Zukunft Handwerk setzt auf klassische Stärken und erweitert Angebot

Kreis Heidenheim / Hendrik Rupp 20.06.2016
Was die Industrie kann, kann das Handwerk auch: Das war eine der Kernbotschaften bei der Jahresbegegnung der Handwerkskammer Ulm.

Über 300 Gäste aus dem gewaltigen Kammergebiet, das vonm Bodensee bis nach Ellwangen reicht, waren am Freitag zur Veranstaltung in die Voith-Arena gekommen. Vor dem Programm im Sparkassen-Business-Club hatten die zumeist auswärtigen Gäste ausgiebig die Fußballarena besichtigt.

Fußball und Handwerk – das brachte Handwerkskammer-Präsident Joachim Krimmer leicht zusammen: „Handwerk und Fußball brauchen die Besten!“ so Krimmer. Und darum sei das Handwerk heute auch an allen Schularten präsent. 15 Prozent der rund 7500 Handwerks-Azubis zwischen Friedrichshafen und Ellwangen hätten Abitur, bei Bildungspartnerschaften suche das Handwerk heute ganz bewusst auch Gymnasien aus. Zudem spreche man zusammen mit der Hochschule Weingarten auch Studienabbrecher an. Dass ein Studienplatz mit 8000 Euro vom Staat unterstützt werde und ein Berufsschüler nur die Hälfte, sei ein Ungleichgewicht.

Mehr als 100 Flüchtlinge hat die Kammer in den vergangenen Monaten in Ausbildung gebracht. „Bei fast 1000 offenen Lehrstellen nehmen diese Menschen niemandem etwas weg“.

Stolz zeigte sich Krimmer über die Leistungen gerade der jungen Handwerker: „Europas beste Bäckerin kommt aus Aalen, Deutschlands bester Augenoptiker aus Schwäbisch Gmünd und die beste Drechslerin stammt hier aus Sontheim!“ so Krimmer.

Erstmals vergaben die Handwerkskammer und die Südwestbank in Heidenheim den Zukunftspreis der Handwerkskammer Ulm. Auf Patz 1 wählte die Jury die Schreinerei Holitsch aus Tettnang, Platz 2 belegte der Malerbetrieb Böttinger aus Blaubeuren und den dritten Platz sicherte sich die Möbelschmiede Stephan Schmidt aus Wilhelmsdorf. Unter die zehn besten Betriebe hatte es auch die Firma Elektrotechnik Kolb aus Niederstotzingen geschafft.

Dass das Handwerk es in Heidenheim auch unter die Fußballsponsoren bringen kann, machte Oberbürgermeister Bernhard Ilg deutlich – ohne die Handwerker unter den fast 300 Sponsoren sei der FCH kaum denkbar.

Kritik übte Ilg an einer Gesellschaft, die allem Neuen und jeder Veränderung zunehmend negativ begegne. „Jedes Auto hat mehr Vorwärts- als Rückwärtsgänge; warum nicht auch unsere Gesellschaft?“

Klar sei, dass das Handwerk der Industrie in vielen Punkten in nichts nachstehe, so Ilg, der den Begriff „Industrie 4.0“ denn auch etwas irreführend findet. Es werde auch ein Handwerk 4.0 geben, auch eine Bildung 4.0. Das Handwerk sei dabei höchst flexibel, besitze aber auch klassische Stärken, es sei bei der 4.0-Thematik sowohl Katalysator wie Stabilisator.

Höchst unterhaltsamer und in der Voith-Arena sehr passender Hauptredner war Knut Kircher, lange Jahre DFB- und Fifa-Schiedsrichter und nach Erreichen der Altersgrenze (47) jetzt Bundesliga-Rentner. „Die Entscheidung steht“, so Kirchers Vortrag, in dem er Einblicke in die Welt des oft so undankbaren Schiedsrichteramtes bot: 14 Kilometer Laufleistung in 90 Minuten, umgeben von Lärm und teils perfekt schauspielernden Fußball-Profis, immer Zeitlupen im Nacken, die jede Fehlentscheidung sofort enttarnen. Kircher machet aber auch klar, dass man die Fünf manchmal grade sein lassen muss – wie einst bei Giovane Elber, der im Torjubel regelwidrig sein Trikot auszog, aber noch ein zweites darunter hatte – und sein Trikot einem Fan im Rollstuhl schenkte. „Das müssten Sie pfeifen, aber Sie pfeifen es natürlich nicht“, so Kircher: „Das ist die Handwerkskunst des Schiedsrichters“.

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