Interview Happy End für SWR-Sendung "Nachtcafé"

27 Jahre lang moderierte Wieland Backes das „Nachtcafé“ im SWR; am 14. November wird er eine moderierte Lesung im Konzerthaus in Heidenheim abhalten.
27 Jahre lang moderierte Wieland Backes das „Nachtcafé“ im SWR; am 14. November wird er eine moderierte Lesung im Konzerthaus in Heidenheim abhalten. © Foto: Foto: SWR
Heidenheim / STEFANIE KIRSAMER 17.11.2014
Noch ist Wieland Backes Moderator bei der SWR-Sendung "Nachtcafé", aber seine letzte Sendung wird am 12. Dezember ausgestrahlt. Über seinen Entschluss, die Moderation abzugeben, sprach Stefanie Kirsamer mit dem 68-Jährigen.

Sie haben es geschafft, 27 Jahre die gleiche Sendung zu moderieren. Viele Kollegen von Ihnen schaffen es bei weitem nicht so lange. Was haben Sie denn besser gemacht?

Ich sage immer etwas schlitzohrig, dass ich lange genug mein eigener Chef war und mich nicht selbst abgesetzt habe. Bis 2001 war ich selbst der Abteilungsleiter der journalistischen Unterhaltung. Man muss aber auch dazu sagen, dass es von der Spitze des Hauses nie Bestrebungen gab, den Moderator oder die Sendung in Frage zu stellen. Aber das Fernsehen kann schon ein Haifischbecken sein. Es gibt auch irrationale Entscheidungen, beispielsweise, dass der Moderator nicht älter als 40 sein darf. Und davon wurde ich glücklicherweise verschont.

Im Januar haben Sie bekannt gegeben, dass Sie mit Ihrer Sendung im SWR, dem „Nachtcafé“, aufhören werden. Wie fühlen Sie sich mittlerweile mit diesem Beschluss?

Wir sind in der heißen Phase, sozusagen im Countdown, und es ist mit die schönste Zeit meines Berufslebens. Ich liebe meine Sendung nach wie vor, aber jede Woche 90 Minuten in dieser Qualität zu produzieren, ist richtig harte Arbeit. Das spüre ich am Tag nach der Sendung schon in den Knochen. Vor allem, weil ich kein Moderator bin, der am Tag der Sendung kommt und fragt: „Was darf ich heute moderieren?“, sondern ich bin in den redaktionellen Entwicklungsprozess jeder Sendung umfassend einbezogen.

Fühlen Sie sich also zu alt?

Die Signale des Alters sollte man nicht ignorieren. Und was ich in den letzten Jahren absolviert habe, war eine wonnige Form der freiwilligen Selbst-Versklavung. Die Sendung nimmt mich so in Beschlag, dass ich eigentlich kaum aus dem Stuttgarter Raum herauskomme. Schon die Reise nach Heidenheim muss ich mir abzwacken. Das heißt, meine Sehnsucht nach mehr Muße wächst und auch das Bedürfnis, ein wenig an die Ernte der Früchte meines langjährigen Engagements zu denken.

Fällt es Ihnen nicht doch schwer, nach 27 Jahren aufzuhören?

Ich bin zurzeit in so einer Motorik, dass ich gar nicht darüber nachdenken kann. Klar ist, mein Leben wird auch in Zukunft nicht langweilig sein. Ich produziere meine zweite Sendung „Ich trage einen großen Namen“ weiterhin. Diese nimmt mich nicht so sehr in die Pflicht, weil sie in Blöcken produziert wird. Mein Ausstieg war von langer Hand geplant. Schluss machen auf der Höhe des Erfolgs – das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich wollte aufhören, bevor die ersten munkeln, wann hört er endlich auf, und bevor die Quoten schrumpfen.

Sie standen ja schon im Rampenlicht, aber jetzt, da Sie aufhören, gibt es noch mehr Rummel um Ihre Person. Steigt Ihnen das nicht zu Kopf?

Nein, in den Kopf steigt es nicht. Ich habe starke Gegenüber, die mir ein Leben lang geholfen haben, die Bodenhaftung zu behalten. Andererseits braucht ein Moderator schon ein gewisses Maß an Narzissmus. Er soll ja nicht im Keller moderieren, sondern steht vor den Leuten und muss das auch mögen. Und zu meinem „Nachtcafé“-Ende wollte ich nochmal alles geben – in der Hoffnung, in guter Erinnerung bei den Zuschauern zu bleiben.

Der „Stern“ schrieb zu Ihrer 500. Sendung: „Das 'Nachtcafé' ist ein Hort der gepflegten Unterhaltung“. Aber muss man nicht auch provokant sein?

Ich sehe das anders, ich bin sicher ein Typ, der auf leisen Pfoten daherkommt. Meine Sendung ist eher leise, unaufgeregt. Aber wer mich für harmlos hält, irrt. Wir gehen immer wieder kontroverse Themen an, aber nicht so, dass der Moderator im Vordergrund steht.

Bei anderen Talkshows läuft das aber anders. Ist das „Nachtcafé“ noch zeitgemäß?

Wir sind mit unserem Weg sehr glücklich geworden, einfach weil wir uns unterscheiden. Wir haben ein Alleinstellungsmerkmal, wir sind nicht immer dem Zeitgeist hinterher gerannt. Und das hat uns die Treue der Zuschauer gesichert. Wir sitzen heute noch auf denselben Ledersesseln wie vor 27 Jahren. Wir hatten das Glück, ein Modell gefunden zu haben, das die Zuschauer anspricht. Und sie wussten, was sie jeden Freitagabend erwartet: Der Backes, sein Thema, seine Gäste.

Tja, das ist ja nun vorbei. Es wird die Zuschauer künftig freitagabends nicht mehr der Backes erwarten, sondern der Michael Steinbrecher (bekannt aus dem „Sportstudio“).

Die Entscheidung, dass er mein Nachfolger werden soll, finde ich gut; und ich glaube auch, das es gut weitergehen wird.

Michael Steinbrecher wird Dinge anders machen. Wird das der Sendung schaden?

Nein, natürlich weiß man es im Detail erst hinterher. Aber es wurden die besten Voraussetzungen geschaffen und Michael Steinbrecher trifft auf eine Redaktion, die weiß, wie man mit nichtprominenten Gästen arbeitet, was wir zum Markenzeichen gemacht haben. So professionell wie wir leistet das keine andere Talkshow-Redaktion der Nation. Wir sind ja im Moment auch die erfolgreichste unter den wöchentlichen Talkshows.

Ist es nicht gefährlich, Dinge zu ändern, wenn diese sich 27 Jahre bewährt haben?

Ja, schon. Die Zuschauer sind bei so einem Wechsel oft ungerecht. Es bleibt aber das gleiche Format.

Wovon wird Ihre letzte Sendung am 12. Dezember handeln?

Das Thema wird „Happy End“ sein mit Harald Schmidt, Winfried Kretschmann, Iris Berben, einem Überraschungsgast und Geschichten von Nicht-Prominenten.

„Happy-End“ als Titel Ihrer letzten Sendung?

Erstmal wollte ich ausdrücken, dass es einen großen Unterschied gab zwischen dem Anfang der Sendung und nun dem glücklichen Ende meiner Zeit als „Nachtcafé“-Moderator. Die Sendung musste ich mir damals mehr oder weniger erkämpfen. Niemand hätte darauf gewettet, dass das „Nachtcafé“ eine große Zukunft haben wird. Die Premiere war damals nachts um 23.45 Uhr angesetzt. Und erst fünf vor zwölf gingen wir wirklich auf Sendung, weil eine Faschingsübertragung maßlos überzogen hatte. Aber Glück im Pech.

Ist der Titel „Happy-End“ nicht irreführend – die Sendung endet ja nicht?

Das „Happy-End“ bezieht sich auf mich und das Ende der Sendung in Ludwigsburg.

In Heidenheim stellen Sie Ihr neues Buch „Mein neues Zitatebuch“ vor. Warum ein Buch zum „Nachtcafé“?

Nicht nur beim „Nachtcafé“, sondern auch in meiner anderen Sendung „Ich trage einen großen Namen“ verwende ich immer wieder gerne Zitate. Zum Abschluss wollte ich mit meinem neuen Buch nochmals einen Akzent setzten. Im Buch stehen 400 Zitate, die nach Themen- und Lebensbereichen sortiert sind. Die Zuschauer lieben diese goldenen Worte über die Maßen – deswegen dieses kleine Präsent zum Schluss.

In 27 Jahren als Moderator hat man sicher viel erlebt, welche Geschichte erzählen Sie besonders gerne?

Über den überraschenden Abgang von TV-Regisseur und Frauenliebhaber Dieter Wedel, der schon nach acht Minuten Sendezeit das „Nachtcafé“ wieder verließ. Oder über unsere Sendung „Adel heute“ mit dem falschen Prinzen Frederic von Anhalt, der damals zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen war. Das war eine Sendung, die mir eigentlich am tiefsten in Erinnerung geblieben ist.

Wie macht man mit Nicht-Profis eine Talkshow?

Zuerst wird das Thema festgelegt. Dann entwerfen wir eine abstrakte Rollenverteilung und dann gehen zwei bis drei Leute in die Recherche und machen Vorschläge. Dann führt die Redaktion Telefonate und erstellt Dossiers für mich. Ich telefoniere mit allen Gästen, die von meinem Team vorab ausgewählt wurden. Dann wird nochmals diskutiert, wer schließlich in die Sendung kommt. Am Schluss habe ich einen Ordner mit Informationen über jeden Gast und einen Dramaturgievorschlag von der Redaktion. Damit setzte ich mich zu Hause hin und schreibe in der Ruhe meine Moderation.

Sie sind eigentlich Doktor der Geographie. Wie kamen Sie zum Journalismus?

Als Schüler spürte ich bereits die Neigung zum Film. Und in meiner Zeit als Schulsprecher am Gymnasium in Backnang stand ich auch schon mal moderierend auf der Bühne – ohne allerdings je daran zu denken, dass ich diesen Beruf wirklich ergreifen könnte. Ich bin der kleinste von sechs Jungs und da einige meiner Brüder sich sehr in künstlerischen Berufen versucht haben, war die Sehnsucht meiner Eltern groß, dass ich wenigstens etwas Vernünftiges studieren sollte. Es wurde Chemie und Geographie. Meinem Doktorvater habe ich dann vorgeschlagen, dass ich einen Film als Anlage zu meiner Doktorarbeit produzieren könnte. Das war die entscheidende Weichenstellung in meinem Berufsleben. Es gab mir die innere Legitimation, mich für ein Praktikum beim Fernsehen zu bewerben.

Sie arbeiten viel vor und viel hinter der Kamera – wo arbeiten Sie lieber?

Es ist beides schön. Ich war ein leidenschaftlicher Filmemacher, aber ich glaube, dass die Entscheidung Richtung Moderation aus heutiger Sicht ein großer Glücksfall für mich war. Außerdem ist es sicher auch schwieriger, als 68-Jähriger Filme zu produzieren, als zu moderieren. Denn das Filmedrehen draußen in der Welt ist ein hartes Geschäft und auch nicht unbedingt sehr familienfreundlich.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel