Königsbronn / Patrick Vetter  Uhr
Die Musikwerkstatt führt auch Kinder und Jugendliche an die Oper heran. Aus diesen Bemühungen entstand dieses Jahr ein Stück, das Grundschüler mitentwickelt haben.

Wenn Grundschüler mit echten Profis zusammenkommen und Kunst schaffen, die es wert ist, Eingang im Programm der Heidenheimer Opernfestspiele zu finden, dann ist das die Musikwerkstatt von Laura Nerbl. Seit Jahren bemühen sich die Opernfestspiele mit ihrem Bereich „Education“, auch Kinder und Jugendliche mit ins Boot zu holen. Junge Leute sollen in Berührung mit der Oper kommen und die ihnen meist völlig unbekannte Kunstform kennenlernen können.

Dieses Jahr hat man es erstmals gewagt, von Beginn an ein Stück fest ins Programmheft der Opernfestspiele zu schreiben, das sich erst im Laufe dieser intensiven Arbeit mit den Kindern heraus entwickelt: Die „Glücksschmiede“ ist ein Musiktheater, bei dem neben den Musikern der „Cappella Aquileia“ vier Grundschulklassen aus Oberkochen und Königsbronn beteiligt sind. „Das ist der Höhepunkt der Arbeit der vergangenen Jahre“, sagt Matthias Jochner, der Kulturamtsleiter der Stadt Heidenheim.

Dass alle Beteiligten der Opernfestspiele die Musikwerkstatt durchaus ernst nehmen, wird schnell klar: Viele Profis haben sich der Inszenierung angenommen. Laura Nerbl, Leiterin der Musikwerkstatt, die musikalischen Leiter Christian Mattick und Heinz Friedl und der Regisseur Martin Philipp, der auch schon Regisseur der Jungen Oper und der Oper „Tosca“ in Heidenheim war, entwickeln das Stück bereits seit März zusammen mit den Kindern. Unterstützt wird das Team von verschiedenen Musikern.

Youtube

Jetzt, knapp eine Woche vor der Premiere am Sonntag, 26. Mai, im Opernzelt sind sie allerdings noch nicht ganz fertig. In der „Glückschmiede“ wird gearbeitet, gebastelt und an den Kompositionen gefeilt, und erst ganz am Ende wird alles zusammengefügt. In der Schule in Königsbronn ist es während der Proben so still, wie es in einem Klassenzimmer eben sein kann. Alle Kinder warten auf das unauffällige Startsignal eines Mitschülers: Er atmet deutlich hörbar ein, und alle beginnen gemeinsam zu musizieren.

Workshops für die Lehrer

Auch wenn es keine vorgegebene Struktur für das Stück gibt, ist die Musikwerkstatt doch ein gut geplantes Experiment mit Konzept. Im März gab es zunächst Workshops für die Verantwortlichen der „Glücksschmiede“ und für die Lehrer der teilnehmenden Klassen. Im nächsten Schritt lernten die Kinder die Oper kennen und besprachen grundlegende Regeln des gemeinsamen Auftretens auf einer Bühne: „Sie haben gelernt, wie man sich auf der Bühne organisiert“, erklärt der musikalische Leiter Mattick.

Die Grundschüler, von denen einige erst sieben Jahre alt sind, mussten sich beispielsweise daran gewöhnen, auf ein unauffälliges Signal der Mitspieler zu achten – wie das tiefe Einatmen. „Das war gar nicht so einfach. Vor allem die Kleinen halten immer die Luft an, wenn sie sich auf das Atmen konzentrieren“, erzählt Nerbl.

Was bedeutet Glück für Kinder?

Doch auch ein Experiment braucht konkrete Ideen: Die Kinder nahmen sich dabei unter Anleitung der Opern-Profis eines großen Themas an. Auf gemalten Bildern und in kleinen Texten hielten sie alles fest, was Glück für sie bedeutet. „Da geht es um Sport, oder einfach nur um das Klettern auf einen Baum, aber auch viel um Familie oder Urlaub“, verrät Nerbl.

Für Regisseur Philipp war dieser Teil der Arbeit aufschlussreich – auch für kommende Produktionen: „Das ist ein absolutes Experiment. Ich habe jetzt schon so viel von den Kindern gelernt und gemerkt, was sie wirklich bewegt“, sagt er; das könne ihm in Zukunft bei Kompositionen für Kinder helfen. Doch auch die Kinder lernen laut Philipp viel dazu: „Die Klasse entwickelt sich während des Projekts. Die Klassenhierarchie kann sich ändern.“ Schüler könnten zum Beispiel ganz neue Talente entdecken und erlangen dafür auch ein ganz anderes Ansehen bei den Klassenkameraden.

Bevor es an die Umsetzung der Ideen auf der Bühne ging, bastelten die Grundschüler mit dem Verein Kinder und Kunst Heidenheim noch ihre eigenen Instrumente. Aus Schläuchen, Tennisbällen, Joghurtbechern und Chipsdosen. Das Besondere dabei: Die Instrumente sind gleichzeitig Teil des Bühnenbilds. „Die Musik wird dadurch szenisch. Wenn man mit einer großen Fahne Geräusche erzeugt, dann hat das eine tolle Wirkung“, erklärt Mattick.

Jedes Kind besitzt also einen eigenen kreativen Klangkörper. Darüber hinaus gibt es allerdings noch vier große Holzwürfel, für jede Klasse einen, in denen die Kinder als ganze Klasse verschwinden können. Die Würfel sind beweglich und von innen mit weiteren Instrumenten zum Draufklopfen, Darüberstreichen und Aneinanderklimpern ausgestattet.

Es entsteht ein abstraktes Stück

Aus diesen Zutaten komponiert also jede Klasse jeweils einen Akt der „Glücksschmiede“. „Wie könnten sich denn Sonnenstrahlen anhören?“, fragt Nerbl bei der Probe in Königsbronn. Mehrere kleine Finger schnellen in die Höhe. „Das können wir damit machen“, sagt die siebenjährige Emily und klimpert mit ein paar Kleiderbügeln. So entsteht Stück für Stück zwar keine strukturierte Handlung, aber eine abstrakte klangliche Auseinandersetzung mit dem Thema Glück.

Für die einzelnen Akte tritt jeweils eine Klasse aus ihrem Würfel und imitiert mit ihren selbstgeschaffenen Möglichkeiten akustisch einen Strandurlaub oder verschiedene Sportarten. Ein Tennisball an einer Gummischnur, der gegen die Holzwand des Würfels wummert, soll wie herunterfallende Kokosnüsse klingen, und Schreie in ein Gummirohr imitieren die Rufe von Möwen.

Zwischen den einzelnen Auftritten der Klassen im Opernzelt spielen die Musiker der „Cappella Aquileia“. Doch auch die Musik wird erst komponiert, wenn die Szenen stehen; so kann sie möglichst optimal überleiten. Zusätzlich zur Live-Musik werden im Vorfeld die Klänge der improvisierten Instrumente aufgenommen, so dass aus den sehr unterschiedlichen Geräuschen am Computer ein echtes Musikstück zusammengestellt werden kann.

Auch wenn erst kurz vor der Premiere die komplette Inszenierung stehen wird, ist Mattick zuversichtlich, dass alles klappt: „Sobald es die eigene Sache der Kinder ist, hat man die Sicherheit, dass sie auch voll dabei sind.“

Aufführungen der Glücksschmiede

Premiere hat die „Glücksschmiede“ am Sonntag, 26. Mai, im Opernzelt im Brenzpark um 15 Uhr. Am Tag darauf, Montag, 27. Mai, wird die Inszenierung um 18 Uhr nochmal aufgeführt. Die Eintrittskarte für die „Glücksschmiede“ ist gleichzeitig auch Eintrittskarte für den Brenzpark. Vor der Premiere verbringen alle teilnehmenden Klassen drei Tage im Opernzelt, um die einzelnen Akte zusammenzufügen.

Zwei Aufführungen haben die Kinder aber bereits hinter sich. In Großkuchen in der Turn- und Festhalle und in Königsbronn in der Ostalbhalle präsentierten die Klassen schon die einzelnen Kompositionen, allerdings ohne den letzten Schliff.