Heidenheim Heidenheimerin schreibt „Liebeserklärung“ an den Winter

Reisejournalistin Barbara Schaefer.
Reisejournalistin Barbara Schaefer. © Foto: privat
Heidenheim / Joelle Reimer 06.12.2018
Während sich andere im Winter über kalte Hände ärgern, ist Barbara Schaefer von der Jahreszeit fasziniert. So sehr, dass sie sogar ein Buch geschrieben hat.

Eine Liebeserklärung gehört normalerweise nicht zu den Dingen, die für die breite Öffentlichkeit gedacht sind. Normalerweise. Nicht so die Liebeserklärung von Barbara Schaefer: Die gebürtige Heidenheimerin lebt und arbeitet zwei Drittel des Jahres in Berlin, in der restlichen Zeit ist sie auf Reisen. Orte wie der Baikalsee, die Alpen oder das schwedische Hochland haben es ihr besonders angetan, so dass die Reisejournalistin nun ein ganzes Buch über diese Jahreszeit geschrieben hat: „Winter – eine Liebeserklärung“. Im Vorfeld zu ihrer Lesung am 13. Dezember im Kloster Herbrechtingen spricht sie im Interview über Schlitten in Berlin, die Faszination der Kälte und darüber, warum sie ständig unterwegs ist und dennoch selten privat verreist.

Der Sommer war lang und heiß. Jemand, der eine Liebeserklärung an den Winter schreibt, muss doch arg gelitten haben, oder?

Barbara Schaefer: (lacht) Gelitten ist übertrieben. Mir war es zu heiß, es hat ja monatelang nicht geregnet. Das ist nicht normal, das ist eine Folge des Klimawandels – und damit hat mein Buch unter anderem auch zu tun. Damit, dass die Winter verschwinden. Ich wollte einfach festhalten, was das Schöne am Winter ist.

Sie sind also ein Wintertyp.

Ich finde den Wechsel der Jahreszeiten sehr faszinierend. Aber ja, ich gehöre zu den Menschen, die sich wirklich freuen, wenn es schneit. Jedes Jahr. Wie ein Kind.

Und der typische Novembertag?

Wenn es trüb und unwirtlich wird, steigt meine Vorfreude auf den Winter umso mehr.

Vor fünf Jahren haben Sie in Heidenheim aus Ihrem Buch „Stadtlust“ gelesen – ein Loblied auf das Leben in der Stadt. Nun der Winter. Ist Winter in der Stadt das Nonplusultra?

Das wäre übertrieben. In den Großstädten jammern und leiden die Menschen, zumindest in unseren Breitengraden. Was ich aber aufgreife, ist, dass es in der Stadt auch schöne Momente im Winter gibt. Zum Beispiel in Berlin. Wenn da Schnee fällt, ist es einfach unglaublich, wie viele Menschen einen Schlitten im Keller haben. Auf jedem Mini-Hügel geht es dann zu wie im Freibad. Oder wenn die Seen zugefroren sind und man Schlittschuh laufen kann.

Andere denken eher an zugefrorene Autoscheiben . . .

Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs, und wenn man sich durch den Matsch quälen muss, es grau und dreckig ist, das ist ehrlich nicht toll. Ich bin nur nicht der Meinung, dass Winter in der Stadt grundsätzlich schrecklich ist.

Sie sind in Heidenheim aufgewachsen, und, zugegeben, hier ist es doch immer ein paar Grad kälter als in den Nachbarkreisen. Aber weshalb gleich ein ganzes Buch über den Winter?

Hauptsächlich schreibe ich übers Reisen, ich bin sehr viel in der Welt unterwegs. Über die Jahre war ich eben auch viel im Winter unterwegs. In entlegenen Gegenden, am Baikalsee, in Kanada, in den Alpen. Dann dachte ich: Daraus kann ein Buch entstehen.

Was fasziniert Sie daran so sehr?

Zum einen, dass sich der Winter fundamental von allen anderen Jahreszeiten unterscheidet. Wasser gefriert. Die Landschaft stellt sich ganz anders dar. Frühling ist ja nur ein kälterer Sommer, Herbst ist das Ende des Sommers. Der Winter ist etwas komplett anderes. Plötzlich sehen Orte, die man aus dem Sommer kennt, ganz anders aus.

Schon, aber es ist immer so kalt . . .

Ja, mein Gott; dann setzt man halt eine Mütze auf. Es ist ja eine Errungenschaft der Moderne, dass man Winter auch schön finden kann, weil man einfach in die geheizte Wohnung geht, wenn es zu kalt wird. Die Bedrohung, die der Winter hat, gibt es heute nicht mehr.

Zumindest nicht bei uns . . .

Genau. Wenn ich in einem hochgelegenen Bergtal lebe und schon im Sommer schauen muss, dass ich den Winter überstehe mit dem, was ich ernte, dann hat der Winter natürlich nichts Idyllisches.

Ihr Lieblings-Winter-Moment?

Es gibt so viele spezielle Momente . . . Absolut faszinierend fand ich den zugefrorenen Baikalsee. Wenn man auf diesem meterdicken, mit Sprüngen durchzogenen Eis steht, das ist ein irrsinniges Erlebnis. In einem Nationalpark in Schweden bin ich mal über eine Hochebene gewandert – das war sehr ursprünglich. Es kann aber auch eine Schneeschuh-Tour in den Alpen sein. Im Winter wird es einfach sehr still, der Schnee schluckt alles, und ein paar Schritte vom Dorf entfernt ist es so ruhig, wie es im Sommer nie sein wird.

Vor allem in Berlin nicht . . .

(lacht) Ja, aber auch nicht an der Olgastraße in Heidenheim.

Sie haben bei der Heidenheimer Zeitung Ihr Volontariat absolviert und sind heute als Reisejournalistin tätig. Man stellt sich das ja gerne so vor: Sie reisen das ganze Jahr über an Orte, die Sie gerne mal sehen würden, und schreiben zwischendurch. Wie sieht Ihre Arbeit tatsächlich aus?

Naja, schon so ungefähr (lacht). Ich bin ein Drittel des Jahres auf Reisen, schreibe im Auftrag für Zeitungen und Zeitschriften. Ich bin viel unterwegs – und zu Hause arbeite ich dann viel.

Reisen als bezahlter Urlaub?

Das ist es absolut nicht. Erstens sind die Aufenthalte oft sehr kurz, zweitens bin ich im Kopf immer auf Empfang und überlege bei allem, was ich sehe oder mache, wie ich das in einen Text umsetzen kann. Ich schalte also nicht ab, so wie man es normalerweise im Urlaub tut. Es ist keine Erholung, es ist kein Urlaub – aber ein erfüllender Job.

Es gibt nicht viele Reisejournalisten, die davon leben können. Wie klappt das bei Ihnen?

Man muss einfach schauen, dass man genug Aufträge hat, aber auch genügend Zeit zu Hause verbringt, um alles in Textform zu bringen. Ich bin ja keine Bloggerin, die sofort alles raushaut; ich brauche Abstand und muss über meine Texte nachdenken. Deswegen habe ich auch immer mehrere Dinge noch nicht geschrieben, bevor ich wieder irgendwo hin fahre, das ist einfach so. Das Reisen gehört dazu.

Führen Ihre Reisen Sie ab und an auch noch nach Heidenheim?

Zwei, drei Mal im Jahr komme ich schon. Ich mache viel in den Alpen und lege dann einen Zwischenstopp hier bei meinen Eltern ein.

Aber Sie haben noch nicht über Heidenheim geschrieben?

Das ist ewig her. Und da fehlt mir auch die professionelle Distanz. Wenn ich eine Reisegeschichte über Heidenheim schreiben müsste – und meine Geschichten sind auch durchaus kritisch – das wäre mir zu kompliziert. Außerdem muss man auch mal wo hin fahren, worüber man nichts schreibt. Ich gehe eben deshalb so gern rund um Heidenheim spazieren, weil ich nicht drüber nachdenken muss, was ich daraus machen könnte.

Erst die Stadt, dann der Winter. Was lieben Sie noch?

Die Berge. Die Alpen. Da bin ich sehr viel. Seit ein paar Jahren bin ich Bergwanderführerin und führe Gruppen. Ich schreibe viel über die Berge. Und ganz klar: Das Reisen selbst. Das liebe ich.

Reisen Sie überhaupt privat?

Zu wenig! Das ist echt ein Problem. Man ist immer auf dem Sprung, macht hier und da was, aber immer nur beruflich. Es ist ein generelles Problem von freien Journalisten, dass man sich mal sagt: Okay, diese drei Wochen mache ich jetzt Urlaub – und habe dann keinen Verdienst. Als Reisejournalistin ist es eben noch etwas krasser, weil man immer unterwegs ist, nur eben kaum privat.

Dann können Sie ja Ihre Lesung am 13. Dezember in Herbrechtingen mit einer kleinen privaten Auszeit verknüpfen . . .

Stimmt. Und ich hoffe, dass es bis dahin geschneit hat. Ein richtiges Winter-Wonderland. Aber falls nicht, zeige ich genügend Fotos – wenn es also draußen keinen Schnee hat, gibt's drinnen welchen.

Barbara Schaefer

Die Reisejournalistin wurde 1961 in Heidenheim geboren, wo sie nach dem Abitur am Werkgymnasium ein Volontariat bei der Heidenheimer Zeitung absolvierte und als Kulturredakteurin arbeitete.

Es folgte ein Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik. Ihre Leidenschaft fürs Klettern lebte sie für die Zeitschrift „Berge“ aus.

In Herbrechtingen liest sie am 13. Dezember ab 19 Uhr. Karten und das Buch gibt's im Ticketshop des Pressehauses.

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