Heidenheim / Erwin Bachmann  Uhr
Die Anspannung währte Stunden, dann erst die erlösende Nachricht: Alle Schüler konnten unversehrt in Sicherheit gebracht werden, nachdem am Dienstagnachmittag in der Technischen Schule Amok-Alarm ausgelöst worden war.
Es ist kurz vor 13 Uhr, als in der Heidenheimer Weststadt der Alltag auf einen Schlag auf den Kopf gestellt wird. In der an der Clichystraße gelegenen Technischen Schule wird Amok-Alarm ausgelöst, nachdem Zeugen gemeldet hatten, dass sie nahe der Schule einen bewaffneten Mann gesehen hatten. Sie fürchteten um die Sicherheit, auch an der Schule, zumal nicht auszuschließen war, dass der Mann das Gebäude betreten hatte. Genau diese Beobachtung bringt das Geschehen ins Rollen. Der weitläufige Gebäudekomplex wird evakuiert, 1400 Schüler gehen geordnet, offenbar ohne Panik, ins Freie, sammeln sich in großen Gruppen im Umfeld der Schule.

100 bis 200 Einsatzkräfte: Großaufgebot der Polizei in Marsch

Zu diesem Zeitpunkt ist bereits ein Großaufgebot an Polizei in Marsch gesetzt worden. Erste Kräfte des Polizeireviers Heidenheim treffen ein, sichern Eingänge des Schulgebäudes, das mit dem Eintreffen der aus allen Himmelsrichtungen herbeigerufenen Verstärkung Zug um Zug umstellt wird. Rasch sind Uniformierte aus Ulm da, und immer wieder stoßen schwer bewaffnete Kollegen mobiler Einsatzkommandos hinzu. Über der Weststadt kreist ein Polizeihubschrauber, am Boden dürften 100 bis 200 Einsatzkräfte versammelt sein.

Die im Freien stehenden Schüler werden in die nicht weit entfernte Karl-Rau-Halle dirigiert. Dort wird eine von DRK-Kräften und Polizei bewachte Sammelstelle eingerichtet, an der sich auch Schüler benachbarter Schulen einfinden. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass Polizisten in die Technische Schule eingedrungen sind, immer wieder an Fensterfronten vorbeihuschen. Offenbar wird das weitläufige Gebäude – es ist die größte Schule des Landkreises – von Spezialkräften systematisch durchkämmt, während draußen rund um den bis zur Tal- und Griesstraße reichenden Komplex mit der Waffe im Anschlag gesichert wird.

Notfallplan auch in anderen Schulen in Kraft

Die stadteinwärts führende Clichystraße wird für den Verkehr gesperrt, um permanent nachrückenden Einsatzfahrzeugen Platz zu machen, und darüber hinaus sind ganze Wohnviertel hermetisch abgeriegelt – auch im Bereich des Heckentals und damit im Umfeld weiterer Schulen, in denen vorsichtshalber ebenfalls der Notfallplan in Gang gesetzt worden ist.

Während die Außenposten der Polizei-Armada bisweilen mit dem blanken Unverständnis ausgebremster Anwohner kämpfen – „Ich will da jetzt durch“–, sorgen sich viele rund um die Weststadt-Kreuzung postierten Zuschauer, darunter auch besorgte Eltern von Schülern, um Leib und Leben derer, die möglicherweise noch im Schulgebäude sind. Verifiziert ist deren Anwesenheit nicht, aber ausgeschlossen eben auch nicht. Längst geht die Polizei von einem sogenannten Echtalarm aus, macht dementsprechend Ernst. Vor der Karl-Rau-Halle ist ein Rettungswagen postiert, ein Notfallseelsorger steht dort auf Abruf bereit, auch in der nahegelegenen Feuerwache sind Aktivitäten erkennbar.

15 Uhr: Polizisten überwältigen einen Mann

Rund um die Schule selbst ist das Bild lange unverändert, das an bedrückende, sonst nur vom Fernsehen her bekannte Szenerien erinnert. Dann, um 15 Uhr herum, kommt Bewegung ins Umfeld. Mitten auf der gesperrten Schlosshaustraße überwältigen Polizisten einen jungen Mann, fast zeitgleich fallen zwei weitere Personen in der nahegelegenen Rosensteinstraße auf. Auch sie werden überwältigt. Einer der beiden war, wie sich herausstellt, jener Mann, den die Zeugen Stunden zuvor nahe der Schule beobachtet hatten und der zu diesem Zeitpunkt eine Spielzeugpistole bei sich hatte, die einer echten Waffe täuschend ähnlich sieht. Er war, so ergeben erste Vernehmungen, auf dem Weg zu einem Bekannten zufällig an der Schule vorbeigekommen.

Jetzt gibt die Einsatzleitung zum erstenmal so etwas wie Entwarnung, wenngleich die Schule unverändert hermetisch abgeriegelt bleibt. „Es wird weiter verifiziert, ob und wo sich Schüler im Schulgebäude aufhalten,“ sagt eine Polizeisprecherin den vermehrt am Einsatzort eintreffenden Medienvertretern, bestätigt erste Festnahmen und kann mitteilen, dass niemand zu Schaden gekommen ist.

Es dauert nur eine Stunde, bis man im Polizeipräsidium Ulm die für diesen Tag abschließende offizielle Feststellung trifft: Die Männer standen unter Drogeneinfluss. Was der Mann mit der Spielzeugwaffe vorhatte, ist Gegenstand der weiteren Ermittlungen. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass er einen Angriff auf die Schule oder Dritte plante.

Alle Festgenommenen auf freiem Fuß

Auch ein weiterer Mann, auf den die Beschreibung von zeugen passte, ist mittlerweile überprüft worden. Die Polizei ist noch nicht abgerückt, da sind sie schon alle wieder auf freiem Fuß. In der Weststadt wird es ruhiger; was bei Einbruch der Dunkelheit noch lärmt, kommt vom dichten Feierabendverkehr, der sich jetzt wieder in normalen Bahnen bewegt.

Bei der Polizei ist noch lange nicht Schluss. Sie kündigt weitere Ermittlungen an, und weiß schon jetzt, unabhängig von deren Ausgang, dass die Zeugen richtig handelten, in einer ihnen gefährlich erscheinenden Situation die Polizei verständigt zu haben. Zudem bescheinigen Polizei und Staatsanwaltschaft Ellwangen allen Beteiligten vor Ort, professionell vorgegangen zu haben: „So waren die Schüler gut betreut und in Sicherheit.“