Lehre Heidenheim ist keine Problemzone mehr

Er hat seine Lehrstelle gefunden: Kevin Knäb absolviert bei den Städtischen Betrieben eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner und ist somit einer von rund 70 Nachwuchskräften, die bei der Stadtverwaltung Heidenheim ihrer beruflichen Zukunft entgegen gehen.
Er hat seine Lehrstelle gefunden: Kevin Knäb absolviert bei den Städtischen Betrieben eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner und ist somit einer von rund 70 Nachwuchskräften, die bei der Stadtverwaltung Heidenheim ihrer beruflichen Zukunft entgegen gehen. © Foto: Jennifer Räpple
Heidenheim / Erwin Bachmann 07.11.2013
Vorbei die seit gut zehn Jahren anhaltenden Zeiten, da Stadt und Kreis Heidenheim noch eine Problemzone des Ausbildungsmarkts waren. Neuerdings haben eher die Betriebe ein Problem: Ihre Lehrstellen mit den geeigneten Bewerbern zu besetzen.

Dass Azubis Mangelware werden, hatte sich schon 2012 bemerkbar gemacht. Jetzt ist diese Trendwende so gut wie vollzogen. „Wir haben einen ausgeprägten Bewerbermarkt“, konstatiert Geschäftsführer Elmar Ziller von der Agentur für Arbeit Aalen, der gestern zusammen mit Vertretern der IHK Ostwürttemberg und der Handwerkskammer Ulm die Lehrstellenbilanz 2013 vorlegte und sich mit diesen Organisationen in einem Punkte einig weiß: Die Chancen der Jugendlichen, den Fuß in die zur Arbeitswelt führenden Tür zu bekommen, war schon lange nicht mehr so groß.

Der Wandel hat neben der demografischen Entwicklung vor allem mit einer gründlich veränderten Schullandschaft zu tun, in der sich immer weniger Hauptschüler und deutlich mehr Realschüler sowie Gymnasiasten tummeln. „Wir kämpfen gegen sinkende Schülerzahlen und gegen den Trend zu weiterführenden Schulen,“ sagt Uwe Heßler, Leiter des Bildungszentrums Aalen und der Ausbildungsberatung bei der IHK Ostwürttemberg, und beschreibt eine Situation, die so gut wie alle wirtschaftlichen Branchen spüren: Der Wettbewerb um junge Menschen nimmt zu.

Ganz nah an dieser Nahtstelle zwischen Schule und Beruf agiert die Arbeits-Agentur Aalen. Hier hatte man es im jetzt abgeschlossenen Beratungsjahr mit rund 9850 gemeldeten Schulabgängern zu tun, was im Jahresvergleich einem Rückgang von neun Prozent entspricht. Nach dortiger Beobachtung herrscht auf dem gesamten ostwürttembergischen Ausbildungsmarkt weitgehende Ausgeglichenheit, doch wird es zunehmend schwieriger, zusammenzuführen, was nicht so recht passt: sei es die Qualifikation des Bewerbers oder der Ort der Ausbildung.

„Das knappe Gut ist mittlerweile der Bewerber geworden,“ sagt der Chef der Aalener Agentur und sieht sich zum erstenmal vor der Situation, dass mehr junge Menschen ein Studium beginnen als in die duale Ausbildung einsteigen. Insgesamt waren in diesem Jahr 3569 Bewerber und 3589 Ausbildungsplätze gemeldet, von denen am Ende der aktuellen Lehrstellenrunde 183 unbesetzt geblieben sind. Demgegenüber mutet die Zahl der zur Zeit 20 leer ausgegangenen Bewerber sehr gering an. Ausgesprochen erfreulich ist die Entwicklung im Kreis Heidenheim verlaufen, wo der Stellenüberhang besonders ausgeprägt war: 913 Bewerbern (plus 2,1 Prozent) standen 959 Ausbildungsplätze (plus 8,4 Prozent) gegenüber. Nach Einschätzung des Agentur-Chefs ist der starke Stellenanstieg in Heidenheim vor allem auf das Handwerk und hier insbesondere auf die Berufsgruppe Bau zurückzuführen. Tatsächlich verzeichnet die Handwerkskammer Ulm für ihren gesamten Bereich ein hohes Ausbildungs-Engagement. Nach Angaben der für Berufsbildung zuständigen Fachbereichsleiterin Birgit Mayr-Kraus sind im gesamten Kammerbezirk 2752 Lehrverträge neu abgeschlossen worden, was gegenüber dem Vorjahr nur noch einem Minus von einem Prozent entspricht – nachdem man 2012 noch einen Einbruch von 8,8 Prozent zu verzeichnen hatte. Im Kreis Heidenheim sind im Handwerk bis Ende September 207 neue Lehrverträge geschlossen worden – 15 weniger als im Jahr zuvor. Alles in allem sind im Kreis Heidenheim 361 Handwerksbetriebe in der Ausbildung aktiv.

„Die Schere am Ausbildungsmarkt ist in die andere Richtung übergesprungen.“ Mit diesem Bild skizziert Uwe Heßler die Situation im Bereich der Industrie- und Handelskammer Ostwürttemberg, wo bis Ende Oktober alles in allem 1912 Ausbildungsverhältnisse neu eingetragen worden sind. Das sind 7,5 Prozent weniger als vor einem Jahr, „was uns sehr weh tut,“ wie der Vertreter der Kammer bemerkt, die im Blick auf die Neueintragungen zwei von zwölfprozentigem Zuwachs geprägte Superjahre hinter sich hat. Nur Stadt und Kreis Heidenheim halten dieses hohe Niveau: 536 neu vereinbarte Lehrverträge bedeuten gerade mal neun weniger als 2012.

Die rückläufige Gesamtentwicklung spiegelt sich auch bei den im Rahmen des regionalen Ausbildungspaktes neu eingeworbenen Lehrstellen wider. Laut IHK sind es nur 107, wiewohl man sich 200 vorgenommen hatte. Auch die Zahl der Betriebe, die erstmals für eine Ausbildung gewonnen werden konnte, liegt mit 72 unter der Annahme, die von 100 Firmen ausgegangen war. Hinzu kommen nach Angaben von Uwe Heßler 34 für weniger qualifizierte Bewerber gedachte Einstiegs-Qualifizierungsplätze, von denen nur 27 besetzt sind – ebenfalls weniger als gedacht.

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