Heidenheim Heroindealer muss für drei Jahre ins Gefängnis

Mit der „härtesten aller Drogen“, so Richter Feil, hat ein 40-Jähriger gehandelt. Deshalb muss er jetzt ins Gefängnis.
Mit der „härtesten aller Drogen“, so Richter Feil, hat ein 40-Jähriger gehandelt. Deshalb muss er jetzt ins Gefängnis. © Foto: VRD, stock.adobe.co
Heidenheim / Silja Kummer 06.12.2018
Obwohl die Aussagen von vier Zeugen nicht hilfreich waren, verurteilte das Schöffengericht einen 40-Jährigen wegen Drogenhandels.

Wie viele verschiedene Gesichter Drogensucht hat, bekam das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Rainer Feil bei einem Prozess gegen einen 40-jährigen Heidenheimer vorgeführt. Dem gelernten Fleischer wurde vorgeworfen, Heroin in den Niederlanden erworben und in Heidenheim verkauft zu haben. Vier Zeugen, in denen das Gericht mögliche Kunden oder Komplizen des Drogenhändlers sah, waren selbst schwer von ihrer Sucht gezeichnet.

Widersprüchliche Anklage

Zwei von ihnen konnten dem Gericht jedoch schon deshalb nicht dienen, weil sie zwar zunächst im Verdacht standen, bei dem 40-jährigen Heidenheimer Heroin gekauft zu haben, die Verfahren gegen sie aber bereits eingestellt wurden. Verteidiger Daniel Mahler fragte sich, warum die Staatsanwalt dasselbe Delikt, das beim Käufer mangels Beweisen bereits eingestellt wurde, nun beim Verkäufer anklage. „Das ist doch ein Widerspruch“, so der Ulmer Rechtsanwalt.

Aber auch die anderen beiden Zeugen wollten den Angeklagten offensichtlich nicht belasten, weshalb sie in ihren Antworten entweder vage blieben, sich darauf zurückzogen, sich wegen ihrer Drogensucht an nichts erinnern zu können oder sogar aggressiv wurden: „Was wollen Sie eigentlich von mir?“, herrschte ein 40-jähriger Giengener Richter Feil an.

Der Giengener war selbst schon wegen des Handels mit Betäubungsmitteln und der Anstiftung zu Beschaffungsfahrten in die Niederlande verurteilt worden. Seine Festnahme war der Ausgangspunkt der Ermittlungen, denn dabei wurden bei ihm nicht nur 14 Gramm Heroin gefunden – eine größere Menge hatte er bei der Festnahme auf dem Boden verstreut -, sondern auch ein Handy, auf dem die Polizei Protokolle von Chats mit dem Angeklagten sicherstellen konnte.

Diese Chats waren dann auch die Hauptbeweismittel im Prozess gegen den Heidenheimer. Die beiden Männer hatten mittels der russischen App Odnoklassniki („Klassenkameraden“), kurz „OK“ kommuniziert. Diese funktioniert wie Facebook, allerdings waren sich die beiden Drogendealer sicher, dass die Polizei darauf nicht zugreifen könne. Außerdem waren die Unterhaltungen auf russisch geführt, beide Männer sind russlanddeutscher Abstammung. So unterhielt man sich relativ offen über die Qualität des Heroins und den Preis („Je früher du bestellst, desto günstiger.“) und verabredete sich zu Fahrten ins holländische Grenzgebiet. Bei einer Hausdurchsuchung, die im Februar 2017 bei dem Angeklagten stattfand, beschlagnahmte die Polizei 5,86 Gramm Heroin, 17 Milliliter des Ersatzstoffes Methadon sowie Subutex-Tabletten, die ebenfalls als Substitut für Heroin eingenommen werden. Außerdem fand man eine Feinwaage, Verpackungsmaterial und 470 Euro Bargeld.

Unterschiedliche Ansichten

Der Beweisaufnahme folgten zwei völlig unterschiedliche Plädoyers: Staatsanwalt Ralph Feile sah durch die Chatprotokolle erwiesen, dass der selbst heroinabhängige Angeklagte die Droge sowohl eingeführt als auch damit gehandelt habe. Auch, dass der Angeklagte bereits wegen Drogenhandels vorbestraft war und zur Tatzeit noch unter Bewährung stand, sei ihm anzulasten. Deshalb forderte er eine Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten.

Verteidiger Mahler fand die Beweislage dagegen zu dünn: „Wir wissen nichts über seine Absicht, Betäubungsmittel zu verkaufen, es gibt nur Indizien“, so der Jurist. Er forderte deshalb Freisprüche in allen Punkten bis auf den Drogenbesitz, der durch die Hausdurchsuchung nachgewiesen wurde. Dafür hielt er eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 15 Euro für den Hartz-IV-Empfänger für angemessen.

Das Gericht nahm sich angesichts der widersprüchlichen Positionen eineinhalb Stunden Zeit für die Urteilsfindung. „Wir sind der Überzeugung, dass wenigstens eine Beschaffungsfahrt nach Holland stattgefunden hat“, so Richter Feil. Auch die Tatsache, dass es sich „um die härteste aller Drogen“ gehandelt habe, galt es zu beachten. Deshalb entschied das Gericht auf eine Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Heroin – anfangs ein erlaubtes Schmerzmittel

Ausgangssubstanz für die schwer abhängig machende Droge Heroin ist Rohopium, der getrocknete Milchsaft aus den Samenkapseln des Schlafmohns. Dieses wird chemisch weiterverarbeitet.

Entwickelt wurde die Substanz von der Firma Bayer, die sich 1896 den Markennamen „Heroin“ schützen liess. Vermarktet wurde es als Schmerz- und Hustenmittel, das nicht süchtig machen sollte. Dass es tatsächlich schneller und stärker abhängig macht als Morphin, wurde erst einige Jahre später bekannt. Bayer stellte die Produktion erst 1931 aufgrund von großem politischen Druck ein.

Einen Anstieg der Heroin-Abhängigkeit verzeichnete man nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Vietnamkrieg in den USA, da die Soldaten bei ihren Einsätzen offenbar mit Morphin und Heroin in Kontakt gekommen waren.

Bis 1958 wurde Heroin in Deutschland legal verkauft, dann wurde es durch das Betäubungsmittelgesetz verboten. Heroin kann geschnupft, geraucht oder in Säure aufgelöst gespritzt werden. Alle Konsumformen machen süchtig.

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