Heirat Heidenheims erste gleichgeschlechtliche Ehe: viel mehr als nur Liebe fürs Leben

Mehr Verständnis und mehr Zärtlichkeit: Waltraud Aichele (links) und Waltraud Weisenbach fühlen sich in einer homosexuellen Beziehung besser aufgehoben.
Mehr Verständnis und mehr Zärtlichkeit: Waltraud Aichele (links) und Waltraud Weisenbach fühlen sich in einer homosexuellen Beziehung besser aufgehoben. © Foto: Manuela Wolf
Heidenheim / Manuela Wolf 21.12.2017
Waltraud Weisenbach und Waltraud Aichele haben im November geheiratet. Dabei ging es dem lesbischen Paar um viel mehr als nur um die Liebe fürs Leben.

Sind homosexuelle Paare Paare zweiter Klasse? Vor Gott sind alle gleich, davon ist Waltraud Aichele felsenfest überzeugt. „Aber die eingetragene Lebenspartnerschaft war nur ein halbes Ding. Die Rechte, auf die es ankam, hatte man nicht, die Pflichten schon. Vor allem, wenn es ums Steuerzahlen ging. Wir haben immer gesagt: Sobald die Ehe für alle durch ist, heiraten wir!“

Auch Aicheles Gattin Waltraud Weisenbach ging es bei der Hochzeit um Formalien. Vor allem das Besuchsrecht im Falle eines Krankenhausaufenthaltes war ihr wichtig, „man weiß ja in unserem Alter nie“, sagt sie. Aber es ging auch um die Liebe. Zusammengehören, auch von Gesetzes wegen: „Mir war das sehr wichtig.“

Im November heirateten die beiden „Wallis“ in Heidenheim. Eine gute Freundin hatte ein hübsches Kissen für die Ringe genäht, zur Trauung wurde „My heart will go on“ von Celine Dion gespielt, die Tennis-Damen standen Spalier, anschließend ging es zum Feiern ins Gasthaus – ein perfekter Tag.

Nur ein Brautstrauß

Waltraud Weisenbach hatte sich sogar einen Brautstrauß binden lassen. Stolz zeigt sie ihn her. „Ich wollte keinen“, sagt dagegen Waltraud Aichele. Die 69-Jährige bezeichnet sich selbst als „die Burschikosere in der Beziehung“. Ihr Blick auf das Leben, die Welt und auch die Liebe ist geprägt von vielen leidvollen Erfahrungen. Harte Wirklichkeit, klare Worte.

Trotzdem: Seit sich die Seniorinnen vor neun Jahren übers Internet kennengelernt haben, seit sie Hand in Hand und Herz an Herz den Alltag meistern, gehen sie frohen Mutes durchs Leben. Unbeschwerte Gespräche, fröhliche Zweisamkeit, genießen statt grübeln – keine von ihnen nimmt diesen wohlwollenden Umgang als selbstverständlich hin. Sie haben bewegte Zeiten hinter sich, traurige, schwierige Jahre.

Sie hatten beide nicht mehr daran geglaubt, nochmal einen Partner zu finden, „aufs Alter hin wird das immer schwieriger.“ Aber nun ist es genau so, wie Schlagerstar Jürgen Marcus einst sang: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben. Was einmal war ist vorbei und vergessen und zählt nicht mehr.“

Homosexualität war unüblich

Es ist lange her, dass die beiden Wallis verheiratet waren. Waltraud Aichele trennte sich 1976 schon nach fünf Jahren, sie behielt den Sohn bei sich und einen Großteil der Schulden ihres Ex-Mannes auch. Von da an lebte sie im Großen und Ganzen alleine, viele Jahre davon in Stuttgart, wo ihr die Anonymität manchmal ganz guttat. Nicht, dass sie sich versteckt hätte. Sie stand zu ihrer Homosexualität. „Aber ich musste mir viel anhören deswegen, das war damals einfach nicht üblich.“

Waltraud Weisenbach, gelernte Industriekauffrau, verharrte 20 Jahre in einer Ehe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Auch sie wusste, dass sie sich eher zu Frauen hingezogen fühlte. Aber auch sie fügte sich in den gesellschaftlichen Rahmen der damaligen Zeit. Sie ist sich sicher: „Wenn ich nochmal jung wäre, würde ich vieles anders machen, vor allen Dingen keinen Mann mehr heiraten. Es gibt viel mehr Verständnis in einer Beziehung zwischen zwei Frauen. Und viel mehr Zärtlichkeit.“

Kennengelernt hat sich das Ehepaar übrigens übers Internet. Die ältere Walli suchte nur eine lose Bekanntschaft für gemeinsame Unternehmungen, die jüngere Walli „auf jeden Fall was Festes“. Doch schon nach dem ersten Treffen stand fest: Das passt! Wenige Wochen später buchten sie einen Urlaub in Tunesien. Es war die erste von vielen gemeinsamen Reisen.

Mit Rad und Zelt drei Wochen nach Regensburg und zurück, Kroatien, Italien, Frankreich. Ohnehin sind die zwei ungewohnt unternehmungslustig für ihr Alter. Ihre Hochzeitsreise führt sie in diesen Tagen nach Kuba. Elf Tage Hotel, den Rest der Zeit erkunden sie auf eigene Faust das Land. Waltraud Aichele: „Ich brauche einen Rollator zum Laufen und ich hatte vor einiger Zeit einen Herzinfarkt. Aber ich war vor ein paar Jahren mit dem Rucksack in Birma. Da werde ich wohl Kuba schaffen. Man lebt nur einmal.“

An Heiligabend landen die Urlauberinnen in Düsseldorf und feiern das Fest der Liebe in einer Szenekneipe. Weihnachten auf der Autobahn, das soll nicht sein. Denn der Glaube hat einen hohen Stellenwert für beide. Trotzdem. „Ich kann die Entscheidung der Evangelischen Landessynode, dass es auch weiterhin keine öffentlichen Segnungen für homosexuelle Paare geben wird, nicht verstehen“, sagt Waldtraud Aichele.

„Wenn ich nicht längst aus der Kirche ausgetreten wäre, würde ich es jetzt tun.“ Das habe nichts damit zu tun, dass sie nicht religiös sei. „Aber ich glaube an Gott und nicht an die Kirche.“ 2010 ließ sich das Paar freikirchlich in Stuttgart segnen.

Die 65-Jährige und ihre Ehefrau sind in Heidenheim bekannt wie die sprichwörtlichen bunten Hunde. Auf der Straße in ihrem Viertel, auf dem Wochenmarkt, in der Kneipe, kein einziges Mal wurden sie bisher angefeindet. Im Gegenteil. „Die Leute knuddeln uns immer“, freut sich Waltraud Aichele, die bis zu ihrer Pensionierung als Pförtnerin in einer Polizeiwache gearbeitet hat.

Die Zeiten haben sich geändert, das spüren sie. Freiheit, Toleranz, wer stark ist und zu sich selbst steht, der kann sein, wie er ist – und wird trotzdem gemocht. „Wer sich immerzu versteckt, der lebt sein Leben nicht richtig. Der Schritt kostet sicher Überwindung. Aber er lohnt sich.“

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