Punk Hausdurchsuchung bei "Normahl"-Sänger wegen 31 Jahre altem Lied

Heidenheim / Silja Kummer 08.02.2013
Die Kriminalpolizei hat die Wohnungen von Mitgliedern der Punkband „Normahl“ – in Heidenheim, Winnenden, Sulzbach und Plüderhausen durchsucht. Vorgeworfen wird den Männern der Vertrieb von Musik mit gewaltverherrlichenden Texten – die sie vor 31 Jahren geschrieben haben.

1982 eifern vier Jungs aus dem Raum Stuttgart großen Punk-Vorbildern wie den „Sex Pistols“ nach und veröffentlichen als Band „Normahl“ ihre dritte LP mit dem Titel „Ein Volk steht hinter uns“. Darauf finden sich Songs wie „Atomkrieg“, „Rainer Anton Fritz“ (die Initialen stehen für die Linksterroristen der RAF) oder „Bullenschweine“ – was jetzt, 31 Jahre später, die Staatsanwaltschaft Stuttgart beschäftigt. Die Jungmusiker von damals sind heute gestandene Männer, und Lars Besa, der Sänger der nach wie vor auftretenden Band, lebt mittlerweile in Heidenheim.

Vier Beamte der Heidenheimer Kriminalpolizei waren am Donnerstag vergangener Woche im Einsatz, um die Wohnung des 47-jährigen in der Oststadt nach Exemplaren der CD und Songtexten auf dem Computer zu durchsuchen. „Haut die Bullen platt wie Stullen / Haut ihnen ins Gesicht (. . .) bis dass der Schädel bricht“ sang Besa 1982. „Nicht unsere beste Nummer“, urteilt er heute, bei Konzerten werde das Lied nicht mehr gespielt.

Nun allerdings ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen Paragraph 131 des Strafgesetzbuches. Es geht um die Verbreitung gewaltverherrlichender Texte, also genaugenommen um den Vertrieb der CDs und nicht um den Text an sich. Zwar ist der Tonträger auch über den Mailorder der Band erhältlich, „Normahl“ ist aber keine Nachwuchsband, die ihre CDs selbst brennt, sondern hat bereits über 600 000 Tonträger verkauft und wird von der „New Music Distribution“ in Hamburg vertrieben. Die CDs sind im Musik- wie im Internethandel erhältlich, mittlerweile kann man „Ein Volk steht hinter uns“ auch bei I-Tunes erwerben.

Warum also Hausdurchsuchungen bei den Musikern? Diese Frage will die Staatsanwaltschaft Stuttgart in Hinblick auf die laufenden Ermittlungen ebenso wenig beantworten wie die nach dem Anlass für die Ermittlungen – 31 Jahre nach Erscheinen der LP. „Die Amtsanzeige kam von der Staatsanwaltschaft Dresden, wir sind gezwungen, diese zu prüfen“, erläutert der 1. Staatsanwalt Jan Dietzel.

„Die Straftat wurde vom Verfassungsschutz in Sachsen konstruiert“, glaubt Sänger Lars Besa. Offensichtlich habe man in rechtsextremen Kreisen ermittelt und sei dann auf „Normahl“ gestoßen. „Zuerst sollte ich wegen Aufstachelung zum Rassenhass angeklagt werden“, berichtet Besa – der beispielsweise 1992 Mitinitiator von „Kein Hass im Wilden Süden“, eine der größten bundesweiten Aktionen gegen Ausländerfeindlichkeit und Gewalt, war. Diese Anklage wurde fallengelassen, stattdessen kaprizierte sich die Behörde auf den Vertrieb der CDs. „Lächerlich und peinlich“ findet Lars Besa die Vorwürfe, auch die Polizisten bei der Hausdurchsuchung hätten nicht sonderlich motiviert gewirkt.

Nichtsdestotrotz steht die Band am Wochenende auf der Bühne, Freitag Abend in Cham, am Samstag in Waldsassen. „Die Herren vom Verfassungsschutz sind sicher mit dabei“, frotzelt Lars Besa – auch wenn für seine Familie die Hausdurchsuchung eher keine lustige Angelegenheit war.

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