Wohnen Großer Deal: Stadt kauft „Klein-Zürich“

Links und rechts der Giengener Straße: Vom früheren Wohngebiet „Klein-Zürich“ geht der Blick auf die einstige Voith-Ausbildungsstätte, jetzt Integrationszentrum Heidenheim. Mittelfristig soll aus beiden Teilen  ein neues Wohnquartier werden.
Links und rechts der Giengener Straße: Vom früheren Wohngebiet „Klein-Zürich“ geht der Blick auf die einstige Voith-Ausbildungsstätte, jetzt Integrationszentrum Heidenheim. Mittelfristig soll aus beiden Teilen ein neues Wohnquartier werden. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / erwin bachmann 22.06.2016
„Klein-Zürich“ ist schon längst verschwunden – hat aber gute Chancen, in Zukunft ganz groß herauszukommen: Jetzt ist die Stadt Eigentümerin des Areals.

Am Dienstagvormittag war Notartermin. Oberbürgermeister Bernhard Ilg unterzeichnete zusammen mit der Vonovia – vormals Gagfah – den Kaufvertrag, mit dem die Stadt den Zugriff zu einem knapp 21 500 Quadratmeter großen Gelände erhält. Es liegt an der östlichen Einfallspforte Heidenheims und umfasst das Areal der vor mehr als zehn Jahren platt gemachten Siedlung „Klein-Zürich“, das eigentlich den weniger geläufigen Gewann-Namen „Am Hardtwald“ trägt.

Das einzig bebaute Grundstück in diesem Bereich ist der alte, in der Walther-Wolf-Straße gelegene Kindergarten St. Hedwig, der zusammen mit St. Leonhard in die neue Kita-Einrichtung St. Joseph aufgegangen ist und seit vergangenem Jahr leer steht: Auch dieser Geländeabschnitt wird in Kürze an die Stadt veräußert, ist nur aus formalen Gründen Bestandteil eines separaten Kaufvertrags.

Den genauen Kaufpreis darf OB Ilg nicht nennen, aber eine Größenordnung gibt er auf Anfrage dann doch preis. „Er liegt unter einer Million,“ sagt er im Wissen darum, dass die öffentliche Hand nicht von ungefähr zugegriffen hat und dass dieses Geld angesichts der sich auf dem örtlichen Wohnungsmarkt abzeichnenden Entwicklungen allemal gut angelegt ist. „Das Thema Wohnungsbau gewinnt in Heidenheim an Brisanz“, sagt der Rathaus-Chef, wobei er diese Aussage nicht im Sinne einer Wohnungsnot gewertet, sondern im Blick auf die Vielfalt des Angebots verstanden wissen will.

Grundsätzlich ortet er ein markantes Defizit an Grundstücken, auf denen Ein- bis Zwei-Familienhäuser errichtet werden können, was denn auch manchen potenziellen Bauherrn zur Landflucht – etwa ins benachbarte Nattheim – treibt. Und er erkennt einen klaren Mangel an gebrauchten Ein- und Zweifamilienhäusern: bei einer gleichzeitig „erstaunlich„ anhaltenden Nachfrage nach stadt- und zentrumsnah gelegenen Eigentumswohnungen.

Mit der Siedlungsfläche „Am Hardtwald“ verschafft sich die Stadtverwaltung Zugriff zu einem Stadtteil, in dem nach Einschätzung Bernhard Ilgs ein gehöriges Entwicklungspotenzial steckt und dessen Möglichkeiten nicht mit einer 08/15-Vermarktung verspielt werden sollen. Wie der Verwaltungschef bei der offiziellen Eröffnung des Integrationszentrums Heidenheim deutlich machte, ist ihm eine geordnete, an den Wohn- und Lebensbedürfnissen aller Menschen ausgerichtete Siedlungspolitik gerade entlang der Giengener Straße ein zentrales Anliegen. Deshalb wolle man sorgfältig und professionell prüfen, welche städtebaulichen Strukturen und Siedlungsformen sich in diesem Quartier am besten eignen.

Was denkbar ist, erläuterte OB Ilg im Gespräch mit unserer Zeitung. Im Gegensatz zu dem noch vor einiger Zeit verfolgten Ansatz, an dieser Stelle klassischen sozialen Wohnungsbau zu realisieren, glaubt man nun mit einem Konzept punkten zu können, in dem zwar nach wie vor soziale Faktoren eingebunden sind, das sich aber an eine besondere Zielgruppe wendet. Die ist kostenbewusst, aber kreativ und sucht, was sie in Heidenheim bislang kaum findet: einfachere Eigentums- und Mietwohnungen, die individuellen Flair ausstrahlen, aus ausgewählten Werkstoffen bestehen und ökologische Gesichtspunkte in sich vereinigen. Dieses außerhalb tradierter Maßstäbe liegende Muster könnte beispielsweise die in Heidenheim relativ zahlreich vertretene Gruppe von Alleinerziehenden interessieren, wobei hier nicht automatisch und ausschließlich an das damit verbundene Bild der Hartz-IV-beziehenden Mutter mit Kind gedacht werden muss. Auch und speziell jüngere Menschen wie Einpendler, die in Heidenheim als Fachkräfte gefragt sind, könnten sich von einem Wohnkonzept angesprochen fühlen, das unmittelbar vor den Toren der Stadt und angrenzend an ländlich anmutendes Grün eine unverwechselbare Variante von „schöner Wohnen“ verspricht.

Interessant ist ein weiterer Aspekt. Der demnächst im Gemeinderat zu diskutierende Planungsansatz soll von Anfang an offen sein für Bedingungen, die sich auch rasch wieder ändern können. Dazu gehören auch die auf der anderen Seite der Giengener Straße angesiedelten Liegenschaften, die von Voith übernommen worden und zum Integrationszentrum umgewandelt worden sind. Weil diese für die Flüchtlingsunterbringung und -arbeit genutzte Einrichtung von vorneherein nur als Zwischenlösung gedacht, also auf etwa fünf Jahre angelegt ist, sieht Oberbürgermeister Ilg die links und rechts der Giengener Straße liegende Fläche – hier Hardtwald, dort Haintal – als eine Einheit, die es mittelfristig als Wohnquartier neu zu entwickeln gilt. Hieße, dass das jetzt umgebaute Ausbildungszentrum verschwindet und gleichfalls Wohnraum Platz macht. Nur das jetzt leerstehende frühere Schulungsgebäude mit Mensa, Klassenzimmern und großem Saal bliebe weiter erhalten und könnte die in den einzelnen Stadtquartieren zunehmend wichtige Funktion eines Begegnungszentrums übernehmen.

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