Heidenheim / Günter Trittner

Ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen aus dem Landkreis in Heimerziehung sind in den drei hier betriebenen Einrichtungen untergebracht, zwei Drittel in Einrichtungen außerhalb des Landkreises. „Warum? Diese Frage hatte Kreisrat Dr. Stephan Bauer (CDU) schon während der Haushaltsberatungen im November 2018 gestellt. Er wiederholte sie nun bei der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses.

Antwort lässt Fragen offen

Trotz guter Vorbereitung von Dezernent Matthias Schauz und Yvonne Kälble, der stellvertretenden Leiterin des Fachbereichs Jugend und Familie, blieb bei Bauer nach den Antworten ein Ungenügen. Deutlich verneint worden war von Kälble, dass Kosten in den Entscheidungen, wohin die Kinder kommen, eine Rolle spielten. Sehr wohl könne es aber sein, dass bewusst auf eine gewisse Distanz zu Elternhaus und Umfeld Wert gelegt werde, um das Kind vor diesen Einflüssen zu schützen.

Detailliert legte Kälble dem Gremium dar, wie die standardisierten Abläufe in der Behörde vonstatten gehen, wie penibel und detailliert der Bedarf an Unterstützung ermittelt wird, welche fachliche Expertise eingeholt wird und wie nach einer Einrichtung gesucht wird, welche eine adäquate Hilfe bieten kann.

Keine Entscheidung werde nur von einer einzelnen Person getroffen. „Es geht immer um das Wohl des Kindes“, bekräftigte Landrat Thomas Reinhardt.

Vom Wohl des Kindes sprach auch Dr. Bauer. Sein Tenor freilich: „Wir sollten die Kinder bei uns halten, diese von ihren Eltern auf eine weite Distanz zu trennen, sehe ich kritisch.“ Kälble wiederholte, dass Bedarf und Hilfe genau zueinander passen müssen. Es gebe auch Einrichtungen, die sich auf bestimmte Altersgruppen spezialisierten und bestimmte Therapien anböten. Dem wollte Matthias Linder der Geschäftsführer der Eva in Heidenheim nicht widersprechen. „Da gibt es sicher einige Fälle, wo es nötig ist“. Doch auch Linder als Repräsentant einer der drei Träger von Heimerziehung im Landkreis vertrat die Auffassung, dass das gewohnte Umfeld Jugendliche stabilisieren könne. Wenn man diese aber in weiter Entfernung unterbringe, brächen diese Strukturen weg.

Warum und wie es zur Heimerziehung kommt

An zwei anonymisierten Beispielen zeigte Kälble auf, warum und wie es zu Heimerziehung kommt. Sie wollte damit auch anschaulich machen, welchen „Rucksack“ Kinder und Jugendliche durch ihr Leben schleppen.

In einem Fall sind beide Eltern substituierte Drogensüchtige, im anderen Fall ist die Mutter drogenabhängig und der Vater schwer psychisch krank. Beiden Elternpaaren wurde gutachterlich bescheinigt, dass sie Kinder nicht oder nur unzulänglich erziehen können. Von Verwahrlosung war die Rede, von vielfachem Wechsel von Pflegeeltern und Heimunterbringungen. Ihr viertes Kind wurden den drogensüchtigen Eltern sofort nach der Geburt entzogen.

Der 16-jährige Sohn der anderen Familie hatte letzten Endes alle Kooperation verweigert und ein derartig aggressives Verhalten gezeigt, dass selbst ein Heim kapituliert hatte. Er wird nun im Ausland in einer 1 zu 1-Betreuung geführt. „Als letztes Mittel“.

Dieser Fall, meinte Kälble zu Landrat Reinhardt auf dessen Frage, sei eher eine Ausnahme. Das andere „schon das Niveau, auf dem wir uns bewegen.“

106 Kinder in Heimerziehung

Nimmt man die seelisch beeinträchtigten Kinder und Jugendlichen hinzu waren zu Ende des Jahres 2018 106 Kinder in Heimerziehung. In diese Zahl eingeschlossen sind auch alle Hilfefälle, die im Lauf des Jahres 2018 ausgelaufen sind. Im Laufe der zurückliegenden fünf Jahre ist ein konstanten Rückgang der Fallzahl von 119 im Jahr 2014 bemerkbar.

Die Kurve der Kosten dreht in die andere Richtung. Sie stieg in diesem Zeitraum von 3,6 auf 4,6 Millionen Euro. Ursächlich sind laut Dezernent Matthias Schauz höhere Personalkosten und nach Abschluss eines neuen Rahmenvertrags im Jahr 2017 ein erhöhter Personalschlüssel. „Diese Entwicklung trifft alle Landkreise.“ Die Kosten pro Fall stiegen aber auch deshalb, weil häufiger komplexe Problemlagen gegeben seien, die höhere Anforderungen an die Hilfe stellten.