Heidenheim / Karin Fuchs Männerberater Uwe Meinhardt meint, dass gerade den jüngern Männern die positiven Vorbilder fehlen. Das Männerbild wird geprägt von wenigen an der Spitze, nicht von der Mehrheit.

Obwohl er sich mit Männern beschäftigt, hat es Uwe Meinhardt oft mit Frauen zu tun. Die Familienbildungsstätten, wo er seine Kurse gibt, werden meist von Frauen geleitet, wenn er Interviews gibt, dann fragen meistens Frauen. Auch in unserem Fall.

Den internationalen Frauentag kennt jeder, aber den Weltmännertag am 19. November?

Er ist gegründet worden, um auf die Gesundheit von Männern aufmerksam zu machen. Männer sterben im Durchschnitt fünf Jahre früher als Frauen. Man geht davon aus, ein Jahr ist biologisch erklärt, aber die restlichen vier Jahre liegen am Verhalten. Männer gehen weniger zur Vorsorgeuntersuchung, sie gehen dann zum Arzt, wenn es gar nicht mehr geht. Wir müssen daran arbeiten, dass Männer ihr Gesundheitsbewusstsein schärfen. Mir geht es noch um etwas anderes: Wir haben die Männer in den letzten Jahren aus dem Blick verloren. In der Gesellschaft haben wir uns sehr stark um die Belange und Bedürfnisse der Frauen gekümmert.

Da gab und gibt es ja auch viel zum Nachholen.

Richtig, das ist unbestritten. Die Emanzipation der Frau hat unsere Gesellschaft deutlich nach vorne gebracht. Aber wir haben dabei die Männer ein Stück weit aus den Augen verloren. Das hat mehrere Folgen. Bei meiner Arbeit erlebe ich immer mehr, dass sich die Männer abgehängt fühlen. Die Frauen sind sehr viel selbstbewusster geworden und die Männer können nicht Schritt halten.

Es gibt doch noch immer genügend selbstbewusste Männer. Allein die Bundestagswahl hat es gezeigt: Die Männer sind in der Übermacht. Auch in der Wirtschaft stehen Männer in der ersten Reihe.

Ich meine ja auch eher die Männer, die nicht sichtbar sind, und die sind in der Mehrzahl.

In der Me-Too-Debatte hat man nicht den Eindruck, der Mann sei das unterdrückte Geschlecht.

Da geht es um Männer, die sehr negativ aus der Masse hervorstechen. Die Me-Too-Debatte ist wichtig, aber wir dürfen nicht den Schluss daraus ziehen, dass alle Männer so sind. Das führt umgekehrt dazu, dass die Männer, die mit ihrer Frau auf Augenhöhe leben, stark verunsichert werden, wenn solche Debatten geführt werden und pauschalisiert wird. Dann heißt es nicht Dustin Hofmann, Kevin Spacey oder der britische Verteidigungsminister, sondern die Männer. Damit wird man der Mehrheit der Männer nicht gerecht, die einen guten Job machen wollen, die ein guter Vater, ein guter Partner sein wollen, möglicherweise auch im Verein engagiert sind und denen die Doppelt- und Dreifachbelastung an die Substanz geht. Nicht umsonst haben wir immer mehr Burnout-Fälle. Ich hatte Zeiten, da machten diese Fälle die Hälfte meiner Beratungen aus. Diesen Männern muss Mut gemacht werden, auch ihre eigenen Ansprüche zu artikulieren und nicht nur zu funktionieren.

Aber das gleiche Problem der Mehrfachbelastung haben die Frauen ja auch.

Das stimmt. Da wird über dieses Problem auch gesprochen. Bei Männern schweigt man darüber eher. Bei der jungen Generation verändert sich da mittlerweile schon etwas. Es gibt Väter, die sehen ihre Familie als so wichtig, dass sie die Arbeitszeit reduzieren, selbst junge Ingenieure oder Teamleiter. Oft ist das schwierig, weil Firmen den ganzen Mann wollen.

Bei Männern ist das weniger akzeptiert als bei Frauen. Frauen nehmen dadurch oftmals aber auch Einbußen in der Karriere hin.

Männer tun sich damit schwerer. Sie sind stark auf Beruf und Leistung fokussiert. Frauen gehen pragmatischer damit um. Jetzt ist 16 Uhr und jetzt ist Familie dran. Am nächsten Tag arbeiten sie mit gleichem Elan im Beruf weiter.

Was ist ihre Botschaft zum Männertag?

Wie müssen wieder mehr auf Belange und Bedürfnisse von Männern Rücksicht nehmen. Das heißt nicht, dass wir die der Frauen vernachlässigen. Es ist richtig, dass wir uns bei Frauen darum kümmern, aber bitte mit der gleichen Schlagzahl auch bei Männern.

Muss nicht auch der Mann etwas dazu tun? Bei der Emanzipation sind es die Frauen selbst, die kämpfen.

Ja klar. Ich erklär mir das so, wir Männer haben gelernt, unsere Probleme immer selbst zu lösen. Wir sind die einsamen Wölfe. Erst wenn es gar nicht mehr anders geht, kommen wir auf die Idee, nach außen zu gehen und nach Hilfe zu fragen. Doch diese Hürde ist für Männer sehr hoch. Es muss für Männer normal werden, diesen Schritt zu tun.

Damit dieses Männerbild gesellschaftsfähig wird, braucht es starke Vorbilder. Bei den Frauen gab es Ministerinnen oder Chefinnen mit Kindern.

Das ist ein riesiges Thema. Es fehlen positive Vorbilder für ein gelingendes, modernes Männerleben. Männern der mittleren Generation fehlte der Vater als Vorbild, mit dem man sich identifizieren, mit dem man sich aber auch reiben konnte. Eine solche Auseinandersetzung fand nicht statt, weil der Vater mit Arbeit beschäftigt oder gar nicht da war, weil die Mutter alleinerziehend war. Weiter geht es im Kindergarten und in der Grundschule, wo ein Junge fast nur auf Frauen trifft. Erst in der weiterführenden Schule kommen Männer dazu. Die Verweiblichung der Pädagogik ist ein riesiges Thema.

Das liegt auch an der schlechteren Bezahlung, dass Männer da nicht gern arbeiten. Was ist die Folge, wenn sich das nicht ändern sollte?

Zur Person

Uwe Meinhardt ist seit 2015 selbstständiger Männerberater, unter anderem beim Haus der Familie. Er hat Erziehungswissenschaften an der Universität der Bundeswehr München studiert. Von 1990 bis 2015 war er Personalmanager und -leiter bei der Heidenheimer Carl Edelmann GmbH.

Dann produzieren wir männliche Verlierer. Das kann der Gesellschaft nicht gut tun. Wir sehen es ja jetzt schon. Es gibt etliche Studiengänge, da haben wir zwei Drittel Frauen, wie Medizin, Psychologie, Jura. Das Ganze verschärft sich in einer Leistungsgesellschaft, da ist es für einen Verlierer doppelt schwer, einen Weg zu finden.