Soziales Gewalt in Familien: Die Schwelle sinkt

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Heidenheim / Brigitte Malisi 13.04.2014
Das Frauen- und Kinderschutzhaus bietet Zuflucht für Frauen und deren Kinder in extremen Notsituationen. Dort finden sie erst einmal Unterschlupf und Unterstützung. Schwierig wird es jedoch, wenn sich die Frauen kaum verständlich machen können. Die Diakonie sucht deshalb ehrenamtliche Dolmetscherinnen, die vor allem osteuropäische Sprachen beherrschen.

Psychische und körperliche Gewalt gegen Frauen macht vor keiner Gesellschaftsschicht oder Herkunft halt, stellen die Mitarbeiterinnen des Frauen- und Kinderschutzhauses fest. Was sie bewegt, ist der Eindruck, dass insgesamt die Schwelle zur Gewaltbereitschaft gesunken ist. „Einer Schwangeren in den Bauch zu treten, das ist hemmungslose Gewalt und eine Steigerung ist kaum noch vorstellbar“, sagt eine der Sozialpädagoginnen.

Was für eine Perspektive besteht für eine solche Partnerschaft, die ja eigentlich erst gerade begonnen hat? Wie will die junge Mutter sich und ihr Baby vor den Übergriffen schützen?

Viele Frauen harren heute nicht mehr jahrelang in einer Beziehung aus und nehmen Demütigung und Schläge in Kauf, ehe sie sich von den Männern trennen. Die Sozialpädagoginnen stellen fest, dass es den Frauen heute leichter fällt, auch mit kleinen Kindern die Trennung zu wagen. Doch ohne Unterstützung würden es viele wohl nicht schaffen.

Das bestätigt auch Anna S., die selbst erst vom Frauen- und Kinderschutzhaus erfuhr, als die Polizei wegen häuslicher Gewalt in ihre Wohnung kam. Zu einem Zeitpunkt, als sie in ihrem Leben wie in einem Alptraum feststeckte und keinen Ausweg sah. Arbeitslosigkeit, Geldnot, psychische und körperliche Gewalt bestimmten ihr Leben, und sie war nicht mehr in der Lage, ihren kleinen Sohn zu versorgen. Das Jugendamt brachte ihn in einer Pflegefamilie unter. „Ich habe mich geschämt“, sagt Anna S., aber sie habe sich nicht zu helfen gewusst.

Auch das sehen die Betreuerinnen als typische Entwicklung an. In den Familien gebe es häufig gleich eine ganze Fülle an Problemen, die eine Abwärtsspirale in Gang setzen. Häufig spielten Schulden und Suchtprobleme, die vom Alkoholmissbrauch bis zur Spielsucht reichen, eine große Rolle.

Die Fülle der Probleme gemeinsam mit den Frauen aufzuarbeiten bedeutet für die Sozialpädagoginnen viel Arbeit – aber auch immer wieder Erfolge. Wie im Fall von Anna S. beispielsweise, die inzwischen zusammen mit ihrem kleinen Sohn in einer eigenen Wohnung lebt.

Seit einiger Zeit kommen verstärkt Frauen mit osteuropäischen Wurzeln ins Frauen- und Kinderschutzhaus. Oftmals hatten sie in ihren Herkunftsländern qualifizierte Berufe, berichten die Betreuerinnen. In ihrer neuen Heimat finden sie aber offenbar keinen Zugang zur Kultur und dem Leben außerhalb ihrer Familie. Häufig scheitert es an der Verständigung.

Ehrenamtliche Helferinnen, die bei Bedarf als Übersetzerinnen eingesetzt werden könnten, wären eine große Unterstützung. Wer sich das vorstellen kann, kann sich unter Tel. 07321.24099 mit dem Frauen-und Kinderschutzhaus in Verbindung setzen.

Die Namen der Sozialpädagoginnen sind in diesem Bericht nicht genannt, um sie vor Übergriffen gewalttätiger Männer zu schützen.