Premiere Hänsel und Gretel ein musikalischer Leckerbissen

Heidenheim / Manfred F. Kubiak 16.12.2012
Hänsel und Gretel: Die Premiere am Freitagabend im CC war schlussendlich beste Werbung in eigener Sache. Und sollte sich das, was zu vermuten steht, auch noch herumsprechen, werden im nächsten Jahr bestimmt noch die gut hundert Plätze besetzt sein, die diesmal frei geblieben waren.

Lebkuchen, die gibt's ja inzwischen das ganze Jahr über. Aber ein Weihnachtsstück, in dem Kinder Erdbeeren sammeln und der Kuckuck ruft, ist nach wie vor eine recht merkwürdige Geschichte. Aber so ist das mitunter nun einmal: Oft bleibt der erste Eindruck irgendwie hängen. Und in Sachen „Hänsel und Gretel“ hängt dem Ganzen eben noch die Uraufführung zu Weimar anno 1893 nach: an einem Abend vor Heiligabend. Kein Wunder, dass Engelbert Humperdincks opus magnum die Weihnachtsoper schlechthin geblieben ist.

Doch wenn es tatsächlich so sein sollte, dass der erste Eindruck hängenbleibt, dann darf und wird die Heidenheimer Winteroper wiederkommen. Die Premiere am Freitagabend im CC war schlussendlich beste Werbung in eigener Sache. Und sollte sich das, was zu vermuten steht, auch noch herumsprechen, werden im nächsten Jahr bestimmt noch die gut hundert Plätze besetzt sein, die diesmal frei geblieben waren.

Die Winteroper also, und erstmals außerhalb der Opernfestspielzeit eine eigenproduzierte Oper „Made in Heidenheim“. Das ist schon eine neue Qualität, und da der Orchesterapparat der „Cappella Aquileia“ ja auch dort abgerechnet wird, ist die Chose schon im Festspielpreis, den Heidenheim bezahlt, inbegriffen und, wenn man so will, am Ende tatsächlich eine Art Weihnachtsgeschenk. Mit dem dann demnächst anlässlich eines Gastspiels in der Schweiz sogar noch ein wenig Geld hinzuverdient wird.

Wobei wir beim Thema wären. Denn Geld, in diesem Fall das, das man nicht hat, spielt im Haus des armen Schluckers Peter, selbstständiger Besenbinder mit Frau und zwei Kindern, eine alles andere als friedenstiftende Rolle. Allerdings vertraut die Familie auf Gott, der's schon irgendwie richten wird. Und wenn man sich die Zeit der Uraufführung der Oper vor Augen führt, dann mag man sich das Wohlwollen der seinerzeit obwaltenden Kräfte schon vorstellen können. Die wilhelminische Ordnung geriet durch diese inhaltlich eher weichgespülte Version des ja wesentlich komplexer gestrickten Märchens auf alle Fälle nicht ins Wanken.

Aber in Sachen Heidenheimer Winteroper wird ja, da ist dann Schmalhans doch auch mal Küchenmeister, nicht inszeniert, sodass man sich an dieser Stelle auch die Deutung sparen kann. Und so bleibt womöglich ein wenig mehr für die rein musikalische Seite der Medaille übrig, die am Freitag denn auch richtiggehend vorweihnachtlich glänzte.

Wo fängt man da an? Vielleicht beim Orchester. Heidenheims unlängst gewissermaßen neu erfundene Kammerphilharmonie ist ja etwas, das man, wenn man wollte, despektierlich einen zusammengewürfelten Haufen nennen könnte, im Fachjargon allerdings ein Projektorchester nennt. Jedenfalls spielt die Truppe nicht so oft zusammen. Und dafür wiederum klingt sie geradezu sensationell – und ebenso homogen wie differenziert. Da wird ganze Arbeit geleistet und das Ganze freudig getan. Das hört man.

Jedenfalls klang das handwerklich ja schon in Richtung genial konstruierte spätromantische Zaubergewebe des Herrn Humperdinck bei Maestro Marcus Bosch und seiner Cappella Aquileia unterm Strich grandios. Wer sich darauf gefreut hatte, Humperdincks hohe Instrumentierungskunst auszukosten, der wurde in keiner Weise enttäuscht. Wobei Marcus Bosch sehr schön die Balance hielt, was der Leichtigkeit der Partitur die Luft zum Atmen ließ und andererseits „Meistersinger“-Zitate und andere wagnerianischen Muskelspiele zwar dem Ohr schmeichelten, aber sich eben nicht schwer wie Mehltau auf die Blätter im Wald legten.

Ein bisschen Ballast allerdings war dennoch mit im Spiel. Akustischer Ballast. Denn nicht immer waren vor dem Hintergrund des in deutlich üppiger als in mozartischer Formation aufmarschierten Orchesters die Stimmen der formidablen Solisten so zu hören, wie man es diesen, aber auch den Zuhörern gewünscht hätte. Da jedoch offenbar erstaunlicherweise in jedem Eck des Saales das, was gut oder weniger gut zu hören war, etwas anders empfunden wurde, dürfte das Problem kaum der Lautstärke des Orchesters, als vielmehr der Akustik des Raumes geschuldet gewesen sein, die womöglich bei der konzertanten Opernversion, die die Sänger auf Augenhöhe mit dem Orchester sieht, noch einmal eine andere zu sein scheint als im Konzert oder in der Opernvollversion mit Orchester im Graben.

Nichtsdestotrotz hielten die Solisten das versprochene hohe Niveau. Allen voran die Titelhelden. Besser, adäquater, kongenialer als die Sopranistin Séphanie Elliott (Gretel) und Mélanie Forgeron (Hänsel) kann man das nicht singen und spielen. Bariton Rolf A. Scheider, der für den erkrankten Jochen Kupfer eingesprungen war, hatte die übrigens durchaus gefährlich gelagerte Partie des Vaters im Griff. Was auch für Rachael Tovey gilt, die die Mutter hochdramatisch grundiert gab. Christoph Wittmans Hexe kam tenoral sehr farbenreich daher und ohne ins Lächerliche abzudriften, was bei der Besetzung der Partie mit einem Spieltenor oftmals passiert. Nicht von ungefähr war auch Humperdincks erste Wahl hier ein Sopran. Ein solcher schmückt auch Csilla Csövari (Sandmann, Taumann), eine junge Koloratursoubrette, die man ruhig als Entdeckung feiern darf. Und der Kinderchor der Heidenheimer Musikschule? Da durfte man doch fast ein wenig staunen. Eine fein klingende regelrechte Überraschung. Hut ab.

Gut, vielleicht hätte man noch ein wenig effektvoller mit Licht und ein wenig schicker mit Kostümen arbeiten können. Grundsätzlich aber hat diese halbszenische Herangehensweise erheblichen Charme, auch wenn sich im speziellen freitäglichen Hänsel-und-Gretel-Falle der eine oder andere junge Besucher womöglich mehr Futter für die Augen gewünscht hätte. Wobei man sich auf der anderen Seite schon auch darüber wundern darf, dass Kleinstkinder und sogar Neugeborene mit in die Oper genommen werden. Dass dies am Ende allerdings tatsächlich sogar weniger störte als das – wohin auch immer? – Gehen und – woher auch immer? – Kommen einiger Erwachsener während der Vorstellung, war, wenn nicht reines Glück, dann ja doch vielleicht eine Wunder der immer näher heranrückenden Weihnacht.

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