftschutzbereitschaft sind die ganze Nacht im Einsatz.

Als am Freitag die Morgendämmerung einsetzt, lässt sich das Ausmaß der Schäden ansatzweise erahnen. Ein Großteil der Ernte ist vernichtet. Weil das Mergelstetter Pumpwerk überschwemmt ist, raten die Stadtwerke dazu, das Trinkwasser bis auf Weiteres vorsichtshalber abzukochen. Bei Voith ruht kurz die Produktion. 1000 Betriebsangehörige packen an, um die Spuren der Zerstörung zu beseitigen.

In nackten Zahlen liest sich die Bilanz später so: fünf Millionen Mark Schaden. Sechs Tage lang ist die Heidenheimer Kläranlage außer Betrieb. 420 Familien sind vom Hochwasser betroffen.

„Keine Gaffer, sondern Schaffer!“

Glücklicherweise gibt es keine Toten zu beklagen, wohl aber etliche Leichtverletzte und Unterkühlte. Zahlreiche Schaulustige behindern zeitweise die Aufräumarbeiten. Ein Betroffener drückt seine Missbilligung auf einem selbstgeschriebenen Zettel aus: „Wir brauchen keine Gaffer, sondern Schaffer!“

Die Botschaft kommt an. Landrat Wild und Bürgermeister Emil Ortlieb appellieren gemeinsam an die Bevölkerung, für die Hochwasseropfer zu spenden. 270 000 Mark kommen zusammen. Stadt- und Kreisräte bewilligen jeweils 50 000 Mark. Die wirksamste Hilfe aber folgt erst später: Der Wasserverband Wedel-Brenz bringt zum Schutz vor Fluten aus dem Osten die Staudämme im Haintal, im Möhntal und in der Täsch auf den Weg.

Die Lage auf dem Härtsfeld: dramatisch

Betroffen waren in dieser Nacht neben Heidenheim auch Dischingen, Nattheim, Auernheim sowie Steinweiler, Fleinheim, Ballmertshofen und Zöschingen.

Gegen 22.10 Uhr setzte das Gewitter in Nattheim mit voller Wucht ein. Die Straßen und Plätze verwandelten sich innerhalb weniger Minuten in Seen, Gewitter und Hagel gingen auf die Ortschaft nieder, überlastete Kanäle drückten die Wassermassen in die Keller. Der Feuerwehr bereiteten vor allem die dort gelagerten Heizöltanks große Sorge.

In Nattheims Mitte - ein schreckliches Bild

In Nattheims Ortsmitte bot sich ein schreckliches Bild: Schweine und Geflügel eines landwirtschaftlichen Anwesens in der Nähe des Rathauses ertranken in ihren Ställen, manche wurden von der Wucht des Wassers fort getrieben – die Flut spülte die Kadaver durch den Ort hangabwärts.

Vor allem aber auf den Straßen wurde die Situation schnell brenzlig: Die Bundesstraße 19 und 466 standen an einigen Stellen über einen Meter unter Wasser, in Nattheim wurde beispielsweise ein Auto auf das Dach einer Garage gespült und selbst mehrere Tonnen schwere Lieferwagen wurden meterweit von der Straße geschoben.

Da sich viele Wurzeln und Sträucher unter den geparkten Autos verfingen und dadurch wie eine Art Barriere wirkten, konnte das Wasser nur zögerlich abfließen. Die Wassermassen suchten sich deshalb neue Wege, unter anderem durch die Gärten, wo sie Kartoffeln, Rüben und Holzvorräte fort schwemmten.

Auf den Regen folgte der Hagel

Kaum hatte der Regen nachgelassen, folgte der Hagel: Mehrere Zentimeter große Körner fielen so dicht vom Himmel, dass sie wie kleine Eisschollen wirkten. Noch Stunden nach dem Gewitter lagen die Hagelkörner knöcheltief in den Nattheimer Gärten. Auch Fleinheim traf es heftig. Von allen Seiten strömten die Wassermassen aus den Wäldern ins Dorf; ein 100 Meter langes Stück Straße wurde einfach weggerissen und zerstört.

Ein ähnliches Bild bot sich in Auernheim und Steinweiler: Alle nicht befestigten Straßen wurden ausgespült, die Bordsteine wurden fortgeschwemmt, die Bundesstraße war streckenweise nicht oder nur einspurig befahrbar. Wenige Minuten nach Nattheim erreichte das Unwetter auch Dischingen. Auf einen heftigen Wolkenbruch folgte eine gewaltige Wasserflut – überwiegend aus dem Fleinheimer Tal.

Die Wassermassen legten entlang der Straße von Fleinheim nach Dischingen zahlreiche Bäume um und rissen Teile der Fahrbahn mit sich. Zahlreiche landwirtschaftliche Fahrzeuge und viele Autos wurden zerstört. Auch die Gleiskörper der Härtsfeldbahn wurden unterspült, so dass sie mehrere Tage außer Betrieb war.

Wasserhöhe von 1,80 Metern

Etwa 120 Anwesen wurden in Dischingen in dieser Nacht überschwemmt. Der damalige Bürgermeister Hermann Zeyer berichtete von einem Pegelstand von eineinhalb Metern.

In vielen Häusern stand im Parterre das Wasser mehr als einen Meter hoch in den Zimmern. Zwei Personen erlitten in der dramatischen Nacht Verletzungen. Drei Schweine und ein Hund ertranken. Besonders schlimm sah es am westlichen Ortseingang bei Varta aus. Hier riss das Wasser einen Telegrafenmasten 300 Meter weit mit sich. Es wurde eine Wasserhöhe von 1,80 Metern gemessen.

Wie in Nattheim stapelten sich tags darauf zerstörter Hausrat vor den Häusern und Maschinen vor den Gewerbebetrieben. Besonders hart traf es die Landwirte. Sie verloren die komplette Ernte.

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