Umsatz Hartmann zielt auf den Weltmarkt

Bei der Bilanzpressekonferenz von Hartmann stellten Vorstandsvorsitzender Andreas Joehle und Finanzchef und Arbeitsdirektor Stephan Schulz (rechts) die Geschäftszahlen des Jahres 2015 vor.
Bei der Bilanzpressekonferenz von Hartmann stellten Vorstandsvorsitzender Andreas Joehle und Finanzchef und Arbeitsdirektor Stephan Schulz (rechts) die Geschäftszahlen des Jahres 2015 vor. © Foto: Hartmann
Heindeheim / Günter Trittner 23.03.2016
Für ihre Aktionäre war die Paul Hartmann AG schon immer eine feste Bank. Nun könnte sich das Unternehmen bald selbst dafür halten. 59,4 Prozent Eigenkapital, keine Schulden und 170 Millionen Euro Liquidität wirken aber nicht nur beruhigend, sie geben auch Spielraum. Mehr denn je schauen die Heidenheimer auf den Weltmarkt.

Bei der Vorstellung der Geschäftsbilanz 2015 sprach Vorstandsvorsitzender Andreas Joehle von einem „guten Jahr“. Aber er hob in erster Linie nicht auf die Unternehmenszahlen ab. Obwohl ein Umsatzwachstum von 4,2 Prozent auf 1,941 Milliarden Euro durchaus zufrieden stimmen kann – erst recht, wenn man dabei den Markt um 100 Prozent übertrifft.

Joehle sprach hingegen von einem guten Jahr für die Patienten und die Pflegenden, für die Mitarbeiter und für die Aktionäre. Joehle ließ die Zahlen nicht nur beiseite, weil dieser Part für Finanzchef Stephan Schulz vorgesehen war, sondern weil man dem eigenen Anspruch gerecht werden will, als Unternehmen der Gesundheitsbranche vorrangig etwas für die Gesundheit zu tun.

Entsprechend rückte Joehle aktuelle Entwicklungen in der Wundversorgung in den Vordergrund, Verbesserungen bei den Inkontinenzprodukten und die Mittel, mit denen Hartmann gegen Klinik-Keime vorgehen möchte. Wie bei der Versorgung von chronischen Wunden für die Hartmann mit der Hydro-Therapie eine einfache, schnelle und effiziente Lösung entwickelt hat, versucht man den Infektionsschutz in den Kliniken von Grund auf in den Griff zu bekommen. „Was löst das Problem aus? Keime werden zu 90 Prozent von Händen übertragen, von Händen, die eigentlich helfen und heilen wollen.“ Das Desinfektionsmittel hat Hartmann mit Sterilium selbst in der Hand, das seit 50 Jahren produziert wird. Aber das Unternehmen sieht es auch als eigene Aufgabe an, zum richtigen Gebrauch des Mittels zu motivieren. Schon heute werden mit Sterilium in einem Jahr drei Milliarden Hände desinfiziert.

Ein Drittel seines Geschäfts macht Hartmann in Deutschland, 54,6 Prozent sind es in Europa ohne Deutschland, und aus dem restlichen Drittel soll viel mehr werden. Der Umsatz in Amerika mit 67,3 Millionen Euro ist für Joehle „ein Tropfen in einem Ozean“. Mit einer Niederlassung in Chile will man diesem Markt näherkommen und Hongkong wird ein Ausguck für den nicht weniger interessanten asiatischen Raum.

Großes Gewicht im Haus hat die interne Nachwuchsgewinnung. Das Talententwicklungsprogramm wurde auf das gesamte Unternehmen ausgedehnt. Wichtig ist Joehle, dass Frauen in Spitzenpositionen rücken können. „Ich betreibe das ganz persönlich.“. Aus eigener Erfahrung wisse er, dass die Arbeit in Teams mit hälftig Männer und Frauen am besten laufe. „Da hat man die 360 Grad Sicht auf die Dinge.“

Die betriebswirtschaftliche Rundumsicht bei Hartmann besagt, dass alle Geschäftssegmente auf Wachstumskurs sind. Ein Drittel des Umsatzes bringen mit 644 Millionen die Inkontinenzprodukte – das Plus hier 2,8 Prozent. Den meisten Schub hat es beim Infektionsmanagement mit 5,7 Prozent gegeben. 466 Millionen Euro stehen hier zu Buche. Im Wundmanagement wurden bei 425,1 Millionen Euro 5,1 Prozent mehr erlöst.

Nach Steuern hat die über 10 000 Mitarbeiter zählende Hartmann-Gruppe im vergangen Jahr 84,8 Millionen verdient. 8,4 Prozent mehr im vergangenen Jahr. „Die Ertragskraft wurde weiter gestärkt“, bekräftigte Finanz-Chef Stephan Schulz. Und es wurde investiert: 74,5 Millionen Euro. 56 Prozent davon in Deutschland eingesetzt, 31 Prozent für Inkontinenzprodukte. Schulz schilderte auch, wie das Unternehmen Unabhängigkeit von den Banken gewonnen hat. „Binnen fünf Jahren haben wir 200 Millionen Euro Liquidität aufgebaut.“

Auch wenn es bei dem derzeitigen Zinstief wenig einträgt Geld zu horten, der Kauflust werden bei Hartmann weiter enge Zügel angelegt. Man denke da schwäbisch, so Schulz. Mehr Investitionen werde es aber in Richtung Amerika geben.

Und das gute Hartmann-Jahr für Aktionäre? 35 Prozent plus im Kurs und eine Dividende von 6,70 Euro. 20 Cent mehr als im Vorjahr.

Langsam wachsende Liebe

Die Liebe zum Unternehmen Kneipp musste bei der Paul Hartmann AG langsam wachsen. Prof. Dr. Ulrich Hemel hatte sie 2001 zu Beginn seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender ins Haus geholt, eine schwächelnde Tochter mit angeblichen Perspektiven. Sein Nachfolger im Amt, Dr. Rinaldo Riguzzi fasste das mittlerweile tief in Rot badende Kind eher mit spitzen Fingern an, sorgte aber für eine solide Kur. Was die Finanzen angeht, die Betriebsstruktur und auch das Markenbild. Dass bei Kneipp Werke geschlossen wurden und Arbeitsplätze verloren gingen, warf auch Schatten auf die Mutter. Die Geduld hat sich indes gelohnt. Kneipp verwöhnt mit seinem Produkten nicht nur eine steigende Zahl Kunden mit 40 neuen Produkten jährlich, die Tochter verwöhnt inzwischen auch die Mutter mit zweistellig wachsenden Umsätzen. „Kneipp wirkt natürlich“ ist eine im Unternehmen nun gern zitierte Markenaussage. Im Marketing ist es gelungen, die Philosophie des Pfarrer Kneipp, die von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt wurde, mit einer modernen emotionalen Publikumsansprache verbinden. Kneipp macht uns Freude, kann heute Firmenchef Andreas Joehle sagen.

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