Heidenheim / Michael Brendel  Uhr
60 Meter im Fels, die viel über Heidenheims jüngere und ältere Geschichte verraten. Ein Rundgang durch den Stollen unterm Ottilienberg.

Die Erinnerung an die eigene Schulzeit birgt nicht nur Erfreuliches: Bat der Rektor einst zum Nachsitzen, dann hatte das meist nichts Gutes zu bedeuten. Entweder mussten Tische geschrubbt, der Hof gefegt oder Übungsaufsätze verfasst werden.

Was könnte also drohen, wenn Erhard Lehmann, ausgestattet mit 42 Jahren Erfahrung im Schuldienst, rund die Hälfte davon als Leiter der Mittelrainschule, heute eine – allerdings freiwillige – Lerneinheit an einem Sonntagnachmittag anberaumt? Antwort: eine spannende Doppelstunde Sachkunde, die es mit jedem noch so dicken Buch aufnehmen kann.

Historie zum Anfassen

Die Wissbegierde der dem Schulalter überwiegend längst Entwachsenen ist groß an diesem Sonntag. So gewaltig gar, dass die 90 Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt werden müssen. Ginge auch nicht anders, ansonsten würde es gar zu eng in jenem „Klassenzimmer“, das völlig ohne Tafel, Stühle und Tische auskommt, dafür Heidenheimer Historie zum Anfassen bietet. Heimatkunde am lebenden Objekt gewissermaßen.

Die Exkursion beginnt hinter einer schmucklosen Tür an dem Schnaitheimer- und Felsenstraße verbindenden Fußweg. Von dort aus geht’s rund 60 Meter in den Fels des Ottilienbergs hinein. Für die Großgewachsenen zunächst sicherheitshalber etwas gebückt. Erst geradeaus, nach einem kurzen Stück dann fast im 90-Grad-Winkel nach rechts.

Baubeginn 1944

Im Knick weitet sich eine Ausbuchtung, die auf die Zweckbestimmung der heute mit elektrischem Licht beleuchteten Röhre hindeutet: Von Mitte 1944 an wurde sie als Luftschutzstollen mit Presslufthämmern, Pickel und Schaufel in den Fels getrieben. Wäre davor eine Fliegerbombe detoniert, hätte die Wölbung die Druckwelle idealerweise zurückgeworfen, ohne die Menschen im hinteren Teil zu gefährden.

Eine ausgedehnte Bombardierung Heidenheims blieb bekanntermaßen aus, und der Krieg war vorüber, ehe der Stollen fertiggestellt und mit jenem Teilstück verbunden war, das von der Schnaitheimer Straße aus etwa 15 Meter tief ins Innenleben des Ottilienbergs reicht. So verlor sich das Interesse allmählich, der Eingang wurde zugemauert, den Alltag bestimmten andere Probleme.

Höhlenforscher am Werk

Ehe sich der Schleier der Vergessenheit aber endgültig über das Geschehen legen konnte, traten Mitte der 1980er-Jahre zwei heimatkundlich interessierte Heidenheimer auf den Plan: Peter Heinzelmann, der in Diensten der Stadt stand, und eben Erhard Lehmann, beides Mitglieder der Höhlen-Interessengemeinschaft Ostalb. Zur Hand gingen ihnen beim Ausräumen eine Handvoll Jugendliche, darunter die mittlerweile profilierten Höhlenforscher Andreas Kücha und Dr. Jürgen Bohnert.

Das Augenmerk galt nicht nur dem beständig acht Grad warmen Luftschutzstollen, sondern auch einem von dort aus zugänglichen Brunnenschacht, der von der Spitze des Ottilienbergs 35 Meter in die Tiefe und damit bis ins Grundwasser reicht.

Mehrere Dutzend Stollenführungen hat Lehmann im Auftrag der Tourist-Information bereits absolviert, und es ist gerade besagtem Brunnenschacht zu verdanken, dass sie nicht zur Routine werden. Zu intensiv ist immer noch die Erinnerung daran, wie der heute 77-Jährige seinerzeit von seinen Mitstreitern in die Tiefe gelassen wurde, gesichert mit einem Gurtzeug.

Optische Täuschung

Wer heute von unten in den Schlund blickt, meint wahrzunehmen, dass dieser sich nach oben zur Seite neigt. Tröstlich, dass Lehmann wenigstens den Grund für diese optische Täuschung nicht zu erklären vermag, weiß er doch alle sonstigen Fragen mit einer Fülle von Details zu beantworten.

Zum Beispiel die nach der Herkunft zweier Eisenreifen. Sie umfassten einstmals einen Bottich, den der Büchsenmacher Sixt Kenntner in den Schacht hinabließ. Er hatte um 1830 auf dem Ottilienberg ein sogenanntes Schrothäuschen gebaut. Dort verflüssigte er in einem Topf Blei, das anschließend durch ein Lochblech tropfte, etliche Meter in die Tiefe fiel, sich dabei zu kleinen Kugeln rundete, die dann in dem wassergefüllten Behältnis landeten und mit einer Schöpfkelle aus diesem herausgefischt wurden.

Mauer als Zeitzeuge

Den Schacht hatte Kenntner freilich nicht selbst ins Gestein getrieben, sondern vom Herrn der vermutlich ältesten Burg Heidenheims „geerbt“. Ein gewisser Pfalzgraf Manegold, so lässt Lehmann wissen, residierte in dem um 1050 errichteten Gemäuer. Geblieben sind bis zum heutigen Tag lediglich eine aufs Jahr 1230 datierte, ausgedünnte Buckelquadermauer und einige behauene Steine im Luftschutzstollen.

Die Burg hingegen hat keiner der heute noch Lebenden mit eigenen Augen gesehen. Gleiches gilt für die um 1480 an gleicher Stelle zu Ehren Ottilies, der Schutzheiligen der Augen, errichtete Kapelle. Und natürlich für den Bierkeller samt Schankwirtschaft, die im 19. Jahrhundert an dieser exponierten Stelle ihren Platz fand. Wer schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, vermag sich aber vielleicht jenes schmiedeeisernen Pavillons zu entsinnen, der einst auf dem Ottilienberg stand.

Lob vom Pädagogen

Viele Daten, Zahlen und Fakten stehen am Ende des sonntäglichen Privatunterrichts, und groß scheint die Gefahr, das meiste davon rasch wieder zu vergessen. Doch der erfahrene Pädagoge Lehmann zeigt sich ausgesprochen nachsichtig: Es wäre schon „saugut“, sagt er, blieben auch nur zehn Prozent dauerhaft im Gedächtnis.

Solch einen einfachen Weg, sich gute Zensuren zu sichern, hätte man sich auch für die eigene Schulzeit gewünscht.

Pavillon mit Aussicht

Ein Hingucker über den Dächern Heidenheims war jener Pavillon, den ein Sturm in der Nacht zum 27. Oktober 1870 vom Ottilienberg fegte. Ein Jahr später ließ Kommerzienrat Gottlieb Meebold ein schmiedeeisernes Nachfolgemodell installieren. Dieses wurde einige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wegen Baufälligkeit abgerissen. Heute umrahmt ein unspektakuläres Geländer die Aussichtsplattform. bren